Die FaceApp Challenge ist fast schon wieder Schnee von gestern. Wir erinnern uns: Obwohl Datenschützer eindringlich warnten, wurde das Netz geflutet mit Selfies, auf denen die Leute sich 20 Jahre älter gemacht hatten. Warum fühlen wir uns eigentlich genötigt, an so etwas teilzunehmen?

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

DAS REZEPT für eine Social-Challenge ist ziemlich einfach und auf besondere Art und Weise durchtrieben: Jeder Bewohner des Planeten Erde muss sehr schnell und einfach mit einem Smartphone daran teilnehmen können. Social Challenges mit einem fahrbaren Rasenmäher werden daher nicht funktionieren. Die niedrige Schwelle für die Teilnahme ist der Schlüssel zum Erfolg.

„Tempo, Wow-Effekt und optional ein Charity-Gedanke sind die Grundzutaten für den Erfolg einer Challenge.“

Im besten Fall benötigt es für eine virale Challenge nur den eigenen Körper und das Smartphone. Früher waren es sogar oft nur Fotos, weil das zur Verfügung stehende Datenvolumen bei den meisten Nutzern nicht für Videos ausreichte. Heute kann man selbst mit ALDI-Talk bedenkenlos Videos mobil ins Netz stellen.

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens. Twitter: @robvegas, http://www.robvegas.de 

Doch sollte der Spaß auch weiterhin kurz gehalten werden. Eine Social-Challenge mit dem Ausmaß eines Schachturniers wird wohl nicht zünden. Tempo, Wow-Effekt und optional noch ein Charity-Gedanke sind daher die Grundzutaten für den Erfolg einer Challenge. Selbst Bill Gates konnte sich der Ice-Bucket-Challenge einst nicht verwehren.

Ice Bucket Challenge
KALTE Dusche für einen guten Zweck: Die Ice Bucket Challenge brachte Aufmerksamkeit und viele Spenden für die Erforschung und Behandlung der Krankheit ALS 

Wie kriegt man Stars dazu, bei einer Social Challenge mitzumachen? Mittlerweile ist hier nicht selten Geld im Spiel. Doch die Werbewirkung ist fast unbezahlbar, wenn man in den AppStores auf dem ersten Platz steht. Trotz der lauten Warnungen von Datenschützern.

In den meisten Fällen werden diese Challenges allerdings nicht von Influencern erdacht. Irgendein humoriger Student in Amerika erlaubt sich einen Spaß und nominiert seine besten Freunde. Ist es lustig anzuschauen, macht schnell die ganze Universität mit. Der Erfolg von Facebook kam einst zustande, weil sich Studenten unterschiedlicher Colleges über den Dienst finden und auch verlieben konnten.

FaceApp Challenge
WOW! FaceApp macht Spaß, aber Datenschützer raten dringend ab

Ist dann auch noch ein griffiger Name für die Challenge gefunden, so geht das Ding steil und auch die Social Media Manager der Stars haben es auf dem Schirm. Jetzt folgen die Fans der Stars, Unternehmen und mitunter sogar Politiker. Der „Trend“ wird zum Thema für eine Berichterstattung in den Onlinemedien. Spätestens in diesem Moment steigen dann Printmedien und Fernsehen mit ein, da man gut über diese neue „Verrücktheit“ berichten kann.

Immerhin ist das Material mit Quellenangabe auch kostenlos zu haben. Müsste man Mariah Carey sonst zum Interview bitten und die Reisekosten übernehmen, so kann man nun einfach ihr Video von Instagram zeigen.

Rob Vegas - Social Challenges
REICHT DIR das Leben eine Zitrone, mach‘ eine Challenge draus

Eine gute Challenge wird damit auch schnell zum Geschäft, weil Werbeagenturen Stars spontan zu einem Dreh verpflichten. Man will auch mit dem eigenen Produkt dabei sein. Der Starter der Challenge verdient daran in den meisten Fällen keinen Cent. Die Ausnahme sind Aktionen, die einer Charity-Organisation dienen.

Warum fühlt man sich eigentlich immer so elend gedrängt, an den bekloppten Ideen aus dem Netz teilnehmen zu müssen? Es ist die Nominierung. Man wird dazu meist aus seinem unmittelbaren Bekanntenkreis aufgefordert. Wäre es irgendein weit entfernter „Freund“ bei Facebook, so würde man sich nicht genötigt fühlen. Sind es aber echte Freunde, so entsteht ein gewisser Druck. Immerhin muss man diesen Menschen auch wieder ins Gesicht sehen und sich für die Nichtteilnahme erklären.

„Mache ich mit, werde ich Teil einer gefühlten Community.“

Der gefühlte Druck hat allerdings auch mit dem Alter zu tun. Jugendliche haben mittlerweile eigene Smartphones mit sehr guten Kameras und einem ordentlichen Datenvolumen. Sie leben sowieso schon in der Welt von Insta und TikTok. Da nimmt man gern teil, weil Influencer und Stars es vorleben. Mache ich also mit, werde ich Teil einer gefühlten Community.

Ist man älter und die eigene Mama bekommt den Hype erst Wochen später über die Berichterstattung in den Medien mit, ist man vielleicht peinlich berührt, wenn ihr Beitrag dann ohne Hashtag einfach in die WhatsApp-Familiengruppe geflogen kommt. Doch genau das ist der Beweis dafür, dass eben diese Social Challenge wirklich einmal um den Globus gewandert ist.

Und was machen wir als Nächstes? Rückwärts Fahrradfahren? Messer und Gabel mit den Füßen halten? Kekse mit Ketchup essen? Man muss nur anfangen.