Mittlerweile bestellen wir nicht mehr nur Fernseher, Regale aus Schweden und Klamotten im Netz, sondern auch Hundefutter und Lebensmittel. Das sorgt für ganz neue Erlebnisse im Alltag

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

WER WILL IM JAHR 2018 eigentlich noch selbst Einkaufen gehen? Wir leben in einer Zeit von autonom fahrenden Autos und künstlicher Intelligenz. Sich im Supermarkt an Kasse 2 anzustellen, wirkt wie eine Zeitreise ins Jahr 1975. Da steht dann wahrscheinlich Oma Gertrud und sucht im feinen Lederetui nach dem passenden Kleingeld.

„Selbst nach der Payback-Karte wird man gefragt. Das ist doch eine sehr beruhigende Tatsache.“

Quality time geht heute anders. Man klickt sich seinen Einkauf fix per App zusammen und lässt liefern. Warum soll ich mich auch noch vom Warenangebot in einem Supermarkt zum Kauf von Produkten verleiten lassen, welche gar nicht auf dem handgeschriebenen Einkaufszettel stehen? Das ist kein aktueller Lifestyle mehr. Keine Zeit mehr an vollen Kassen verbringen. Dafür ist das Leben einfach zu kurz. Wenn man sich heute das Hochzeitskleid direkt in China bestellen kann, warum sollte man den Duschkabinenreiniger noch selbst in der Stadt holen?

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens.
Twitter: @robvegas
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Nun haben Online-Lieferdienste auch ihre Tücken. Beim ersten Mal kam ich mir ziemlich bescheuert dabei vor, mich vor dem Bildschirm für die passende Butter zu entscheiden. Man sitzt ja nicht da und schaut sich nach einem neuen 4K-Fernseher um. Man legt wirklich Butter, Toilettenpapier und frisches Obst in seinen virtuellen Warenkorb. Daran muss man sich erst gewöhnen, muss sich aber auch nicht mehr beim Kauf von Kondomen komisch anschauen lassen. Man wird dafür zwar im Jahr 2018 längst nicht mehr komisch angeschaut, aber so manches Produkt legt man halt ungern zwischen die Warentrenner an der Kasse.

Online kann man sich auch hier austoben, weil man dem Personal im Lager nicht in die Augen schauen muss. Für Menschen mit Sozialphobie ein echter Gewinn. Vor allem gibt es die Aktionen der Supermärkte auch digital. Da greift man doch gern doppelt zu, wenn die Chips im Angebot sind. Manche Tricks funktionieren auch online weiter. Selbst nach der Payback-Karte wird man gefragt. Das ist doch eine sehr beruhigende Tatsache.

Rob Vegas - Lieferservice
EINFACH KLICKEN – und der Tisch wird gedeckt

Bei mir stellte sich ein echtes Glücksgefühl ein, als ich meinen Warenkorb fertig befüllt hatte. Wow! Ich kann diese Auswahl nun sogar abspeichern und beim nächsten Online-Einkauf noch mehr Zeit sparen. Dann wird das Shampoo des Vertrauens einfach alle drei Wochen automatisch meinem Warenkorb hinzugefügt. Nobelpreisverdächtig!

Mit diesem Feuerwerk der guten Laune endete mein erster Einkauf in der virtuellen Welt aber auch schon. Ich hatte einen großen Fehler begangen: Anstatt mir vorher die möglichen Liefertermine anzuschauen, war ich sofort in die Vollen gegangen. Mein Warenkorb war zwar nun fertig, aber der nächste freie Termin lag erst in der kommenden Woche. Wie sollte ich nun das Wochenende mit drei hungrigen Mäulern überleben? Schon in Kürze würde die Milch knapp! Von Deo und Schokolade wollen wir gar nicht erst reden! Am Ende löschte ich meinen Warenkorb und zückte den Jutebeutel. Schuhe an, Pfandflaschen in den Rucksack und ab zum klassischen Supermarkt.

„Man muss nicht mehr selbst schleppen, dachte ich. Aber ich hatte die menschliche Komponente nicht bedacht.“


Natürlich habe ich nicht so schnell aufgegeben. Beim zweiten Mal war ich pfiffiger und der Fahrer klingelte pünktlich auf die Minute an der Haustür. Natürlich hatte ich auch Kisten an Mineralwasser und Coca-Cola geordert. Man muss ja nicht mehr selbst schleppen. Dabei hatte ich aber die menschliche Komponente nicht bedacht. Lieferservices setzen meist auf günstige Subunternehmer.

Rob Vegas - Lieferservice
DIE LIEFERUNG: meist keine leichte Aufgabe

Diese armen Gestalten müssen dann den ganzen Tag schwere Getränkekisten und alle Einkäufe in den fünften Stock tragen. Mir tat der ältere Herr leid. Ich sprang also fix runter und half bei der Schlepperei. Ich fühlte mich richtig mies, weil ich einfach bestellt hatte. Das war irgendwie nicht mehr so richtig cool.

Natürlich ist es sein Job, aber man ist auch Mensch. Diesem Mann hätte ich lieber dabei geholfen seinen eigenen Einkauf zu tragen. Nicht immer sind hippe Sportstudenten unterwegs. Mitunter führen diese Jobs auch Menschen aus, welchen das Leben nicht so dolle mitgespielt hat.

Das brachte mich dann auf einen neuen Gedanken: Gebe ich meinem Lieferanten eigentlich Trinkgeld? Den Einkauf kann man komplett ohne Bargeld begleichen, doch wie sieht es mit dem kleinen Dienstleister vor Ort aus? Wie verhält man sich in dieser neuen Situation, wenn ein Lieferservice den Einkauf bringt? Greift hier die zehn Prozent Regel aus der Gastronomie für eine tolle Bedienung im Restaurant? Gibt man gar kein Trinkgeld, weil es halt ein Lieferservice ist? Der Paketbote kriegt ja auch nicht für jedes Paket ein kleines Dankeschön.

Rob Vegas - Lieferservice
FREUNDLICHE ÜBERGABE: Was tun, wenn das Obst nicht frisch ist?

Diese neue Welt birgt vollkommen neue Fragen für mich. Wie reklamiere ich denn braune Stellen beim Obst? Soll ich etwa meinen Apfel fotografieren und per WhatsApp an den Kundendienst senden? Ab welcher Bestellmenge helfe ich aktiv mit? Baue ich gar eine persönliche Bindung zum Lieferanten auf? Ich habe dieses Experiment gewagt und sehe die Lieferservices nun immer öfter im Viertel.

Für mich war es eine ganz besondere Erfahrung. Es gibt mir aber noch zu viele ungeklärte Fragen beim Thema Lieferservices. Ich werde mich daher erst einmal weiter an Kasse 2 anstellen.

Natürlich läuft es dann wie immer an Kasse 1 viel schneller, aber das kann ich aushalten.