Egal, wer gewinnt – die WM in Russland ist eine gigantische internationale Sommerparty. Manchmal aber kann sie uns auch an den Rand der Verzweiflung bringen. Zum Beispiel, wenn drei Minuten vor Anpfiff noch kein Bild zu sehen ist.

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

FRÜHER HATTEN wir keine 18 Live-Perspektiven und keine Bilddiagonalen in der Größe von Tischtennisplatten. Es gab einen schweren Fernseher, eine wackelige Antenne auf dem Dach und ein Stromkabel. Kein Bild? Da haute man einfach ein paar Mal mit der Faust auf die Flimmerkiste und es war wieder da. Zur Not rief man einen befreundeten Fernsehtechniker und stellte in der Zwischenzeit das Bier kalt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute konsumieren wir Bewegtbild auf dutzenden Screens – und über noch mehr Wege. Mobiler Stream auf dem Smartphone, IPTV, Kabel oder Satellitenschüssel. Das ist nicht neu, und im Normalfall genießen wir ein gestochen scharfes Live-Bild auf dem gebogenen OLED-HDR-Display.

„Béla Réthy klingt, als würde er in einen Blecheimer schreien. Gerade die Wireless-WM hat so ihre Tücken.“

Zur WM aber muss es perfekt sein. Der Restaurantbesitzer schleppt seinen Fernseher auf die Terrasse. Man lädt Freunde zur Grillparty ein und der Screen muss irgendwie in den Garten! Haben wir eigentlich schon von Beamern und Leinwänden gesprochen? Größer ist besser und je mehr Menschen zusammen feiern wollen, desto fetter die Bilddiagonale.

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens. Twitter: @robvegas, http://www.robvegas.de
Die Konstruktionen zur WM sind mitunter abenteuerlich. Da werden aus Holz, Schrauben und Heißkleber Halterungen für den Flatscreen in der freien Prärie erdacht und auch tatsächlich gebaut! Nur warum kommt jetzt der Ton zeitversetzt zum Bild? Man hat sich doch für teuer Geld ein Multiroom-Sound-Erlebnis gekauft. Mitunter sorgen diese Systeme aber nur auf maximal zwei Lautsprechern für einen synchronen Kommentar von Béla Réthy. Bei mehr Lautsprechern im System sind schon ein paar Millisekunden Versatz hörbar und Béla Réthy klingt, als würde er in einen Blecheimer schreien. Gerade die Wireless-WM hat so ihre Tücken.

Mitunter kann sogar eine einfache Thekenkraft den Zorn der Zuschauer auf sich ziehen, wenn der Fernseher schon seit Stunden läuft und das smarte TV-Betriebssytem mitten im wichtigen Spiel der Nationalmannschaft einen kleinen Hinweis einblendet: „Der Fernseher schaltet sich in 60 Sekunden aus. Wählen Sie OK, um abzubrechen.“

Rob – WM-Technikpannen
WENN der Fernseher die Schwalbe macht…

Dieser Countdown brachte hier eine WM-Truppe komplett aus der Fassung. Selten wurde so schnell aufgesprungen und zur Theke gerannt. Dort war allerdings gerade die zweite Schicht des Tages am Start und hatte keine Ahnung, wo die Fernbedienung für den Fernseher abgelegt worden war. Immer mehr Männer rannten auf das Thekentor und verlangten nach der Fernbedienung. Ein Raketen-Countdown der NASA ist dagegen Kindergarten.

„Der Nachbar hat das Tor schon gesehen. Ganz böses Foulspiel der digitalen Technik!“

Und dann die Sache mit der Verzögerung. Erst gestern musste ich einem Restaurantbesitzer erklären, dass die Bar nebenan über Kabel schaut. Daher jubeln dort die Gäste zehn Sekunden früher. Er selbst hatte einen Livestream aus dem Internet angezapft. So hat mitunter der Nachbar schon das Tor gesehen, weil die Pixel erst noch über die Server laufen müssen. Ganz böses Foulspiel der digitalen Technik! Es gibt halt sehr viele Wege, ein TV-Signal auf den Schirm zu zaubern. Ein Freund von mir kaufte sich sogar extra einen stärkeren Router für hunderte von Euro, damit er den Stream auch im Garten sehen kann. Er kündigte sogar seinen DSL-Vertrag und wollte das Beste vom Besten zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Den Hybridrouter vom neuen Anbieter? Nein, danke! Immerhin hatte er groß in einen eigenen Router investiert.

Rob Vegas - WM-Technik-Pannen
…helfen gute Freunde einander. 

Nur konnte er irgendwie kein Signal bekommen. Vollkommen hilflos rief er mich an. Er hätte extra einen neuen Router, einen smarten Fernseher und eine Gartenbank gekauft, damit er die WM draußen bei Grillwurst und Bier genießen kann. Nun lief nix. Der Fehler war dann schnell ausgemacht. Er hatte zwar viel Zaster in sein digitales WM-Glück investiert, aber ohne Modem bringt auch der schönste Router kein Signal in die Gartenlaube. Der Hybridrouter des Anbieters hat halt das Modem schon integriert.

Vollkommen entnervt von der Thematik fuhr er also mit mir in den nächsten Elektromarkt und investierte in einen Modemrouter. Die zuständigen Mitarbeiter hatten übrigens alle Hände voll zu tun. Technische Pannen bei der WM 2018 sorgen hier für lange Schlangen an den Kassen. Unserer Freundschaft aber tat diese gemeinsam gemeisterte Herausforderung gut.

Und das ist eigentlich das Schöne an den ganzen WM-Technik-Pannen: Sie verursachen auch bewegende Momente mit Freunden und Familie. Nur bitte nicht vergessen, wo die Fernbedienung liegt.