Gras kann bei der Herstellung von Papier und Kartons einen Teil des normalerweise verwendeten Zellstoffs ersetzen. Zum Beispiel Holzfasern. Dadurch wird Graspapier zum nachhaltigsten industriell gefertigten Papier der Welt. Der Erfinder Uwe D’Agnone über seine Idee zu dieser Technologie, die Anwendung durch Unternehmen wie Coca-Cola – und die großen Chancen für unsere Umwelt.

ER TUPFT SICH den Schweiß von der Stirn. Uwe D’Agnone steht inmitten einer saftig grünen Wiese, in der Kleinstadt Tornesch im Umland von Hamburg. Kräftige Grashalme umspielen seine Hosenbeine, nur ein zarter Windhauch zupft an den Schirmchen einer Pusteblume. Heiß ist ihm aus zwei Gründen: Weil er gerade aus der Produktionshalle der Papierfabrik Meldorf kommt, in der tropische Temperaturen herrschen. Und weil hier draußen die Sonne scheint, wie fast immer in diesem ungewöhnlich warmen, trockenen Sommer. Das Thermometer zeigt 23 Grad – viel zu heiß für Ende Oktober.

„Ich könnte mich über das schöne Wetter heute freuen,“ sagt Uwe D’Agnone. „Aber das wäre zu kurz gedacht. Der Klimawandel ist deutlich zu spüren, anderthalb Grad mehr im Durchschnitt machen einen riesigen Unterschied. Das ist beängstigend, wir müssen dringend etwas tun.“

Uwe D’Agnone ist ein Mann der Tat. Mit siebzehn Jahren begann er seine Ausbildung in einer Tiefdruckerei, seitdem dreht sich sein gesamtes Berufsleben um Papier. Schon lange beschäftigte ihn die Frage, wie industriell hergestelltes Papier umweltfreundlicher werden kann. Welche Alternativen gibt es zu Holz? Wo findet man geeignete Fasern?

Uwe D’Agnone
UWE D’AGNONE

Die Antwort fand D‘Agnone vor sieben Jahren. Damals kommt ihm die Idee, Papier aus Gras herzustellen. Zwei Jahre später hält er das erste Produkt aus Graspapier in der Hand, inzwischen auch das Patent für seine Graspellet-Technologie, genannt GrasPap®. Alleine in Deutschland arbeiten heute zwölf Papierfabriken mit seinem Unternehmen CreaPaper zusammen. Sie alle stellen Papierprodukte mit einem Anteil von bis zu 40 Prozent aus seinen Grasfasern her. Papier aus Gras gilt als nachhaltigstes Papier in der gesamten Industrieproduktion.

Der ökologische Mehrwert liegt auf der Hand: Papier wird heutzutage in der Regel aus Holz hergestellt. Oder aus Altpapier. Um aus Holz Papier zu machen, muss es aufwändig aufbereitet werden. Das kostet Energie, verbraucht viel Wasser und setzt CO2 frei. Außerdem kommt Chemie zum Einsatz, um den Zellstoff Lignin zu entfernen, der die Zellwände festigt und dem Holz ermöglicht, baumhoch zu wachsen.

Graspapier-Produktion in Tornesch
GRASPAPIER-Produktion in Tornesch: Der Rohstoff wächst direkt vor der Tür

Auf der Suche nach einer Alternative suchte D’Agnone nach ligninarmem Pflanzenmaterial. Weich musste es sein, nicht hoch gewachsen. So kam er auf Gras. „Es hat eine fast reine Faser. Es kann mechanisch aufbereitet werden, ganz ohne Chemie, und mit deutlich geringerem Energieaufwand.“

D’Agnone hat alle Zahlen zur Grasfaser parat, oft hat er sie schon genannt in den letzten Jahren und immer haben sie seine Zuhörer schnell überzeugt. Bei der Herstellung werden 97 Prozent der benötigten Energie eingespart, erklärt er. Für jede Palette Zellstoff fließen 6.000 Liter weniger Wasser durch die Produktion. Und der CO2-Eintrag ist um 75 Prozent niedriger als bei der Herstellung aus Holz.

Wir nutzen das Gras von Ausgleichsflächen, die beim Bau von Straßen oder Häusern als Grünausgleich angelegt werden. Diese Flächen sind biodivers, da wachsen neben Gras auch Blumen, aber das ist kein Problem, denn Graspellets können bis zu 30 Prozent davon enthalten.“ Ist das Grün nicht eigentlich für die Nutztierhaltung gedacht oder zumindest für Biogasanlagen? „Dieses Gras ist aufgrund seiner Länge als Tierfutter nicht geeignet. Und nur ein sehr geringer Anteil geht in die Biogasanlagen, das meiste bleibt auf dem Feld liegen oder wird untergemulcht.“

Honest Tea
NATÜRLICH: Coca-Cola verwendet Graspapier für Werbematerial von Honest Tea und ViO Bio Limo

Wo kommt Graspapier zum Einsatz? Papier, Pappe, Karton, Druckträger, Dämmmaterial – das sind die gängigsten Einsatzbereiche für die tonnenschweren Rollen, die Tag für Tag den Hof der Papierfabrik Meldorf verlassen. Doch auch im Supermarkt können Verbraucher mit geschultem Auge das besondere Material schon finden: als Schale für Obst oder Gemüse, als Eierkarton oder Müslipackung, sogar bei einem Lippenpflegestift. Coca-Cola war eines der ersten Unternehmen, die Graspapier-Kartonagen nutzten: praktische Flaschenträger für die ViO BiO Limo und aktuell das Werbematerial für das Teegetränk Honest Tea.

Wie geht es weiter? „Wir haben ausreichend Ausgleichsflächen in Deutschland. Mit dem verfügbaren Wiesenschnitt könnten wir bereits ein Drittel der gesamten Frischfaserproduktion des Landes ersetzen.“ erzählt D’Agnone und reibt sich dabei ungeduldig die Hände. Jede Papierfabrik könnte ohne größere zusätzliche Investitionen mit ihren bestehenden Maschinen Graspellets zusammen mit Altpapier oder Frischfaser verarbeiten. „Wir haben es mit einigen Mutigen getestet – und es funktioniert.“

Wie hier in Tornesch: Gleich zu Beginn der Produktion treffen die Graspellets auf das Altpapier, das langsam über ein Förderband zu einem riesigen Mischtrog geschoben wird. Im gewünschten Mischverhältnis fallen Papier und Pellets in diesen Trog, lösen sich im strudelnden Warmwasser auf und bilden ein grünbraunes Fasergemisch. Wird der Nature-Liner®, wie das Produkt in der Papierfabrik Meldorf heißt, hergestellt, kann das jeder sofort riechen: Ein Duft von Heu und frisch gemähter Wiese liegt in der Luft.

Jetzt heißt es für D‘Agnone, auch die großen Holzindustrien zum Umdenken zu bewegen und sie auf neue, nachhaltigere Wege zu bringen. Das Konzept ist und bleibt für den Gründer dabei immer regional: Das Gras kommt ausschließlich aus der Umgebung, die Pellets könnten sogar direkt auf dem Gelände der Papierfabrik produziert werden.

Uwe D’Agnone möchte etwas verändern auf der Welt. Sein erklärtes Ziel ist, Plastik durch Graspapier zu ersetzen, wo immer es möglich ist. Nach einem Gespräch mit ihm sieht man die Wiese, auf der er gerade steht, mit völlig anderen Augen. Über diese Idee wird sicher so schnell kein Gras wachsen.