Das Jugendwort des Jahres 2017 ist vong mir aus schon wieder vergessen. Die wirklich neuen Trends kommen aus Asien. Aktuell angesagt in Japan: der Display-Kuss. Was hat es eigentlich mit dieser digitalen Geste auf sich?

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens.
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AUCH WENN WIR schon bald im Jahr 2018 leben und die Versionsnummern von iPhones langsam an die Nummern der einzelnen „Bravo“-Hits-Alben erinnern, so kennt beim Thema Videotelefonie immer noch jeder Nutzer den Satz: „Kannst Du mich jetzt besser hören?“ Mittlerweile können wir dank WhatsApp, Facebook und auch Skype sogar mobil unser Gegenüber sehen, doch die Verbindung bleibt auch in der modernen Welt meist etwas instabil. Mitunter muss man dann auch noch Oma zum dritten Mal per WhatsApp anrufen, weil sie wieder einmal die grüne mit der roten Taste verwechselt hat. Dabei wird häufig im Hintergrund noch rasch die Wohnstube aufgeräumt, damit die Schwiegereltern später bei Kaffee und Kuchen nicht das Chaos kritisieren. Mittlerweile nutzen alle Altersgruppen die Möglichkeiten der Videotelefonie. In meiner Welt winkt man sich da artig zum Abschied, doch in Asien ist man längst weiter.

Werfen wir in Zukunft bei einer virtuellen Trauung den Brautstrauß mit einer App in die sozialen Netzwerke?

Wie vermittelt man Emotionen oder gar tiefe Liebe über ein Videotelefonat? Bislang nutzt man am Smartphone meist Emojis. Vielleicht formt man auch mit seinen Fingern ein Herz auf einem Foto. In Kürze werden wir auch sicherlich alle die animierten Wesen und Smileys von Apple nutzen. In Asien wird aber schon das Display geknutscht. Kein Scherz! Es ist ein neuer Trend in Japan, sich so zu küssen.

Man presst die Lippen auf das eigene Display. Das sieht nicht nur komisch aus, sondern dürfte in vielen Fällen auch das Gespräch beenden. Es klingt ein wenig verrückt. Wie zur Hölle kommt man nur auf derlei Ideen?

Was kommt da erst in Zukunft auf uns zu? Die virtuelle Trauung – und wir werfen den Brautstrauß digital mit einer App durch die sozialen Netzwerke? Der digitale Zungenkuss? Beerdigung als Livestream bei Facebook, damit man nicht mehr selbst vor Ort sein muss?

Rob Vegas: Display-Kuss
EMOJIS allein genügen nicht mehr, um in der digitalen Welt Gefühle auszudrücken

Normalerweise würde ich mich über derlei Sitten amüsieren. So hatte ich es zunächst vor. Doch das wäre zu einfach. Denn jetzt kommt mein eigener Sohn ins Spiel, der diese Kolumne komplett verändert hat.

Tom ist mittlerweile 18 Monate auf dem Planeten Erde, und natürlich nutzen wir als kleine Familie auch Facetime, damit der Onkel aus Hannover den kleinen Mann sehen kann. Tom kann auch schon „Tschüss!“ sagen. Das hat er wirklich schnell gelernt. Allerdings hat Tommy seinen Onkel sehr lieb. Er sagte also eben beim Videotelefonat nicht nur „Tschüss!“, sondern gab dem Mann auf dem Display einen Kuss. Er hat wirklich das Display geknutscht und mir entglitten alle Gesichtszüge. Hatte ich nicht erst der Redaktion hier das Thema als Trend aus dem fernen Asien für die kommende Kolumne vorgeschlagen? Nun knutscht mein eigener Sohn wie selbstverständlich den Onkel virtuell in Hannover und freut sich glucksend, weil der Onkel ihm einen Luftkuss zurücksendet.

Ich muss meine Kolumne überdenken. Anscheinend wächst schon eine Generation heran, für die Videotelefonie gar keine Besonderheit mehr darstellt. Es wird für Tom ganz normal sein und er wird Begriffe wie „Wlan“ und „Mobiles Datenvolumen" schon kennen, ehe er schreiben lernt.

Für mich grenzt der heutige Stand der Technik noch an Zauberei, weil ich die Entwicklung miterlebt habe. Für Tom ist ein Videotelefonat schon jetzt gelebter Alltag in seinem jungen Leben. Bleibt für uns also nur eine Frage: Wann küssen auch wir alten Hasen das Display zum Abschied?