Mehr Moor! Das Biosphärenreservat Schaalsee | Coca-Cola DE

Mehr Moor! Das Biosphärenreservat Schaalsee | Coca-Cola DE

Von Friederike Turmer

 

EINE REISE INS MOOR ist eine Reise durch die Zeit. Wir sehen, was war, was ist und vielleicht auch, was sein wird. Im Moor erleben wir aber nicht nur die Urzeit, wir verstehen auch die Ängste der Menschen vor 100 Jahren, wenn sie im Dunkeln durchs Moor mussten, Geräusche hörten, Irrlichtern durch den Nebel folgten, im Morast stecken blieben. „O schaurig ist‘s, übers Moor zu gehen“, schrieb Annette von Droste-Hülshoff. Das Gruseln beschleicht uns manchmal noch heute. Im Moor. Schon der dunkle Klang des Wortes.

 

Als ich den Erlebnispfad durch das Kalkflachmoor in Zarrentin am Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommern betrete, hat das Moor aber überhaupt nichts Unheimliches. Im Gegenteil. An einem warmen Sommertag platzt das Moor fast vor freundlichen Geräuschen. Pferde schnauben, Frösche quaken, Libellen knistern, Vögel zwitschern, der Kuckuck ruft, eine Hornisse brummt vorbei, laut wie ein Hubschrauber im Landeanflug.

 

Eingang zum Erlebnispfad in Schaalsee EINGANG zum Erlebnispfad in Schaalsee

 

Auch mit geschlossenen Augen wäre dieser Erlebnispfad ein Erlebnis, auf einem Steg, der die Besucher etwa einen Kilometer lang trockenen Fußes durch das Kalkflachmoor führt. Der Schaalsee und das Moor wurden in der letzten Eiszeit geformt, als Gletscher sich hier durchwälzten.

 

 

Wie sehr wir heute den Pfad als Erlebnis wahrnehmen, hängt von uns selbst ab. Jeder geht den Steg auf seine Art. Während ich an einem Teich Pause mache und den paarungsbereiten Libellen und Fröschen zuhöre, kommen unterschiedliche Moorbesucher vorbei. Einheimische schieben Kinderwagen über den Steg, wie vielleicht jeden Tag zur Mittagsschlafenszeit. Aufmerksame Tagestouristen aus Hamburg und Lübeck mit Rucksack und Fernglas, Ranger vom Biosphärenreservat in mückenabweisenden Tarnklamotten kontrollieren dies und das. Normalerweise würden sie Kita- und Schulklassen durchs Moor führen und ihnen viel erzählen über Torfabbau und Wasserstände, über Insekten und Amphibien, den Fischotter und die Wildschweine, die kreisförmige Stellen im Schilf hinterlassen. Strenggenommen ist es allerdings kein Schilf, was die Schweine da so gerne durchpflügen.

 

Binsenschneide DIE BINSENSCHNEIDE mag nasse Füße

 

Die Pflanze, die jetzt gerade sanft vom Wind, und in der Nacht unsanft von den Wildschweinen bewegt wird, erzählt viel mehr über den Zustand des Moors, als ich ihr ansehe. Hätte ich nicht Ulrike Müller und Sven Herzog vom Biosphärenreservat dabei, dann wäre die Landschaft für mich einfach hübsch und erholsam, so sehe ich die versteckten, aber gefährlichen Probleme, und die Fortschritte, die sich langsam zeigen. Die Binsenschneide zum Beispiel braucht nasse Füße.

 

„Nasse Füße“ sagen die beiden Experten oft. Für uns Nicht-Moorbewohner klingen „nasse Füße“ wenig gemütlich. Für Pflanzen und Tiere im Moor sind die nassen Füße lebenswichtig. An einigen Stellen bin ich tatsächlich froh über den Steg, sonst würden wir durch den Matsch stiefeln. An anderen Stellen ist der Boden trittfest und trocken. Trockener als gut für ihn ist. Die Binsenschneide suche ich hier vergeblich, stattdessen wachsen an diesen Stellen Weiden und Faulbaum, die es gerne trockener haben, die aber eigentlich nicht hierhergehören. Cladium mariscus, so der lateinische Name der Binsenschneide, braucht nasse Füße, also mehr Wasser, das nach einem Regen für eine Weile stehenbleibt und nicht gleich abfließt.

 

 

Nun ist der Grundwasserspiegel in der Gegend aber gesunken. Ohne Wasser keine Binsenschneide, ohne Binsenschneide, die zwei Meter hoch wächst, blüht, vergeht und Torf bildet – kein Moor. Das schilfige Gewächs hat es in sich. Es wirkt unschuldig, wie es sich im Wind wiegt, tatsächlich sind die Blätter fest, weil Kalk darin abgelagert ist, und die Seiten der Blätter haben so scharfe Zacken, dass sie als Minisäge taugen. In den Finger oder auch in Blätter schneiden? Kein Problem. Ich hab‘s probiert.

 

Die Binse ist so stabil, dass sie früher zum Dachdecken verwendet wurde. Heute soll sie sich erholen von den Strapazen der letzten Jahrzehnte. Gerade hier an dieser Stelle wurden lange Zeit Torf und Kalk abgebaut. Heute achten viele Gartenfreunde beim Kauf von Blumenerde darauf, dass diese keinen Torf enthält. Torf wird im Moor gebraucht, nicht im Blumenkasten. Denn nur wo schon Torf ist, kann weiterer Torf entstehen, der Wasser hält, filtert und speichert. Die nährstoffreiche Schicht ist in Gefahr, wenn der Wasserpegel sinkt. Das geht nicht nur die Binsenschneide etwas an. 

 

Libelle im Moor LIBELLE im Moor

 

Wir alle reden über CO2, das Problemgas, das einmal in zu großem Maße freigesetzt, unser Klima verändert; sehr verkürzt gesprochen. Dass Pflanzen, Wälder, Regenwälder, Permafrostböden CO2 binden, ist Allgemeinwissen. Eher unbekannt ist, dass Moore heimliche, aber bedeutsame Helden in diesem Stück sind: Etwa ein Drittel des erdgebundenen Kohlenstoffs steckt in den Mooren, die aber selbst nur drei Prozent der Erdoberfläche bedecken. Wir tun sehr gut daran, unsere Moore zu schützen, wenn wir das Klima und unsere Zukunft stabilisieren wollen. Und genau das passiert hier gerade.

 

 

Nasse Füße wollen die moorerhaltenden Pflanzen, und nasse Füße sollen sie bekommen. In einem großangelegten Renaturierungsprojekt, an dem Coca-Cola Europacific Partners Deutschland mit 100.000 Euro beteiligt ist, werden Wasserläufe mit Hilfe von Holzbohlen gestaut, damit das Fußbad wieder hält. Es wird Jahre dauern, bis sich das Moor wirklich erholt, im Torf wird die Zeit langsamer gemessen. An manchen Stellen sehen Eingeweihte schon Erfolge: Die Vegetation verändert sich. Statt der trockenen kommen die feuchtigkeitsliebenden Pflanzen zurück.

 

Knabenkraut KNABENKRAUT

 

Zum Beispiel das fleischfarbene Knabenkraut, eine einheimische Orchideenart, die in einer komplizierten Symbiose mit einem seltenen Pilz lebt. Beide lieben das Fußbad. Orchidee, Pilz, Binsenschneide und Weide zeigen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem riesigen Netz der Arten, die sich gegenseitig beeinflussen. 

 

 

Wie lange hält das Netz?

 

Ich frage mich: Was wäre, wenn der Teichfrosch ausstirbt? Würde ich irgendetwas davon merken? Wahrscheinlich nicht sofort. Aber der Teichfrosch steht nicht für sich allein. So lange noch viele andere Froscharten quaken, fällt der eine nicht auf. Entscheidend ist, wie dicht das Netz noch ist. Wenn ich mir das ökologische Gleichgewicht wie ein Netz vorstelle, wird die Bedeutung der einzelnen Art im Gewirr von Beziehungen offenbar. Bekommt das Netz immer mehr Löcher, weil der Torf, die Binsenschneide, der Teichfrosch, ein Pilz, die Rotbauchunke, der Molch und der Fischotter verschwinden, dann trägt es nicht mehr.

 

Stehendes Wasser im Biosphärenreservat Schaalsee STEHENDES Wasser im Biosphärenreservat Schaalsee

 

Woran merke ich, wie dicht das Netz noch ist? Hinschauen und hinhören, raten die Experten. Tatsächlich sehe ich im Moor viel kleines Leben. Die Big Five, wie Seeadler, Biber, Otter, Fuchs, Kranich zeigen sich heute nicht, aber überall bewegt sich etwas. Über dem Wasser kreisen Libellen in blau und grün, unter Wasser sehe ich Rotfedern, kleine Fische mit roten Flossen, das Froschkonzert stammt eindeutig von einem großen Orchester. Schwäne, Enten, Blesshühner, Haubentaucher paddeln herum, die Vogelstimmen sind so vielfältig, dass sie schwer zu bestimmen sind. Der Drosselrohrsänger sticht heraus, fast wie der unermüdliche Kuckuck. Irgendwann gehe ich in Deckung wegen einer Hornisse. Eindeutig: Der Soundteppich ist dicht gewebt. In der Stadt höre ich meist nur Spatz, Amsel und Taube.

 

Moor im Biosphärenreservat Schaalsee FÜR PFLANZEN und Tiere im Moor sind die nassen Füße lebenswichtig

 

Aber das meiste Leben hier sehe ich gar nicht. Dort, wo wilde Tiere sich verstecken können, machen sie es auch. Im Totholz arbeiten kleine und große Käfer vor sich hin, ein Schaumtropfen, der aussieht wie Spucke, ist tatsächlich das Gelege der Schaumzikade. Im Verborgenen des Flusses Schaale, der aus dem Schaalsee abfließt, hat sich ein Wesen aus der Urzeit wieder angesiedelt: das Bachneunauge. Es sieht aus wie ein Aal, gehört aber zu den Rundmäulern. Ein lebendes Fossil, das es hier vielleicht schon gab, als noch Saurier die Bäume kahlfraßen. 

 

Nicht alle mögen nasse Füße

 

Das Renaturierungsprojekt, das ich mir erklären lasse, ist aufwändig und vielschichtig. Hier wird nicht nur ablaufendes Regenwasser gestaut, es werden Pegel gesteckt um das Ergebnis messbar zu machen, der nahegelegene Sportplatz wird komplett renoviert und aufgestockt, weil die Spieler bei dem neuen Wasserstand sonst das bekämen, was die Pflanzen so gerne möchten: Nasse Füße.

 

Ist das alles nötig, frage ich. Können wir die Natur nicht einfach machen lassen? Würde sich das Moor – auch ohne unser Zutun – nicht einfach von selbst erholen?

 

Moor im Biosphärenreservat Schaalsee MOORE sind wertvolle CO2-Speicher

 

Dafür, so erklärt Sven Herzog, gehen die Eingriffe der letzten Jahrzehnte zu tief. Natürlich würde die Natur sich die Gegend zurückholen. Aber anders. Die Landschaft würde verbuschen und das Moor vermutlich austrocknen. Viele Tier- und Pflanzenarten würden leise verschwinden und der wertvolle CO2-Speicher auch. Wenn der Wasserstand sich jetzt mit unserer Hilfe so weit stabilisiert, dass das Moor sich erholen kann, dann erholt die Natur sich zum Teil selbst.

 

Eine der Hauptaufgaben des Biosphärenreservats bleibt dann die Bildung und Aufklärung der Einheimischen und der Besucher. Nur Menschen, die die Natur erleben und verstehen, sehen ein, wie wichtig es ist, Naturlandschaften zu erhalten. Kinder, die auf ihren Schulausflügen etwas über die Fledermaus lernen, schauen abends anders in den Himmel. Für sie ist Totholz kein Müll, sondern eine Lebensgrundlage für Käfer und Insekten – und vielleicht auch eine Höhle für Fledermäuse.

Im Kalkflachmoor flattern acht Fledermausarten. Sie fressen sich nachts an den vielen Insekten, Spinnen, Käfern und Wasserläufern satt und verstecken sich in Baumhöhlen. Vielleicht wird die eine oder andere vom Fischotter, dem Fuchs, dem Seeadler oder dem Wiesel gefressen. So läuft das in einem intakten Netz.

 

Informationszentrum des Biosphärenreservats Schaalsee INFORMATIONSZENTRUM des Biosphärenreservats Schaalsee

 

Am Ende des Erlebnispfads kommen wir an der Sportplatz-Baustelle vorbei und am Strandbad am Ufer des Schaalsees. Der tiefste See Norddeutschlands mit seinen 72 Metern ist frisch und klar – zumindest an den Stellen, an denen nicht die gesamte Jugend von Zarrentin durchs Wasser springt. Ich schwimme ein paar Züge um die Mückenstiche zu kühlen, die Insekten haben sich offenbar über meinen Besuch gefreut.

 

Im Informationszentrum des Biosphärenreservats endet meine Runde. Hier finden die Besucher eine Ausstellung zu den Tieren und Pflanzen im Moor. Die frischen Eindrücke können mit etwas Wissen unterfüttert werden, und jeder der seine Runde hier anfangen und enden lässt, wird in Zukunft mit anderen Augen durchs Moor gehen. Das Moor ist nicht unheimlich. Aber unheimlich könnte unsere Zukunft aussehen, wenn wir es nicht schützen. Immerhin gibt es schon wieder nasse Füße.

 

Das Biosphärenreservat Schaalsee

Das UNESCO-Biosphärenreservat gehört zu den Nationalen Naturlandschaften. Seit 30 Jahren kümmern sich die Biosphärenreservate vor allem um drei Kernaufgaben: Naturschutz, Bildung und nachhaltige Regionalentwicklung. Das Biosphärenreservat Schaalsee ist seit über 20 Jahren von der UNESCO anerkannt. Bei der Renaturierungsmaßnahme soll der Wasserstand des Moores um maximal 45 Zentimeter angehoben werden. Coca-Cola Europacific Partners Deutschland ist als Partner der Nationalen Naturlandschaften mit 100.000 Euro an dem Projekt beteiligt.

Die Partnerschaft zwischen Coca-Cola und den Nationalen Naturlandschaften besteht nun schon seit 10 Jahren. Gefördert wurden unter anderem die Renaturierung an der Alten Elbe bei Klieken und ein Streuobstwiesenprojekt auf der Schwäbischen Alb.

Mehr unter: https://www.biosphaere-schaalsee.de/schaalsee/das-pahlhuus/