8D ist der neueste Schrei in Sachen Audio. Nicht nur bei YouTube finden wir Songs in einer neuen „8D“-Abmischung, auch Dienste wie iTunes und Spotify haben den Hype erkannt. Nur was musiziert eigentlich genau hinter dieser Bezeichnung?

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast (am besten mit Kopfhörer):

IN MEINER JUGEND war ich schon vom THX-Logo im Lichtspielhaus fasziniert. Bei Action-Filmen flogen die Fetzen quer durch den Saal, der Kinosessel vibrierte. Bald kamen die Hifi-Freaks auf den Geschmack und rüsteten ihr Wohnzimmer mit 5.1 auf, das bedeutete: fünf Lautsprecher und ein Subwoofer, Kilometer von Kabeln. Eine Menge Equipment, um die Freunde beim Fernsehabend zu beeindrucken.

„8D Audio – das hört sich an wie „8K Fernseher“. Bringt es auch eine höhere Auflösung oder feineren Sound?“

Heutzutage gibt es DolbyAtmos (das ist mittlerweile 9.1) , virtuellen Surround-Sound mit nur einer Box unter dem Fernseher, wir haben riesige Musikbibliotheken auf unseren Smartphones und das Noise Cancelling in unseren Kopfhörern filtert sogar unerwünschte Umgebungsgeräusche heraus. Man könnte annehmen, wir hätten die Krone der technischen Entwicklung erreicht.

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens. Twitter: @robvegas, http://www.robvegas.de 

Da kommt auf einmal dieses 8D um die Ecke – und soll nicht weniger als die Musikwelt revolutionieren. 8D ist aktuell ein echter Hype bei YouTube, und man kann es selbst mit Kopfhörern aus dem 1-Euro-Shop erleben. Einfach „8D" bei YouTube in die Suchleiste tippen und schon kommen Hunderte Remixe bekannter Songs.

Ich habe den Selbsttest gewagt: Im ersten Moment ist 8D-Sound wirklich erstaunlich! Die Stimme eines Sängers fliegt wie ein kleines Raumschiff um den eigenen Kopf herum, wechselt von links nach rechts und ein wenig Hall sorgt für ein räumliches Erlebnis. Ist man hier live beim Konzert dabei? Leider nicht, denn man erkennt schnell den eigentlichen Effekt. Ähnlich wie beim Heimkino wandert der Sound um uns herum. Mit Kopfhörern ist der Effekt eindrucksvoller, weil wir sofort eine Änderung der Richtung wahrnehmen.

Rob Vegas – 8D-Audio - Mischpult
ALLES in den Mixer! Für den 8D-Sound werden die Songs nachträglich bearbeitet

8D-Audio – das hört sich zwar dank der Zahl an wie „8K Fernseher“, aber eine höhere Auflösung oder feineren Sound bringt es nicht. Man erzeugt einen virtuellen Raum für das Musikstück und lässt die verschiedenen Tonspuren darin wandern. Bislang nutzte man dafür feste Presets wie „Stadion“ oder „Club“, welche eine bestimmte Location erzeugen. Soll Ed Sheeran wie in einer Kirche klingen? Kein Problem. Soll Nicki Minaj in einem kleinen Zimmer singen? Einfach anderes Preset wählen.

Bei 8D-Audio spielt man einfach nur noch ein bisschen mehr an den Reglern und lässt den Musiker mit seiner Stimme durch einen virtuell erzeugten Raum fliegen. Dieses Verfahren wird auch bei Videospielen schon lange für Effekte eingesetzt.

„Warum findet ein ziemlich missglückter 8D-Mix von Imagine Dragons mehr als 30 Millionen Hörer?"

Schon nach kurzer Zeit nervte mich der Selbsttest allerdings gewaltig. Diese dauernden Wechsel erinnern an den DJ auf dem Dorf, welcher ein bisschen zu gern an den Reglern seines Mischpults spielt. Da fliegt einem so manch guter Song sprichwörtlich um die Ohren.

Dabei kann 8D-Audio wirklich ein interessantes Konzept für Sounddesign sein, aber man muss es halt auch können. Nicht umsonst bieten Spotify und Co. professionelle Abmischungen dieser Art an.

Rob Vegas – 8D-Audio - Kopfhörer
BLING-BLING! Teure Kopfhörer sind gerade ein Must-have. Sind sie der Grund für den 8D-Hype?

Warum klicken die User bei YouTube diese Songs so gern an? Warum verbreitet sich ein Trend so schnell? Warum findet ein ziemlich missglückter 8D-Mix von Imagine Dragons mehr als 30 Millionen Hörer? Das liegt wahrscheinlich auch am Trend zu teuren Kopfhörern. Überall in den Städten sieht man Menschen mit sündhaft teuren Gadgets auf den Ohren. Manche schwören auf das Klinkenkabel und die anderen auf kabellosen Sound via Bluetooth. AirPods von Apple haben sich flächendeckend durchgesetzt und auf vielen Wunschzetteln finden sich zum Schrecken der Eltern die edlen Produkte der Hifi-Marken. Insofern ist es aktuell leicht, mit einem neuen Sounderlebnis die Massen zu begeistern. Oftmals ist es dann lustig zu beobachten, wie sich junge Menschen für 300 Euro einen Kopfhörer mit Noise Cancelling anschaffen, um damit schlecht komprimierte Musik aus YouTube-Videos zu hören. Irgendwo muss halt immer gespart werden.

Ist 8D-Audio also nun die Zukunft – oder kann es nach kurzem Hype auch gern wieder in der Schublade verschwinden? Die Antwort liegt in der Mitte zwischen Trend und Technik. Sony hat erst vor kurzem eine Technologie vorgestellt, welche bei Kopfhörern für mehr Raumklang sorgen soll. Der Boom bei teuren Kopfhörern drängt die Hersteller zu immer neuen Erfindungen. Raumklang ist somit für unsere Lauscher in Zukunft eine Option. Wir werden also in den kommenden Jahren sicher noch viel mehr Technik erleben, welche uns vielleicht wirklich live in die erste Reihe des Konzerts katapultiert, obwohl wir gerade einfach nur in der S-Bahn sitzen und mal wieder die Haltestelle verpassen – weil wir die Durchsage nicht gehört haben.