Streuobstwiese – das Wort klingt idyllisch. Und genau so sehen sie auch aus, die Wiesen im Biospärengebiet der Schwäbischen Alb. Aber das Paradies ist gefährdet. EUROPARC Deutschland e.V. arbeitet mit Unterstützung der Coca-Cola Foundation daran, sie zu erhalten. Ein Besuch bei Familie Semelka

DAS KLEINE MÄDCHEN scheint unendliche Energie zu haben. Immer wieder rennt es die steile Wiese rauf und runter. Zwischendurch greift es nach einem Apfel und lässt ihn in seinen kleinen grünen Eimer fallen. Rot und gelb sind sie, einige hängen noch an den Ästen, andere sind schon im Gras gelandet.

Lia ist drei Jahre alt. Sie kennt die Wiese, seit sie sich erinnern kann. Ihre älteren Geschwister sind schon erwachsen, auch sie haben hier gespielt, getobt, sich hinter den Bäumen versteckt, das Obst gesammelt.

Lias kleiner Bruder Junis hängt in der Trage am Bauch seiner Mutter und schaut ein wenig neidisch nach seiner Schwester. Eigentlich ist getragen werden ganz gemütlich, heute aber würde er lieber mit seiner Schwester toben. Stattdessen soll er schlafen und ein wenig still sein, während seine Mutter uns erzählt, was gerade mit ihrer Wiese passiert.

Weilheim an der Teck, mitten im größten Streuobstwiesengürtel Mitteleuropas. Sanfte Hügel, dichte Wälder, bunte Wiesen. Großstadtbewohner könnten denken, sie seien im Märchenland.

Streuobstwiesen - Sonja Semelka
SONJA SEMELKA auf ihrer Streuobstwiese

Wir stehen auf der Wiese der Familie Semelka, am steilen Hang, mit Blick auf den Limburg. Der Frühnebel weicht einem spätsommerlich blauen Himmel und ein Rotmilan zieht seine Kreise. Sonja Semelka hat ihre Wiese nicht, wie viele Nachbarn, von ihrer Familie geerbt. Sie und ihr Mann suchten nach einem Garten für die Kinder und kauften das Grundstück. Seit etwas mehr als zehn Jahren ist die Wiese im Besitz der neunköpfigen Patchwork-Familie. Dann wurde der Familienvater krank und konnte sich nicht mehr um das Stückchen Land kümmern. Geerntet wurde noch, die Kinder lieben das Obst, die Marmelade, den Apfelkuchen, den Kirschsaft. Zur richtigen Pflege aber fehlten Zeit und Kenntnisse. Jetzt hängen die Bäume zu voll und sie stehen zu dicht, die Wiese müsste gemäht, Äste beschnitten werden.

Streubtwiesen - Spechtlöcher
WOHNUNG FREI: Spechtlöcher

All das wird passieren. Die Wiese von Familie Semelka wurde ausgewählt, Teil eines großangelegten Streuobstwiesenprojektes zu sein. Getragen wird das Projekt von EUROPARC Deutschland e.V., dem Dachverband der Nationalen Naturlandschaften. In der größten zusammenhängenden Streuobstwiesenlandschaft Mitteleuropas setzt das Schwäbische Streuobstparadies e. V. in Kooperation in dem von der UNESCO ausgezeichneten Biosphärengebiet Schwäbische Alb die notwendigen Naturschutzmaßnahmen vor Ort um. Die The Coca-Cola Foundation unterstützt das Projekt über mehrere Jahre. Eine der Wiesen, deren Erhalt und Pflege von der Stiftung gefördert wird, ist die von Familie Semelka.

„Pflegebedürftige Wiesen haben wir reichlich und Familien, die sich gerne einbringen wollen, auch,“ sagt Maike Schünemann vom Verein Schwäbisches Streuobstparadies. „Aber den Familien sind die Zusammenhänge oft nicht klar. Genau dieses Wissen wollen wir wieder vermitteln.“ Tatsächlich sehen die Projektmitarbeiter bei vielen Familien, dass die Wertschätzung für die Schönheit und Vielfalt an Tieren und Pflanzen der eigenen Streuobstwiese mit dem Wissen wieder zunimmt. Auch bei den Semelkas ist es so.

Es geht um den Erhalt des Lebensraums für etwa 5.000 verschiedene Arten.

„Als wir für die Projektförderung ausgewählt wurden, haben wir uns natürlich gefreut. Seitdem lerne ich ständig Neues,“ sagt Sonja Semelka. Alleine würde sie es schlicht nicht schaffen, sich um die drei Kirschbäume, drei Apfelbäume, einen Birnbaum und eine Zwetschge und um die Kinder zu kümmern. Von der Wiese ganz zu schweigen. „Ich wusste zum Beispiel nicht, dass ich das Gras nach dem Mähen nicht liegenlassen sollte. Das habe ich bisher immer so gemacht. Es ist aber nicht gut für den Boden, weil so keine Luft und kein Licht durchkommen. Auch wie die Äste richtig geschnitten werden, war mir nicht klar.“

Tatsächlich ist Baumschnitt eine Wissenschaft für sich, erklärt Dr. Rüdiger Jooß vom Biosphärengebiet Schwäbische Alb: „Es gibt unterschiedliche Schnitte, die an Obstbäumen vorgenommen werden können. Manche Schnitte sind wichtig für den Ertrag, der spielt hier aber eine untergeordnete Rolle. Uns geht es um die ökologische Aufwertung der Wiese, deshalb achten wir darauf, dass naturschutzorientierte Schnitte vorgenommen werden.“ Weil die Besitzer selbst oft zu wenig über ihre Bäume wissen, um Schnittmaßnahmen sachkundig durchzuführen, bekommen sie im Rahmen des Projektes Hilfe zur Seite gestellt. Fachleute werden die Bäume schneiden, die Wiese zwei Mal im Jahr mähen und das Mähgut abtransportieren. In dieser Zeit kann die Familie dazulernen und neues Wissen auch gleich umsetzen. Über Schnitte, Mähen und darüber, worum es bei den Streuobstwiesen neben all dem Obst auch noch geht: um den Erhalt eines Lebensraums für etwa 5.000 verschiedene Arten.

Streuobstwiesen – Rüdiger Jooß
SUMMEN in der Wiese: Dr. Rüdiger Jooß erklärt die Biodiversität

Bei dem Projekt dreht sich nicht alles nur um Obst und schöne Natur: Die Wiesen gehören zu den artenreichsten Landschaften, die wir überhaupt haben. In den hochstämmigen Obstbäumen leben Vögel, Insekten, Fledermäuse, Siebenschläfer und andere kleine Säugetiere, ein Stockwerk darunter, in der Wiese, wachsen unterschiedlichste Gräser und Wildblumen. Auch hier hüpft und summt es gewaltig. Selbst Mitte Oktober sind noch Grashüpfer, Käfer, Wildbienen und Hummeln unterwegs. Sie finden Lebensraum und Nahrung und sie arbeiten fleißig am Erhalt der Biodiversität. Wildbienen und Hummeln bestäuben auch noch im Herbst, wenn es der Honigbiene längst zu kalt geworden ist.

Lia und ihre Geschwister kennen sich schon gut aus mit all den kleinen Tieren, die sich auf der Wiese tummeln. Wenn Lia auf eine Biene trifft, rennt sie nicht schreiend davon, sondern verhält sich ruhig und wartet ab. So klappt das dann auch mit dem Zusammenleben. Und das schon ganz schön lange.

Schon im Mittelalter wurde hier Obst angebaut, geerntet und eingemacht.

Schon im Mittelalter wurde hier Obst angebaut, geerntet und eingemacht. Über Jahrhunderte funktionierte das Geschäftsmodell mit dem Streuobst. Jetzt kommt es ins Stocken. Obst wird um die ganze Welt geflogen, der Apfel aus Neuseeland ist vom heimischen kaum zu unterscheiden, vielleicht glänzt er sogar schöner und billiger ist er im Zweifel auch. Das heimische Streuobst ist längst ein Zuschussmodell. Apfelsaft von der Streuobstwiese kostet mehr als der im Discounter. Doch wer ihn sich leistet, tut mehr für die Natur als nur ein heimisches und möglicherweise regionales Produkt zu kaufen. Weil es um mehr geht als den Apfel.

Nicht nur für Wiesenblumen und Insekten ist die Streuobstwiese wichtig, auch viele Obstsorten wären wohl schon ausgestorben, wenn sie den Rückzugsort Streuobstwiese nicht hätten. Vermutlich gibt es rund 3.000 verschiedene Obstsorten. Einige davon sind sehr alt und robust.

Streuobstwiesen – Maike Schünemann
HILFE für Wiesenbesitzer: Maike Schünemann vom Verein Schwäbisches Streuobstparadies

Welche Sorten auf der Wiese der Semelkas wachsen, weiß niemand genau. Da ist ein ausgewiesener Pomologe gefragt, ein Experte für alle Fragen rund um Obstarten und -sorten. Aber so wichtig findet es die Familie nicht. Hauptsache, die Äpfel schmecken und lassen sich vielseitig verarbeiten.

Kleine Kisten und improvisierte Verkaufsstände mit improvisierten Kassen säumen die Wege zwischen den Wiesen.

Eine der Nachbarwiesen ist vorbildlich gepflegt. Ein älterer Herr erntet kistenweise Äpfel und fährt sie mit seinem Traktor direkt zur Mosterei nach Schlat, wo aus alten Apfelsorten Saft und Prosecco hergestellt wird. Dort bekommt er noch ein paar Euro für eine Wagenladung Äpfel. In diesem ertragreichen Herbst ist es fast unmöglich, das Obst gewinnbringend zu verkaufen, klagt er. Zuviel Angebot, zu wenig Nachfrage.

Viele Wiesenbesitzer verkaufen ihr Obst einfach am Wegesrand. Kleine Kisten und improvisierte Verkaufsstände mit improvisierten Kassen säumen die Wege zwischen den Wiesen. In Beuteln werden Äpfel, Birnen und Walnüsse angeboten. Wer sich professioneller um die Vermarktung kümmert, bringt seine Ernte zum Bäcker oder auch zum Supermarkt vor Ort. Hier werden neben Obst auch Säfte, Weine, Obstler und Eingemachtes verkauft.

Streuobstwiesen – Blick auf den Limburg
IN FÜNF JAHREN wird überprüft, wie stark die Wiese ökologisch aufgewertet wurde.

Eine andere Nachbarwiese ist in den letzten Jahren fast komplett durch Brombeerhecken überwuchert worden. Büsche und Bäume wachsen so dicht, dass die Obstbäume fast nicht mehr zu erkennen sind. Die Wiese ist als Streuobstwiese verloren und damit auch die typische Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, darunter sehr seltene und gefährdete Arten. Sie ist nicht die einzige. Auf den Hügeln gegenüber können wir sehen, was passiert, wenn die Wiesen nicht mehr bewirtschaftet werden. Dort hat der Wald sich die ehemalige Kulturlandschaft Stück für Stück zurückgeholt, die Artenvielfalt hat auf diesen Flächen abgenommen.

Auf Semelkas Wiese wird bald das kniehohe Gras gemäht werden, drei Obstbäume, die zu eng stehen, werden entnommen und ein fachgerechter Schnitt soll den Bäumen das Tragen im nächsten Jahr erleichtern. Jedoch werden auch gezielt tote Äste mit ihren Höhlungen und Rissen, die längst keinen Ertrag mehr bringen, belassen. Darin finden Insekten, Vögel, Fledermäuse und Kleinsäuger Lebensraum und Schutz, sodass der biologische Kreislauf intakt bleibt.

Hier geht es nicht darum, einmal Geld zuzuschießen und dann weiterzuziehen, sondern um eine nachhaltige Hilfe für Land und Leute. In fünf Jahren wird durch einen Gutachter überprüft, wie stark die Wiese durch die von der Coca-Cola Foundation geförderten Maßnahmen ökologisch aufgewertet wurde.

Es sieht gut aus für die Wiese der Familie Semelka. Und wenn Lia und ihre Geschwister gerade nicht durchs Gras toben, kommen die Tiere aus ihren Verstecken und bedienen sich am übrigen Obst. Es ist genug für alle da.