Sie sind mitten unter uns, für jeden wahrnehmbar. Und doch sind es geheime Orte: Spielplätze. Wer keine Kinder hat, weiß nichts von diesen Parallelwelten, von ihren Bewohnern und ihren geheimen Regeln. Unsere Autorin verbringt dort ihre Nachmittage.

Gestern war ich nach dem Kindergarten auf dem Spielplatz. Der Herbst lässt sich langsam erahnen, aber es war noch mal ein richtig schöner Sommertag. Also alle raus und vor dem Spielplatz noch ein Eis. Nach dem Eis fragte mein Kind nach einem Bonbon, weil eine Freundin eines hatte. Ich sagte, er habe doch gerade etwas Süßes gehabt, mehr gäbe es nicht. Antwortet der Kleine: Man darf immer zwei Süßigkeiten, das sei eine Kita-Regel.

„Die Annahme, Kinder seien kleine Anarchos, ist romantisch, aber leider Quatsch.“

Ich kontere, dass an dem Tag doch ein Geburtstag gefeiert worden sei, mit Kuchen. Bitte sehr, zwei Süßigkeiten. An Geburtstagen dürfe man drei Süßigkeiten, rechnete der Kleine schnell nach. Kita-Regel. Kita-Regel ist so etwas wie Grundgesetz, Zehn Gebote und Freiwillige Selbstverpflichtung in einem.

Natürlich gibt es bei unserer Kita keine Süßigkeiten-Regel, da regiert, genau wie zuhause, die Willkür. Interessant daran finde ich aber: Kinder interessieren sich unglaublich für Regeln und Gesetze.

Neulich auf dem Spielplatz: Kleine Polizisten
SCHON MAL mit einem Vierjährigen verhandelt?

Ich bin kein Grönemeyer-Fan, aber ein paar gute Songs hat er geschrieben. „Gebt den Kindern das Kommando“ zum Beispiel. Auch wenn die Idee dahinter – wie ich inzwischen weiß – grundfalsch ist. Die Annahme, Kinder seien kleine Anarchos, die ungetrübt alles einem kindlichen Spielgedanken unterwerfen, ist romantisch, aber leider Quatsch. „Sie berechnen nicht, was sie tun?“ Wie bitte? Schon mal mit einem Vierjährigen verhandelt? Er ist so berechnend, dass am Ende eines als gesichert gelten kann: sein eigener Vorteil. Genauso ist es mit den Regeln.

Heute Morgen wieder: „Mama, ich habe einen Motorradfahrer ohne Motorradhandschuhe gesehen. Darf man nicht, oder?“ Nun ja. Offen gestanden bin ich überfragt, was da die Empfehlung ist. Aber seit wir zwei Mal Motorradfahrer ohne Helm gesehen haben, ist Dauerthema, was Motorradfahrer dürfen und was nicht.

„Auf dem Spielplatz können wir auf eine ganze Menge Erziehung verzichten.“

Am liebsten würde er jeden Motorradfahrer ohne Handschuhe anzeigen. „Die Polizei rufen“, sagt er dazu natürlich. Ich versuche, zu relativieren: „Die sind ja schon groß und wissen genau, dass es mit Handschuh und Stiefel sicherer ist, aber heute ist es so heiß.“ „Trotzdem“ ist dann die Antwort. Nichts ist mit Relativieren. Regel ist Regel. Kinder dürfen schließlich auch nicht ohne Helm Fahrrad fahren.

Neulich auf dem Spielplatz: Kleine Polizisten
ALLES nach Vorschrift: Doch wenn das grüne Männchen leuchtet, muss man trotzdem aufpassen

Keine Sachen wegnehmen, nicht vordrängeln, mitspielen lassen, keinen Sand werfen, Nein heißt Nein. Gerade dort, wo Kinder eigentlich tun und lassen sollten, was sie wollen, gibt es bei genauem Hinsehen viel mehr Regeln als wir denken. Nicht, dass die Regeln eingehalten werden würden, sonst müssten wir Eltern ja nicht ständig ermahnen. Trotzdem finde ich es immer komisch, wenn Dreijährige mich an Fräulein Rottenmeier aus „Heidi“ erinnern. Streng, unerbittlich, regelvernarrt. Was mich am meisten daran stört, ist die Tatsache, dass sich hier etwas umgedreht hat: Eltern sollten Regeln machen, nicht Kinder. Und Kinder dürfen den ein oder anderen Konflikt unter sich lösen. Macht den gesamten Nachmittag entspannter.

„Wer fragen darf, ob eine Regel wirklich so gelten muss, ist vielleicht auch selbst weniger streng.“

Irgendwie machte mich die Situation gestern auf dem Spielplatz ein bisschen nachdenklich. Ich beschloss, das mit den Regeln anders anzugehen. Ein paar Gesetze sind unumstößlich. Logisch. In gefährlichen Situationen gibt es keine Diskussion. Auf der Straße wird aufgepasst, am Wasser wird bedingungslos gefolgt. Aber sonst? Alles, was anderen wehtut, geht nicht. Aber ob der Motorradfahrer nun mit oder ohne Handschuhe fährt, überlassen wir ihm.

Manche Regeln müssen ohnehin ständig relativiert werden. Nehmen wir zum Beispiel eine Fußgängerampel. Wenn das grüne Männchen leuchtet, kommen schließlich auch die abbiegenden Autos. Was sagen wir also den Kindern: Ihr dürft nur bei Grün gehen und müsst auch dann trotzdem noch mal schauen. „Regel an und Hirn aus“ ist fast immer falsch.

Auf dem Spielplatz können wir auf eine ganze Menge Erziehung verzichten. Vordrängeln, wenn keiner Schaden nimmt, ist nicht so schlimm. Ein Vierjähriger in der Warum-Phase eignet sich nicht für Kadaver-Gehorsam. Muss er auch nicht. Wenn er fragen darf, ob eine Regel wirklich so gelten muss, ist er vielleicht auch selbst weniger streng und lernt dafür mitzudenken. Fahrradfahren auf dem Spielplatz ist verboten? OK. Aber wenn kaum jemand da ist und alle vorsichtig fahren – warum nicht?

Wenn der Kleine in 14 Jahren immer noch Polizist werden möchte, dann soll er das tun. Wenn er mag, kann er dann zwei Mal Eis am Tag essen. Oder drei Mal.

Übrigens: Im September startet das Voting der Fanta Spielplatz-Initiative und im Herbst stehen die Gewinner fest.

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