PLASTIKMÜLL betrifft uns alle. Pro Stunde landen geschätzte 900 Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren. Bilder von verschmutzten Stränden und verendeten Tieren sind beinah alltäglich geworden. Was wäre, wenn eine neue Technologie die Art und Weise, wie Kunststoff wiederverwertet wird, radikal verändern könnte?

Könnte dadurch auch bislang nicht recycelbarer Kunststoff, etwa aus Kleidungsstücken und Alltagsgegenständen, in brandneue Kunststoffflaschen umgewandelt werden?

Fragen an Maria Luisa Polli, Technische Direktorin von Coca-Cola für Mittel- und Osteuropa. Sie vertritt Coca-Cola im Beirat von DEMETO, einem europäischen Konsortium, das Technologien für chemisches Recycling entwickelt.

Was ist „chemisches Recycling“ und warum ist es so besonders?

„Es handelt sich dabei um einen chemischen Vorgang, der vormals nicht recycelbare Kunststoffprodukte aus PET in Rohstoff für neue Flaschen, Kleidungsstücke und andere Alltagsgegenstände umwandeln kann. Zurzeit wird PET mechanisch recycelt, was aufwändige Maschinen erfordert, die den Kunststoff sortieren, zerkleinern und reinigen. Das funktioniert zwar gut, aber um PET so zu recyceln, dass wir daraus sogenanntes „lebensmitteltaugliches“ PET für unsere Flaschen herstellen können, müssen wir bereits vorhandenen lebensmitteltauglichen Kunststoff verwenden. Eines der Hauptprobleme beim Recycling von PET ist die begrenzte Menge an qualitativ hochwertigem, lebensmitteltauglichem PET. Dieses PET ist zudem teurer als neues PET. Chemisches Recycling ist deshalb so interessant, weil dabei jeglicher PET-Abfall benutzt werden kann, um lebensmitteltaugliches PET herzustellen, sogar auch Abfall, der aus den Ozeanen aufgesammelt wurde oder Kunststoff aus anderen Quellen, wie zum Beispiel Polyestertextilien. Wenn auf lange Sicht sämtlicher Kunststoff recycelt werden kann, dann könnte Plastikabfall der Vergangenheit angehören.“

Maria Luisa Polli, Technische Direktorin Coca-Cola für Mittel- und Osteuropa
MARIA LUISA POLLI, Technische Direktorin bei Coca-Cola für Mittel- und Osteuropa

Was ist das DEMETO-Konsortium?

„DEMETO ist ein Konsortium von Partnern, die gemeinsam daran arbeiten, chemisches Recycling von PET zu einem nachhaltigen, rentablen und skalierbaren Vorgang zu machen. Mithilfe von Geldmitteln der Europäischen Union arbeitet DEMETO daran, eine bahnbrechende Technologie, die vom jungen Schweizer Unternehmen gr3n erfunden wurde, massentauglich zu machen. Diese Technologie macht es möglich, benutztes PET mittels Mikrowellenstrahlung, die den Vorgang beschleunigt, in seine Grundbestandteile zu zerlegen – Ethylenglykol und Terephthalsäure. Daraus leitet sich auch der Name DEMETO ab: DEpolymerisation durch MikrowEllenTechnolOgie. „Depolymerisation“ klingt zwar sehr kompliziert, aber man kann sich sehr vereinfacht vorstellen, dass es vergleichbar damit ist, ein Haus in Sandkörner zu zerlegen und es dann wieder aufzubauen.

Die Technologie von gr3n ist so bemerkenswert, weil sie auf allerlei verschiedene Kunststoffarten angewandt werden kann, zum Beispiel auch Teppiche und Textilien.

„Bis 2030 sollen alle unsere Plastikflaschen mindestens 50 Prozent recyceltes Material enthalten.“


Welche Rolle spielt Coca-Cola dabei?

„DEMETO und die Coca-Cola Company haben ein gemeinsames Interesse daran, die Lücke in der Kunststoffkreislaufwirtschaft zu schließen. Als Mitglied des Beirates von DEMETO treten wir einem externen Gremium von Interessensvertretern bei, die die Partner des Konsortiums unterstützen und richtungsweisendes Feedback geben. Als langzeitiger Befürworter und Wegbereiter des Recyclings von PET verfügen wir über einen umfassenden Wissensfundus und viele Experten in unserer Lieferkette, die Hilfe leisten können. Wir wollen maßgeblich an bahnbrechenden Technologien wie dieser beteiligt sein, weil sie uns dazu verhelfen können, unsere Vision einer „Welt ohne Müll“ zu erreichen. Insbesondere haben wir uns für 2030 das Ziel gesetzt, dass alle unsere Plastikflaschen mindestens 50 Prozent recyceltes Material enthalten sollen. Wir sind ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, dieses Ziel so schnell wie möglich zu erreichen – auch früher als geplant. Technologien wie diese eröffnen uns diese Möglichkeit.“

DEMETO – weitere Schritte
WEITERE SCHRITTE sind notwendig, aber das Ziel ist klar: PET ohne Downgrading recyceln 

Wer ist noch Teil des Beirates von DEMETO?

„Neben uns gehören 16 weitere bedeutende Wirtschaftsakteure dem Beirat an, darunter führende Marken in den Bereichen Heimtextilien, Sportbekleidung, Mode, Haushalts- und Körperpflegeprodukte sowie andere Lebensmittel- und Getränkeunternehmen, ebenso Kunststoffverarbeiter, Abfallsammler und Recyclingunternehmen. Dieses Projekt ist für viele Branchen relevant und inspiriert Akteure über die gesamte PET/Polyester-Wertschöpfungskette hinweg. Für uns geht es darum, aus einer Flasche erneut eine Flasche zu machen. Für andere soll aus Kleidung erneut Kleidung entstehen. Für uns alle ist es ein perfektes Beispiel einer Kreislaufwirtschaft, in der wir Produkte und Materialien am Ende ihrer Lebenszyklen wiederherstellen und erneuern, damit wir sie wieder und wieder verwenden können.“

„Ein perfektes Beispiel einer Kreislaufwirtschaft, in der wir Materialien wieder und wieder verwenden können.“


Wie lange wird es dauern, bis chemisches Recycling weiträumig eingesetzt werden kann?

„Uns ist bewusst, dass diese Technologie noch finalisiert und erweitert werden muss, aber sie ist ein Schritt in die richtige Richtung. DEMETO plant, bis 2021 einen Reaktor im industriellen Maßstab in Betrieb zu nehmen. Ich würde schätzen, dass es mindestens fünf Jahre dauern wird, bis diese und konkurrierende chemische Recyclingtechnologien branchenweit zum Einsatz kommen, aber unser Coca-Cola System könnte bereits früher von der Technologie profitieren. Wir hoffen, derartig recyceltes Material innerhalb der nächsten fünf Jahre in unsere Lieferkette aufnehmen zu können und so unserem Ziel von PET-Flaschen aus mindestens 50 Prozent recyceltem Material näher zu kommen.“

Können wir von Coca-Cola im Rahmen der Umsetzung unserer Vision einer Welt ohne Abfall weitere Kooperationen und ähnliche Nachrichten erwarten?

„Absolut! Verbraucher aus aller Welt erwarten von Unternehmen wie unserem, dass sie eine führende Rolle bei den Bemühungen übernehmen, eine abfallfreie Welt zu ermöglichen. Das ist die treibende Kraft hinter unserer Vision einer Welt ohne Abfall, im Rahmen derer wir Produkte entwerfen, Abfall sammeln und Partnerschaften schließen, um sicherzustellen, dass wir das hundertprozentige Äquivalent der Verpackungen recyceln, die wir verkaufen. Wir können das allerdings nicht allein bewerkstelligen. Wir wollen Teil einer branchenweiten Lösung sein und sicherstellen, dass innovative chemische Technologien, wie die von gr3n und anderen Unternehmen entwickelten, erfolgreich sein können. Es ist wichtig, dass der Branche eine Auswahl verschiedener Lösungen zur Verfügung steht, die in verschiedenen Größenordnungen und unter verschiedenen Umständen einsatzfähig sind. Wir arbeiten hart an der Suche nach und der Entwicklung von einer Vielfalt an innovativen Lösungen, die die PET-Kreislaufwirtschaft unterstützen und dafür sorgen können, dass das Problem von Verpackungsabfällen auf unserer Welt bald der Vergangenheit angehört.“