Telemedizin – das klingt vielleicht noch wie ein sperriger Begriff aus dem Bildungsfernsehen der 80er Jahre. Und so richtig können sich die meisten das noch nicht vorstellen: ihren Arzt nur per Video-Call zu sehen. Doch der digitale Arztbesuch könnte schon bald zum Alltag gehören.

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

LETZTENS STAND ICH hier in Hamburg mit 35 anderen Wartenden vor einer Praxis im Treppenhaus. Zwei Leute vor mir wurde dann ein Annahmestop verhängt. „Kommen Sie bitte heute Nachmittag wieder. Wir sind voll!“.

Es ist allgemein bekannt, dass die durchschnittliche Behandlungsdauer in deutschen Arztpraxen etwa sieben Minuten beträgt. Aber die sind kostbar. Dafür verbringen wir schon mal eine Stunde oder zwei mit Promi-News und WhatsApp im Wartezimmer. Wenn wir es da hinein schaffen.

„Am Bildschirm kann man keine Wunde nähen, aber zeitraubende Routine-Aufgaben schneller erledigen.“

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens.
Twitter: @robvegas
http://www.robvegas.de

Ärzte sind ja besonders in Städten oft überlastet. Auf dem Land hingegen fehlen sie, weil keine Nachfolger für die Praxen gefunden werden. Beim Warten im Treppenhaus jedenfalls wurde ich spontan zum Fan der Telemedizin.

Wie gern hätte ich meinen geschwollenen Knöchel in irgendeine Kamera gehalten! Doch ganz so einfach ist die neue Welt noch nicht.

Der digitale Arztbesuch gehört in der Schweiz, in Afrika oder im Weltall schon zur Routine, in den USA sind Google und Microsoft längst in diesen Markt eingestiegen, in Deutschland beschränkt es sich aber zumeist noch auf Pilotprojekte.

„Onkel Doc kann sich via Skype bestenfalls einen Eindruck machen“


Nicht jede Videokommunikation kann den echten Besuch beim Arzt ersetzen. Man kann immerhin nur sehen, aber nicht fühlen, und der Patient ist nur als Videobild anwesend.

So kann man auch nicht jemanden im Wohnzimmer in Goslar dazu anweisen, bitte Tupfer und Skalpell bereitzuhalten. Das ist natürlich pure Übertreibung, denn Onkel Doc kann sich via Skype bestenfalls einen Eindruck machen. Ist die Schwellung abgeklungen? Gibt es Beschwerden bei der aktuellen Medikation? Wie geht es dem Patienten heute nach der Behandlung? Das Verrückte daran? Genau diese eher einfachen Routine-Termine und Empfehlungen fressen die meiste Zeit auf.

Rob Vegas – Telemedizin - Smartphone
DIAGNOSE per Smartphone? Schwierig, aber…

Am Bildschirm kann man keine verrutschten Gelenke einrenken. Man kann auch keine Wunde nähen oder die Lunge abhören. Aber man kann Arbeitszeit in den Praxen sparen. So muss der Hausarzt nicht mehr mit dem Kombi durch die Straßen sausen, sondern kann via Video von einem Patienten zum nächsten springen. Fix einen Besuch im Pflegeheim mit gleich drei älteren Herrschaften erledigen. Dabei kann einem Dr. House zwar nicht mehr persönlich die Hand schütteln, doch ein netter Smalltalk ist auch via Videotelefonie drin. Und der ist sicher meist noch besser als wochenlang auf einen Termin zu warten.

Dennoch klingt diese Zukunft leicht gruselig? Ausziehen vor der Kamera? Das ist eigentlich ein ganz anderer Beruf! Soll man etwa im Jahr 2022 den Sarg auch mit dem Bestatter via WhatsApp-Videoanruf aussuchen? Der Steuerprüfer lädt zum Datenabgleich bei Skype ein? Hier geht es ja um Vertrauensverhältnisse.

Rob Vegas – Telemedizin - Rezept
… vielleicht kommt das Rezept in Zukunft direkt zu uns.

Es liegen noch einige Stolpersteine vor uns, doch die Telemedizin ist auf dem Vormarsch. Selbst in Gefängnissen herrscht Medizinermangel und die Telemedizin kann auch hier helfen. Gerade für kleine Infekte, Krankschreibungen und Nachkontrollen lohnt sich der neue Service. Und irgendwann kriegt man dann wirklich das Rezept aufs Smartphone gesendet. Vielleicht bringt es sogar ein direkt beauftragter Bote innerhalb von 60 Minuten vorbei und man kann sich bei Tee im Bett weiter auskurieren.

Ich selbst muss mich auch erst noch an diese Welt gewöhnen. Ich bin da aber dran! Wer heute eine neue SIM-Karte für ein Smartphone kauft, muss sich ebenfalls schon live via Webcam bei einem fremden Menschen mit Personalausweis identifizieren. Das ist beim ersten Mal noch sehr spooky, in Jogginghose daheim vor der Webcam, doch spätestens die nächste Generation wird es schon als normal empfinden. Und fragen: „Hast Du damals wirklich noch zwei Stunden im Wartezimmer alte Zeitschriften und Broschüren gelesen, Opa?“