Smartphone und Fahrrad haben das Auto als Statussymbol in weiten Teilen der Gesellschaft abgelöst. Nur auf dem Land träumt die Jugend bislang noch von der eigenen Handbremse mit Kofferraum. Doch Auto gefahren wird trotzdem: Carsharing ist mittlerweile sogar fernab der großen Städte ein Erfolg

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens. Twitter: @robvegas, http://www.robvegas.de
IN HAMBURG, Berlin oder München muss man bei jeder Fahrt durch die City zusätzlich mindestens zwanzig Minuten für die Parkplatzsuche einplanen. Vom Stau und den Baustellen wollen wir gar nicht erst reden. Dazu kommt noch die Tageszeit als wichtiger Faktor für die Planung, denn spätestens in den Abendstunden suchen viele Städter ein Nachtquartier für ihren Wagen, das möglichst keine drei U-Bahn-Stationen von ihrer Wohnung entfernt liegt. So trifft man bei der Suche manche Nachbarn aus dem Viertel immer wieder an den gleichen Kreuzungen und könnte mitunter auch glatt die Autos tauschen, damit man wenigstens mal eine Probefahrt mit einem anderen Fabrikat unternehmen kann. Hat man sich dann aus purer Verzweiflung entschieden, es doch noch in der viel zu engen Parklücke zu probieren, so keimt beim Hin- und Herkurbeln irgendwann der Gedanke, dass man vielleicht komplett auf das eigene Auto verzichten könnte.

„Lieber die Einkaufstüten zu Fuß schleppen als den heiligen Parkplatz aufgeben.“

Ja, Besitz belastet. Immerhin rostet er sowieso meist die ganze Woche an derselben Stelle vor sich hin. Nur im Notfall riskiert man es als Städter noch, diesen heiligen Platz aufzugeben. Lieber schwere Tüten vom Supermarkt zu Fuß schleppen. Da müssten schon Oma und Opa am Stadtrand um Besuch bitten. Ansonsten bleibt die Karre stehen und dient als Lager für Wasserflaschen, Katzenstreu und Einkäufe aus schwedischen Möbelhäusern.

Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Robcast, pardon: Podcast

Ist Carsharing hier die Antwort? Einfach nur bei Bedarf ein Auto mieten? Das Konzept klingt schlüssig, doch auch in der app-gesteuerten neuen Welt gibt es Fernlicht und Schatten.

Rob Vegas – Carsharing - Kratzer
VOR DEM START: Muss es wirklich eine Komplett-Inspektion sein? 

Will man sich als Kunde korrekt verhalten, fühlt man sich bald wie ein freier Sachverständiger. Immerhin gehen nicht gemeldete Schäden auf die eigene Kappe. Daher heißt es erst einmal: den Wagen vor Fahrtantritt zu untersuchen. Macken? Schäden an den Stoßfängern? Gebrochene Seitenspiegel? Und warum riecht es eigentlich so stark nach Zigaretten in einem Nichtraucherfahrzeug? Die Antwort ist einfach. Viele Menschen nutzen die Fahrzeuge der Carsharing-Dienste, aber nur wenige User erstatten Bericht.

Time is money, wenn die Uhr erstmal läuft. Und so fahren auch viele Nutzer: als wären ihnen Geldeintreiber der Mafia auf den Fersen. Nebenbei Sitze und Spiegel einstellen, Navi programmieren, und ja, auch die eintrudelnden Whatsapps beantworten. Wer dann noch eine Hand frei hat, nimmt vielleicht unterwegs noch einen kleinen Imbiss zu sich. Nicht selten wird man beim Einsteigen von den Resten einer Fastfood-Orgie begrüßt.

Man kann allerdings auch Glück haben und der kleine Smart ist sauber, fährt und hat keine sichtbaren Schäden. Wenn man das gute Stück erst einmal gefunden hat. Zwar gibt es rund um die Bahnhöfe der Metropolen viele Carsharing-Fahrzeuge, doch es gibt noch viel mehr Interessenten dafür. Hinzu kommen die Stoßzeiten und das Partyvolk in den Nachtstunden. Carsharing erscheint mir daher manchmal mehr wie ein modisches Lebensgefühl – und nicht wie die Lösung eines Problems. Zwar suggeriert das Wort „Sharing“ irgendwie solidarisches Teilen, doch handelt es einfach um einen kurzen Mietvertrag. Praktisch ist das schon, aber romantisch eben nicht.

Ist man also mit dem Leihauto – erst einmal angekommen, muss man schnell weitere Überlegungen anstellen: Miete ich das Fahrzeug lieber für meinen Aufenthalt weiter, weil ich hier in der Ecke sonst keinen freien Wagen mehr finde oder gehe ich das Risiko ein und spare Geld? Bis zu 60 Stunden im Monat lohnt sich Carsharing meist noch. Danach wird der Spaß meist teurer als ein eigenes Auto. Obendrein muss man bei der Fahrt auch die verschiedenen Zonen beachten. Zonen?! Natürlich! Man kann ja nicht einfach mit dem Wagen losfahren und ihn vor der Kneipe in Lissabon wieder abstellen. So weit sind wir heute noch nicht mit der Technik. Und dann: Schaffe ich es zum Wagen, ehe die Reservierung abläuft? Darf ich das Auto am Flughafen abstellen? Gibt es dort spezielle Stellplätze des Anbieters? Bisweilen muss man als Nutzer sein eigenes Leben dem freien Automobil anpassen.

Rob Vegas – Carsharing - Whatsapp
MULTI-TASKING am Steuer: Nebenbei noch Sitze, Spiegel und Navi einstellen, und ja, auch kommunizieren

Es gibt beim Carsharing viele Fragen und nicht immer zufriedenstellende Antworten. Vor allem Familien haben vielleicht keine Lust, einen Kindersitz durch die Stadt mitzuschleppen. Hier kommt das an sich tolle Konzept schnell an die Grenzen des gelebten Alltags. Kritiker wenden häufig ein, dass Carsharing sowieso nur in den Städten funktioniere. Das stimmt aber nicht wirklich. Gerade kleine Kommunen haben mittlerweile großen Erfolg mit dem System.

Da werden von der Stadt eine Handvoll Elektrofahrzeuge gekauft und die Bürger können sich diese Wagen mieten. Auf dem Dorf läuft man da fix zum Ortskern, schnappt sich das reservierte Fahrzeug, fährt zum Arzt und Supermarkt und stellt es später wieder an gleicher Stelle ab. Hier werden die Autos wirklich geteilt.

„Auf dem Land gibt es keine Party-People, die beim Fahren unbedingt dönern müssen.“

Viele Leute sind überrascht vom Erfolg des Konzepts. Ältere Leute nutzen die Fahrzeuge, sind mobil und das System finanziert sich auch ohne die großen Anbieter, welche sich auf die Städte konzentrieren. Insofern funktioniert es auf dem Land sogar besser als in den Metropolen, weil es dort viele Probleme nicht gibt. Auch keine Party People, die beim Autofahren unbedingt dönern müssen.

Das eigene Auto und die damit verbundenen Kosten loszuwerden ist ein verlockender Gedanke. Ich selbst habe zusammengerechnet wohl schon ein paar Monate Lebenszeit mit der Parkplatzsuche verbracht und könnte gut darauf verzichten. Vielleicht muss ich einfach nur einen aufblasbaren Kindersitz für meinen Sohn erfinden. Wäre sicher das „Ding des Jahres“ bei Raab. Bis ich mir Gedanken über Bobby-Carsharing machen muss, habe ich ja noch etwas Zeit.