Hat man erst einmal Mama, Opa und die weitere Verwandtschaft aus Bad Münstereifel als Kontakte bei WhatsApp, ist die Gründung einer Familiengruppe nur noch eine Frage der Zeit. Brauchen wir das wirklich?

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

ENDLICH WIEDER regelmäßig Kontakt zur Familie! Man wollte ja sowieso schon längst mal wieder in der Heimat vorbeischauen. Hat dann aber doch nicht geklappt, weil Meeting A mit dem Kinderarztbesuch von B kollidierte. Und dann musste man am Wochenende auch noch in den Baumarkt.

„Wenn für einen Anruf die Zeit fehlt, ist ein Foto schnell versendet. Wir lassen lieber Bilder sprechen.“

Familien wohnen heute nicht mehr bis ans Lebensende im selben Dorf und bestellen gemeinsam das Feld mit dem Traktor. Man lebt über die ganze Welt verteilt. Was bleibt? WhatsApp! Das ist immer der kleinste gemeinsame Nenner. Egal ob iPhone oder Android. Wenn für einen langen Anruf die Zeit fehlt, ist ein Foto schnell versendet. Wir lassen lieber Bilder sprechen, als uns lange mit Oma Inge in Puerto del Rosario zu unterhalten. Die schickt ja selbst jeden Abend ein verwackeltes Foto vom Sonnenuntergang.

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens. Twitter: @robvegas, http://www.robvegas.de
Zwar ist die WhatsApp Familiengruppe nicht heilig, aber man darf hier auch nicht nur stiller Leser sein. Schreibt Muttern von ihrer Radtour mit dem E-Bike und schickt zwanzig Fotos, so ist ein wenig Applaus natürlich Pflicht. Dabei entdecken besonders unsere Eltern auch gern den Social Media Witz aus dem Jahr 2003 neu. Was weiß man eigentlich über das Netzverhalten seiner Eltern? In der WhatsApp Familiengruppe entdeckt man mitunter die Abgründe. Etwa, wenn das Video mit dem niedlichen Pandabären aus einer uralten Jamba-Sparabo-Werbung als lieber Gruß geteilt wird. Oh, Mama! Das ist doch 15 Jahre alt und war schon damals nicht cool.

Aber sie meinen es ja nur gut. Daher öffnet man das Video auch aus Versehen und beschallt die Mitreisenden in der S-Bahn mit dem nervigen Lied. Hat man seine Erzeuger aber erst einmal in die Welt von Kamera und Foto-Versand eingeführt, geht die Lernkurve bald steil nach oben. Videos, GIFs und auch Kettenbriefe werden gern mit allen geteilt. Aber vielleicht ist das auch nur bei mir so.

Rob Vegas – Whatsapp-Familiengruppe - Sonntagstorte
LECKER: WhatsApp ist eine beliebte Art, Essen zu teilen…

Verschicken Mama und Papa jedoch nicht nur Viral-Hits aus 2004, können sie sich innerhalb der Gruppe schnell zu Micro-Influencern entwickeln. Die Familiengruppe ist eine Bühne! Da wird der frisch gekaufte Spargel präsentiert, die neue Tür im Wintergarten von acht Seiten aufwendig inszeniert und auch ein Foto vom sonntäglichen Stück Torte darf nicht fehlen. Macht den Kindern obendrein noch ein schlechtes Gewissen, weil man seinen Hintern am Wochenende schon wieder nicht Richtung Heimat geschwungen hat. Dabei gibt es doch leckeren Kuchen und Torte! Es sind die kleinen Nadelstiche, und wir alle kennen sie.

„Es wird Zeit, dass jemand die Fackel der Wahrheit durchs virtuelle Wohnzimmer trägt.“

Dank meiner Mutter habe ich mittlerweile gefühlte 800 Fotos von Radtouren auf dem Smartphone. Aber die Gruppe hat natürlich auch ihre Vorteile: Erinnert sich nur ein Mitglied an den Geburtstag von Onkel Heinz, so kann man sich schnell mit einem Emoji und einem netten Satz anschließen. Mit den Geschwistern gibt es dann noch die geheime Gruppe fernab der Eltern, wo man sich zwei Mal im Jahr über ein Geschenk für Mama und Papa austauschen kann. Nur: Was bringt uns eigentlich die Familiengruppe bei WhatsApp am Ende des Tages wirklich?

Trügerische Nähe. Das ist Tatsache, und ich trage heute gern die Fackel der Wahrheit durch das virtuelle Wohnzimmer. Selbst wenn ich jetzt aus der eigenen Familiengruppe ausgeschlossen werden sollte.

Rob Vegas – Whatsapp-Familiengruppe - Radtour
… doch kann die Familiengruppe echte Begegnungen ersetzen?

Ein Gruppen-Chat gaukelt Nähe nur vor. Da gibt es alle Kontakte aus der Familie in einem Raum, aber man sieht sich dennoch nicht öfter. Man ist theoretisch verbunden und kann sich kontaktieren. Aber am Ende ist es doch nur ein Chatroom in einer App. Man ist sich hier überhaupt nicht nah. Man kann seine Eltern hier nicht in den Arm nehmen. Man kann kein Stück Torte zusammen essen. Stattdessen weiß man einfach nur immer und ungefähr, was gerade im Leben der anderen an positiven Dingen geschieht. Gibt es doch einmal ein ernstes Thema, wie einen Krankheitsfall, greift man meist sowieso zum Telefon.

Wir könnten alle die Familiengruppe bei WhatsApp löschen. Wir würden trotzdem die wichtigen Infos erhalten. Vielleicht hätten wir auch öfter ein schlechtes Gewissen, weil wir uns so lange nicht gemeldet haben. Vielleicht würden wir sogar wieder mal am Wochenende vorbeikommen.

Was mir noch zu sagen bleibt: Hallo Mutti! Ich habe dich lieb. Und die Fotos von deinen Radtouren mag ich wirklich!