Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen. Diesmal: Vorbildlich Müll trennen und vermeiden.

Hier hörst du die Kolumne von Hannah Mohn als Podcast:

SEIT EINER WOCHE streite ich mit einer Taube um meinen Biomüll. Sie hungert nach ihrem Mittagssnack aus altem Brot und trockenen Orangenschalen. Ich sehne mich danach, dass mein Balkon nicht aussieht wie ein explodierter Komposthaufen. Doch die Taube merkt genau, wann ich ihr den Rücken zukehre. Schon bevor ich die Balkontür geschlossen habe, ist sie im Anflug, um sich auf alles zu stürzen, was ich zum Verrotten und Vermodern freigegeben habe.

Mein besseres Ich - Taube
MITESSER: Die Taube findet Biomüll genauso wertvoll wie unsere Autorin

Bis letzte Woche habe ich Biomüll noch heimlich über den Restmüll-Eimer entsorgt. Ein Verhalten, das mir eigentlich nicht ähnlich sieht. Denn gefühlt trenne ich jede denkbare Müllart. Papier, Glas, Plastik, Batterien, Korken, alles hat in meiner Küche seine eigene Wohlfühlzone. Bei Familie und Freunden gelte ich sogar als anstrengend, wenn es um Müll geht. Ich starte Rückholaktionen, wenn mal was in der falschen Tonne landet. Befördere meine Wertstoffe nur in den Müll, wenn sie wirklich sortenrein sind – und knibble dafür Plastik aus Briefumschlägen, Strumpfhosenverpackungen und allem anderen, das ins Altpapier gehört.

Bei Familie und Freunden gelte ich als anstrengend, wenn es um Müll geht.“

Es ist übrigens nicht die Schuld der Taube, dass Biomüll bei mir bislang keinen eigenen Platz gefunden hat. Das lag an durchnässten Tüten, modrigen Gerüchen und nicht zuletzt: einem akuten Platzproblem. Noch ein Abfallbehältnis auf acht Quadratmetern Großstadtküche war selbst einer passionierten Trennerin wie mir zu viel. Jetzt im Winter aber fände das bisschen Biomüll locker Platz auf dem Balkon. Wenn nur die Taube nicht wäre.

So gut ich im Mülltrennen bin, so schlecht ist bislang mein Müllvermeidungs-Karma. Der schicke Stoffbeutel, um die Einkäufe nach Hause zu tragen? Klar, den habe ich fast immer dabei. Sobald ich aber durch die Supermarktregale tanze, setze ich schnell den Heiligenschein ab. Kekse mit knuspriger Karamellschicht und saftigen Schokostückchen? Leeeeecker! Die sind einzeln verpackt und dann noch drei Mal umwickelt? So bleiben sie länger frisch, rede ich mir ein, während ich noch auf dem Heimweg den vorletzten Keks aus der Plastikumhüllung reiße.

„Gerade auf Reisen stelle ich fest, dass mein Müllgewissen oft zu Hause bleibt.“

Klar, es ist die Leidenschaft für den Genuss, die hier mein Müllgewissen einnebelt. Doch wenn ich ganz ehrlich den Müllhaufen betrachte, den ich übers Jahr so produziere – wenn auch meistens fein säuberlich getrennt – muss ich mir eingestehen: Schokostückchen und Karamell sind nicht mein einziges Problem.

Mein besseres Ich – Jute-Beutel
ALLES JUTE: Stoffbeutel zu benutzen ist eine leichte Übung…

Es gäbe in meinem Alltag viele Wege, Müll zu vermeiden. Joghurt in Pfandgläsern kaufen zum Beispiel. Da denke ich an schwere Einkaufstüten und den Rückbring-Bedarf und greife doch zum leichten Plastik. Ich könnte in den Unverpackt-Supermarkt gehen und mein Müll-Karma auf einen Schlag von großem Ballast befreien: Mehl, Reis, Nudeln, Müsli, Kaffee, Gummibärchen, Gewürze, alles ohne Plastikhaut. Doch die spontane Auf-dem-Weg-nach-Hause-Einkäuferin in mir schüttelt sich bei dem Gedanken an sorgfältige Einkaufsplanung – in meinem schicken Stoffbeutel bräuchte ich dann ja auch befüllbare Gefäße.

Ich komme nicht umhin mich zu fragen: Ist vielleicht sogar das peinlich genaue Mülltrennen zu Hause nur eine liebgewonnene Obsession meines perfektionistischen Charakters und mein Müll-Karma ist eigentlich genauso faul wie der Biomüll auf dem Balkon? Vielleicht bin ich da einfach ein bisschen schizophren, wie die meisten Menschen.

Mein besseres Ich – unverpackte Lebensmittel
… der Einkauf unverpackter Lebensmittel hingegen erfordert Planung.

Gerade auf Reisen stelle ich fest, dass mein Müllgewissen oft zu Hause bleibt. Statt Kosmetika in wiederverwendbare Reisetöpfchen zu füllen, kaufe ich im Drogeriemarkt praktische Minigrößen. Das ist noch gar nichts gegen deinen Wasserkonsum, meckert mein besseres Ich. Mein Problem: Ich bin der Apollinaris Typ. Je spritziger, desto besser. Unser Einweg- und Mehrweg-System ist im Ausland bislang aber kaum angekommen. Wasser kaufen heißt deshalb oft: Plastikflasche wegschmeißen. Oft weiß ich nicht, was anschließend damit passiert. Im schlimmsten Fall landet sie dann im Meer –  so wie stündlich hunderte Tonnen Plastikmüll.

Dass ich im Urlaub trotzdem manchmal Plastikflaschen kaufe, liegt allerdings nicht allein an meiner Leidenschaft für Blubberblasen. Gerade bei Fernreisen ist es oft auch die Sorge vor Keimen und Bakterien, die mich davon abhält, Wasser aus dem Hahn zu trinken und tageweise abzufüllen. Man kann nicht alle Schlachten auf einmal schlagen.

Vielleicht werde ich auf diesem Weg irgendwann genauso perfekt in Müllvermeidung wie ich es bei der Mülltrennung schon bin. Schließlich habe ich auch den Kampf mit der Taube inzwischen gewonnen: Mein Biomüll gärt jetzt gut versteckt in einem Blumentopf.