Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

UNSEREINS ERINNERT sich beim Namen der App bestenfalls noch an Sängerin Ke$ha mit ihrem Einmal-Hit „Tik Tok“. Bitte such dir jetzt einen Stuhl und setze dich hin. Das ist bald auch schon wieder zehn Jahre her. Zehn Jahre! Wir werden alt. Hoffentlich hat mein Psychiater diese Woche noch freie Termine.

„Spätestens 2019 wird es für Influencer nicht mehr reichen, die Fans mit ein paar netten Fotos zu beglücken.“

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens. Twitter: @robvegas, http://www.robvegas.de
Generell sind wir aber beim Thema Musik nicht auf dem Holzweg. Der chinesische Entwickler von TikTok hat vor einiger Zeit den Konkurrenten musical.ly für circa eine Milliarde Dollar übernommen. Seither firmieren beide Apps unter dem Namen TikTok und die Nutzerschaft wurde zusammengeführt. China erobert nun im Sauseschritt auch in Amerika die Herzen der Teens.

Der Kern von TikTok ist die Musik. Kurze Playback-Videos begeistern die jungen Nutzer, doch TikTok ist nicht nur einfach das alte musical.ly mit einem neuen Namen. Es gibt auch kurze Comedy-Einlagen, Pranks oder Mini-Vlogs. Der komprimierte Spaß für die Wartezeit an der einsamen Bushaltestelle. Im Gegensatz zum schnell abgeflauten Hype um die App Vero, beschäftigt TikTok aber jetzt schon über Wochen die internationalen Medien.

Rob Vegas - TikTok
LIPPENBEKENNTNISSE sind mit TikTok schnell gemacht

Mark Zuckerberg plant schon den Gegenschlag des Imperiums und will die jungen Jedi aus Peking mit einer eigenen App in die Schranken weisen. Lächelte man im Sonnenstaat Kalifornien noch müde über Vero, so arbeitet man jetzt schon an einer Alternative zu TikTok mit dem Titel „Lasso“. Ganz frei nach dem nie ausgesprochenen Motto von Facebook-Chef Zuckerberg: „Kannst Du es nicht mit Milliarden Dollar kaufen, dann musst Du es halt schnell für die Nutzerschaft bei Facebook kopieren.“ Insofern kopieren die Amerikaner nun die Chinesen.

Was ist denn an TikTok nun so anders als an Instagram-Stories? Diese ganzen Features gibt es doch auch schon längst im Universum von Facebook. Natürlich gibt es kurze Videos, Stories und kleine GIFs, welche man auf das Bild pappen kann.

Rob Vegas - TikTok
LIVE und in Farbe: Je höher das Datenvolumen, desto verrückter werden die Apps

TikTok ist allerdings frisch, belohnt sehr schnell die Nutzer mit Zuneigung der Fans und lässt sogar Spenden an die Profile via Münzen zu. Die Verpackung ist einfach sehr gut, und es wirkt anders. Dazu kommt der musikalische Aspekt. Doch auch wenn man als Erwachsener vielleicht keine besonders große Lust am Treiben der Jugend in ihren Apps hat, so sind diese aktuellen Hypes nur allzu logischer Natur.

„Was hatten wir früher nach dem Krieg? Wir hatten 500 MB pro Monat.“

Was hatten wir früher nach dem Krieg? Wir hatten 500 MB mobiles Datenvolumen pro Monat, mussten im Urlaub teuer ein paar mickrige MB dazu kaufen und WLAN gab es nur an ausgewählten Raststätten. Man stellte ein nettes Foto bei Instagram ein und sammelte Herzchen der Freunde. Selbst Mutti kommentierte brav den gekauften Adventskranz aus dem Baumarkt. Aktuell brechen aber die Dämme bei der mobilen Nutzung von Social Media. Wir müssen keinen besonderen Livestream mehr ankündigen. Wir müssen uns auch nicht mehr um das monatliche Datenvolumen scheren. Diese Entwicklung startete mit den Stories bei WhatsApp und Instagram. Nun kann sich die Jugend mit ihren flüchtigen Videoinhalten austauschen, bespaßen und jeden Tag visuell neu erfinden.

Spätestens 2019 wird es für Influencer nicht mehr reichen, die Fans bei Instagram mit ein paar netten Fotos zu beglücken. Die jungen Menschen wachsen mit enormen Datenraten und – irgendwann auch mal – 5G auf. Es ist längst gesellschaftlich akzeptiert, sich am Pfandautomaten im Supermarkt zu filmen. Man postet seine gute Zeit mit Freunden in der Bar und bald wohl auch den Termin beim Steuerberater. Je höher das Datenvolumen, desto verrückter werden die Apps sein. Besonders Videodateien sind groß. Mittlerweile sind aber selbst qualitativ sehr anspruchsvolle Livestreams mit einem Hundert-Euro-Smartphone durchaus hübsch anzuschauen.

„Man stelle sich diese Generation nur einmal im Altenheim vor. Lip-Sync mit dem Zivildienstleistenden.“

Wundern wir uns also bitte gar nicht so sehr über TikTok. Filmen wir uns einfach 2019 auch bei der wöchentlichen Fußpflege, im Gartencenter an der Kasse und vor Gericht bei der Scheidung. Man stelle sich diese Generation nur einmal im Altenheim vor. Lip-Sync mit dem Zivildienstleistenden. Und der Rollator schwingt im Takt der Musik durchs Bild. Muss man davor Angst haben? Eigentlich nicht. Hauptsache die Datentarife werden günstiger. Das würde Erwachsene und auch Jugendliche gleichermaßen freuen.

Ich suche indes jetzt erst einmal meine CD von Ke$ha mit „Tik Tok“. Die habe ich irgendwann vor zehn Jahren ins Handschuhfach gelegt. Da liegt sie wahrscheinlich immer noch.