Was zur Hölle ist eigentlich ein „Japanese Foil Ball“ und wie kann man damit aktuell zum Global Player auf YouTube werden? Ich war selbst ziemlich fassungslos, aber ein paar Cent in Alufolie zu investieren ist dieser Tage kein schlechter Deal…

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

DIE IDEE HINTER der „Japanese Foil Ball Challenge“ ist recht simpel und erinnert an eine Folge von „MacGyver“: Man nehme Alufolie, knülle sie mit viel Druck zu einem Ball zusammen und poliere diesen ordentlich. Fertig ist ein Ball aus fast hundert Prozent Aluminium! Zumindest wäre man damit nah dran und die optische Täuschung wäre perfekt. Wer wollte nicht schon einmal eine Kugel aus purem Aluminium besitzen?

„Japan brachte uns die Tamagotchis. Später dann die Pokémon. Und nun das große Comeback der Alufolie.“

Nur geht der einfache Plan in der oft komplizierten Praxis auch auf? Und was zum Teufel will man eigentlich damit beweisen? Die Umwelt wird bei diesen Videos wohl eher den Daumen nach unten klicken. Aber wen interessiert schon die aufwendige Herstellung von Alufolie, wenn es um Ruhm und Ehre beim größten Videoportal der Welt geht?

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens.
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Zahlreiche Menschen schnappen sich also seither die Folie und knüllen, bis die Oberarme Ruhestand anmelden wollen. Im ersten Schritt sieht der Ball dann übrigens noch nicht wie eine perfekte Kugel aus Aluminium aus. Viele YouTuber haben überhaupt schon ein Problem damit, den Ball überhaupt erst mal zu formen. Da entstehen mit Druck lauter Dellen und „rund“ wird zu einem mehr als dehnbaren Begriff. Mitunter gibt es aber auch schon selbsternannte „Foil Ball“-Profis, welche mit viel Freizeit aus der Folie einen günstigen Glitzerball geformt haben. Doch damit sind wir noch längst nicht am Ende der japanischen Folien-Challenge angekommen.

Es gilt ja immerhin, die perfekte Illusion zu zaubern. Copperfield trifft auf Haushaltsartikel! Wobei ich schon 34 Jahre alt bin. Vielleicht kennt man David Copperfield mit eigener Bühnenshow und Beziehung zu Claudia Schiffer gar nicht mehr. Besser: Die Ehrlich Brothers treffen auf Haushaltsartikel! So wird ein runder Schuh draus. Der Ball ist nun im besten Fall rund, zeigt keine großen Dellen und ist damit reif für die Politurphase. Ein bisschen Beauty kommt bei YouTube immer gut an.

Da werden Winkelschleifer von Papa aus der Garage entliehen und mit Schleifpapier gearbeitet. Feinste Körnung für ein optimales Ergebnis. Sogar das gute WD-40-Spray kommt zum Einsatz. Selbst im digitalen Zeitalter ist es nicht aus unserer Welt wegzudenken. Hat man früher in seiner Freizeit das Fahrrad repariert und die Kette eingesprüht, so formt man heute Bälle aus Alufolie und verdient damit sogar noch beim Partnerprogramm von YouTube echtes Geld. Diese gefühlte Zeitverschwendung im Auftrag der japanischen Folienillusion nimmt Stunden in Anspruch. Meist braucht es auch mehrere Versuche, denn die ersten Werke wandern oft in den Mülleimer. Es geht immer noch glatter bei der Oberfläche und im Baumarkt gibt es sicher noch feineres Schleifpapier. 

Japan brachte uns schon die Tamagotchis. Später eroberten dann die Pokémon den Erdball. Nun ist es also das große Comeback der Alufolie, welches in Japan seinen Anfang genommen hat. Ein japanischer Nutzer brachte mit seinem Video den Aluball ins Rollen und löste einen internationalen Hype aus. Ist damit Alufolie eigentlich auch schon als Lifestyle-Produkt einzuordnen? Vielleicht gibt es gar bald eigene Influencer für diesen Markt. Man denke hier nur an internationale Preisverleihungen und Events mit Süßkartoffeln am Buffet. Vielleicht sollte man sich fix ein eigenes Profil für die Alu-Bälle bei Instagram einrichten. Immerhin ist dieser Bereich noch jung und vielleicht arbeitet irgendwo in der Präfektur Yamaguchi schon ein Jugendlicher an einer Challenge mit Haushaltstüchern und Duschkabinenreiniger. Da steckt doch Musik drin! Ich spüre es! Nur wie sieht es jetzt mit der Kunst am Ball? Kann dieses Experiment überhaupt gelingen?

Das Ergebnis kann sich oftmals sogar sehen lassen. Ein glänzender Ball aus Alufolie. Nur halt lange noch keine hundert Prozent Aluminium. Selbst wenn man wie Bud Spencer den „Dampfhammer“ auspackt, drückt und formt, wird man niemals die ganze Luft aus dem Ball herausbekommen. Daher sind diese hübschen Kugeln auch sehr leicht. Es bleibt am Ende immer zusammengeknüllte Alufolie. Wer hätte DAS gedacht?

Der Hype hat indes auf YouTube echte Formen angenommen. Von Tokio bis nach Toronto wird an immer größeren Kugeln gebastelt. Warum nutzt eigentlich bisher niemand Blattgold? Oder presst Glasflaschen zu Diamanten zusammen? Diese ganze Challenge muss doch irgendwann auch einmal einen Erkenntnisgewinn für die Menschheit abwerfen. Andererseits war es auch nie zuvor einfacher, ein Star zu werden. Du lässt dir von deinen Eltern aus dem Supermarkt eine Rolle Alufolie mitbringen und nach maximal zwei Tagen Arbeit ist das Video dann viral im Netz. Oder du wartest auf den Hype mit Blattgold. Das dürfte nicht mehr lange dauern.