Der folgende Artikel von Marie Rademacher ist am 8. März 2018 in den „Ruhr Nachrichten“, Regionalausgabe Dorsten, erschienen. Wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

KRISTIN INHESTERN hat sich ihr langes Haar zu einem festen Knoten gebunden und unter einem Haarnetz versteckt. Außerdem trägt sie Sicherheitsschuhe, rote Arbeitskluft und – ganz wichtig – Ohrenstöpsel. An ihrem Arbeitsplatz ist es laut. Die junge Frau (31) geht an den großen Coca-Cola Abfüllmaschinen vorbei, hebt immer mal wieder winkend die Hand und lächelt, wenn ihr ein Mitarbeiter entgegenkommt, möglicherweise eine Frage an sie hat. „Das da drüben“, sagt sie und deutet auf eine kleine Menschentraube, „ist meine Gruppe.“

28 Mitarbeiter. 28 Männer, um genau zu sein. Kristin Inhestern ist Schichtleiterin bei Coca-Cola, die Vorgesetzte dieser Männer. Eine Frau in der Produktion, eine Frau in einer Führungsposition. „Für mich ist das Alltag“, sagt sie gelassen. Für den Rest Deutschlands oder der Welt – um mal groß zu sprechen – ist das noch lange nicht so. Immer noch viel seltener als Männer schaffen es Frauen in Führungspositionen. Gerade in Bereichen wie der Produktion. Das ist eine klassische Männerdomäne. Warum eigentlich?

Kristin Inhestern zuckt – so gefragt – erstmal die Schultern. Und dann verweist sie auf die Geschichte. „Früher war die Produktion körperlich anstrengender. Viele Tätigkeiten hatten mit Gewicht zu tun. Was heute automatisiert ist, war früher einfach harte, körperliche Arbeit“, erklärt sie. Zupacken muss man immer noch können als Schichtleiterin, erzählt sie, man darf sich für nichts zu schade sein. Auch und gerade nicht als Frau.

Kristin Inhestern in der Coca-Cola Produktion in Dorsten
DORSTEN ist einer von 16 Standorten in Deutschland, in denen das Unternehmen Coca-Cola Getränke abfüllt.

Seit viereinhalb Jahren ist sie „Chefin“ der Schicht. Anfangs sei das schon etwas schwierig gewesen. Allerdings nicht, weil sie sich als Frau gegen die Männer durchsetzen musste. Sondern, weil sie eigentlich aus dem Labor und der Qualitätssicherung kommt und noch keine Erfahrungen in der Produktion gesammelt hatte. Sie musste erstmal alle Abläufe, Maschinen und Menschen kennenlernen, sich akribisch einarbeiten.

„Als Frau muss man in der Männerwelt immer ein bisschen mehr tun.“

„Den Anspruch habe ich dann auch an mich selbst. Ich persönlich glaube, dass man als Frau in der Männerwelt immer ein bisschen mehr tun muss, um von den Männern die Anerkennung zu bekommen, dass man das genauso gut macht. Da ist ein bisschen mehr Engagement gefragt. Und man muss manchmal auch ein dickeres Fell haben“, erzählt Kristin Inhestern. Insgesamt aber habe es nie Probleme gegeben. „Die Mischung eines Teams aus Männern und Frauen ist immer positiv“, meint sie. Bei ihrem Arbeitgeber ist sie mit dieser Meinung in guter Gesellschaft.

„Wir haben uns als Unternehmen das Ziel gesetzt, bis 2025 in unserem Management einen Frauenanteil von 40 Prozent zu erreichen. Derzeit sind wir bei 28 Prozent“, erklärt Coca-Cola Sprecher Julian Stürcken.

Kristin Inhestern, Coca-Cola Dorsten
DIE MISCHUNG eines Teams aus Frauen und Männer ist immer positiv, sagt Kristin Inhestern.

Auch für ihre Gruppe, sagt Kristin Inhestern, sei es nie ein Problem gewesen, sie als Vorgesetzte zu akzeptieren. „Chefin“ sagen die Männer eigentlich nicht zu ihr. Außer, so erzählt es Kristin Inhestern, um sie bei zufälligen Treffen außerhalb der Firma anderen Leuten vorzustellen. Dann setzen sie oft auf den Überraschungseffekt und sagen mit Blick auf die junge Frau: „Das ist meine Chefin.“ Auch das zeigt: Noch ist eine Frau in solch einer Führungsposition etwas Besonderes. Aber auf jeden Fall etwas Positives.