KADONG Kadong Kadong. Wenn Helmut Bleckwenn zu einer neuen Runde startet und die ersten Rüben hinten auf die noch leere Ladefläche purzeln, klingt es wie ein Schlagzeugsolo. Bleckwenn blickt aus dem Fahrerhaus auf das riesige Rode-Agregat zweieinhalb Meter unter ihm: ein surrendes Technikwunder aus Kurbeln und Klingen. Sie schneiden die Blätter, legen sie ab, mulchen sie als Dünger in den Boden und befördern schließlich die Rübe über Förderbänder nach hinten in den Bunker. Kadong.

Nach einer Minute ist nur noch dezentes Klopfen zu hören. Der Container füllt sich schnell. Jetzt summen allein die 625 Diesel-PS, aber so leise, dass die Rehe am Feldrand keine Notiz davon nehmen.

„Die Rübe braucht Erfahrung. Man muss wissen, wie sie tickt.“


„Die Rübe liebt die Sonne, deshalb war es ein gutes Jahr für sie“, sagt Helmut Bleckwenn. „Sie hätte hin und wieder ein bisschen Regen gebrauchen können. Aber hier, auf diesem guten Boden, ist das nicht so ein Problem wie in anderen Gegenden“. Die Rübe ist eine Meisterin im Umgang mit Wetterextremen: Bekommt sie nicht genug Wasser, stellt sie das Wachstum ein und wartet. Oder sie wurzelt bis zu zwei Meter in die Tiefe. „Die Rübe erfordert Erfahrung“, sagt Helmut Bleckwenn. „Man muss wissen, wie sie tickt.“

Helmut Bleckwenn
HELMUT BLECKWENN ist seit mehr als 30 Jahren Landwirt

Ihren Aufstieg zur Haupt-Zuckerpflanze Europas verdankt sie Napoleon. Als der französische Kaiser 1806 die Kontinentalsperre verhängte, wurde Rohrzucker aus den britischen Kolonien unerschwinglich. Doch die Menschen waren längst auf den Geschmack gekommen. Schon länger war bekannt, dass nicht nur das Zuckerrohr, sondern auch andere Pflanzen durch Photosynthese Zucker herstellen und einlagern. Die weiße schlesische Rübe erwies sich als besonders ertragreich. Sie wurde durch Selektion auf einen Zuckergehalt von 16 Prozent gezüchtet. Heute sind bis zu 20 Prozent möglich.

„Der Boden in der Hildesheimer Börde ist dunkel und saftig, einer der fruchtbarsten in Deutschland.“


Der Boden in der Hildesheimer Börde ist dunkel und saftig, einer der fruchtbarsten in Deutschland. Seit 13 Generationen betreiben die Bleckwenns hier Landwirtschaft, seit 175 Jahren bauen sie Zuckerrüben an. Für Helmut Bleckwenn, 59, und seinen Sohn Moritz, 30, ist die Zuckerrübe „die Königin der Feldfrüchte.“

Moritz Bleckwenn
MORITZ BLECKWENN mit der „Königin der Feldfrüchte“

Ihre Regentschaft beginnt Ende März, Anfang April, wenn die Saat maschinell präzise im Abstand von 20 Zentimetern in die Erde „gedrillt“ wird. Sie endet nach 180 bis 200 Tagen, wenn die Rübenkampagne beginnt: die Ernte- und Verarbeitungszeit. Dann zieht aus den Zuckerfabriken ein malzig-süßer Duft über das Land. Der Geruch sagt: Das Jahr neigt sich dem Ende zu.

Rübenroder
HIGH-TECH: Der Rübenroder. 626 PS, 30 Tonnen Nutzlast

So wie auch jetzt. Helmut Bleckwenns Maschine, der Roder, hat zwei Acker-Bahnen mit rund 20 Tonnen auf dem Buckel. Er hält, tippt auf einen der Touch-Screens im Cockpit und startet ein System von Förderbändern, das die Ladung am Rand des Feldes ablädt. Später werden Sattelschlepper kommen und sie in die nahegelegene Fabrik in Clauen bringen. Gut 24 Stunden später kommen sie als Zucker wieder heraus. Ein Teil davon geht in die gerade mal elf Kilometer entfernte Coca-Cola Abfüllung in Hildesheim.

Zuckerrüben
ZUCKERRÜBEN: Vor 50 Jahren zog noch das halbe Dorf zur Ernte auf die Felder

„Die Bleckwenns arbeiten mit neun weiteren Betrieben zusammen. Gemeinsam bewirtschaften sie mehr als 800 Hektar.“


Moderne Landwirte arbeiten vernetzt: Pflügen, säen, düngen, ernten – auch das wird mittlerweile per Smartphone-App koordiniert. Die kostspieligen Maschinen – der Roder, auf dem Bleckwenn gerade fährt, kostet rund 500.000 Euro – werden im Schichtbetrieb ausgelastet. Mit neun weiteren Betrieben haben die Bleckwenns sich zu einer GmbH & Co. KG zusammengeschlossen. Gemeinsam bewirtschaften sie mehr als 800 Hektar, auf denen nicht nur Rüben wachsen, sondern auch Kartoffeln, Weizen, Gerste und Mais.

Rehe am Feldrand
GEBEN und Nehmen mit der Natur: Rehe am Feldrand

Trotz hochgradiger Organisation bleibt die Arbeit auf dem Feld ein Geben mit der Natur, sagt Moritz Bleckwenn: „Ich arbeite mit Augen und Händen. Die Beurteilung etwa, wie es den Pflanzen geht, die kann mir kein Handy und kein Computer abnehmen.“ An den Blättern kann er den Nährstoffgehalt des Bodens ablesen – auch wenn er ihn lieber präzise mit einer Probe ermittelt. An der Form der Frucht sieht er, wie viel Wasserreserve es gibt.

Zuckerfabrik in Clauen
KURZER WEG: Zuckerfabrik in Clauen

Als sein Vater ein kleiner Junge war, haben noch viele Bewohner des Dorfes selbst auf den Feldern Rüben gehackt und verzogen. Bleckwenn war beeindruckt, als sein Vater mit dem ersten Roder auf den Hof fuhr. Er wurde von einem Traktor gezogen. Der Junge liebte es, darauf mitzufahren.

„Im Schnitt wird aus sieben Kilo Rüben ein Kilo Zucker gewonnen. Zucker ist immer ein Naturprodukt.“


Im Schnitt wird aus sieben Kilo Rüben ein Kilo Zucker gewonnen. Zucker ist immer ein Naturprodukt. Er wird aus den zerkleinerten Früchten herausgekocht, ohne Zusätze oder chemische Veränderungen. Am Ende bleibt von der Rübe nichts übrig, alles wird verwertet. Sogar das Wasser für ihre Verarbeitung bringt sie selbst mit. In der Fruchtfolge kommt sie nur alle vier Jahre auf dasselbe Feld. Ihre Blätter bleiben gleich am Boden, als Dünger für ihre Nachfolger. „Die Rübe ist eine ideale Vorfrucht“, sagt Moritz Bleckwenn, „weil sie den Boden auflockert und nährstoffreich hinterlässt.“

Und sie hat eine bessere Ökobilanz als Importe aus Übersee, sagt sein Vater: „Die müssen tausende Kilometer an Land transportiert werden, dann mit dem Schiff und hier weiter verteilt – ein starkes Argument für den Zucker aus der Region.“

Dann steigt er wieder auf den Roder. In einer halben Stunde wird er dieses Feld abgefahren haben. Als nächstes will er hier Winterweizen säen.