Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen. Diesmal: den Winter-Blues austreiben.

Hier hörst du die Kolumne von Piri Sonnenberg als Podcast:

ICH MÖCHTE EIN BRAUNBÄR SEIN. Eingerollt in einer warmen Höhle, dem Winter eine lange Nase zeigen und einfach durchschlafen. Es ist Februar. Die Straßen still und ungeschminkt. Dann und wann weht uns der feuchte Wind einen kahlen Weihnachtsbaum oder eine leergeknallte Silvesterrakete vor die Füße. Wo man hinguckt: trübes Grau – oder gleich sattes Dunkel.

Mein besseres Ich: Winter - verschlafen
WINTERSCHLAF: Darum beneiden wir die Tierwelt in diesen Tagen

In dieser Jahreszeit bekommt mein Wecker jeden Morgen drei- bis viermal eins auf den Deckel, ehe ich wieder zum Zweibeiner werde. Alle anderen hüpfen schon längst wie frischgeduschte Ponys über die Alltagswiese. Aber ich werde einfach nicht wach.

Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Diesen Song kenne ich. Es ist der „Winter-Blues“.

Wenn es still und dunkel ist, bietet sich eine gute Gelegenheit, uns selbst genauer kennenzulernen. Am lautesten knurrt dann der innere Schweinehund. Meiner ist besonders groß. Ungefähr wie Chewbacca aus „Star Wars“. Er will nur essen, schlafen und vielleicht noch Löcher buddeln, in denen er planlos zusammengekaufte Gegenstände deponiert.

Jedes Mal, wenn ich versuche, ihm ein Würstchen als Freundschaftsangebot zu reichen, will er gleich die ganze Hand. Zusammen mit meinem inneren Neandertaler bildet er ein famoses Nörgelfritzen-Duo.

„Ich bin auf der Stelle bereit zu jeder Schandtat, die mich aus dem Wintertief bringt.“

Ganz bestimmt ist es kein Zufall, dass die Menschen genau in dieser dunklen Jahreszeit Fasching oder Karneval feiern. Bereits unsere Vorfahren haben mit Masken und Tierfellen versucht, die bösen Geister samt Winter zu vertreiben und mit Fröhlichkeit die guten Geister zu erwecken. Jene, die den Frühling bringen.

Aber zurück auf den Boden der Tatsachen: Ich bin auf der Stelle bereit zu jeder Schandtat, die mich aus dem Wintertief bringt. Mein springlebendiges, besseres Ich macht sich auf die Suche und findet lauter Tipps, die ich SOFORT in die Tat umsetze:

Raus an die frische Luft, egal, wie kalt es draußen auch ist! An eine Lichttherapie denken! Sich munter essen! Mit knalligen Farben umgeben! Mit Sport glücklich treiben! In fremde Welten eintauchen - und sei es durch ein gutes Buch. Fröhliche Musik hören! Blumen kaufen! Tagespläne kritzeln! Kindische Sachen machen! Baden in stimmungsaufhellenden Essenzen!

Mein besseres Ich: Winter – Grau
FIFTY Shades of... Kieselgrau, Delphingrau, Nebelgrau, Perlgrau, Rauchgrau, Taubengrau…

An einem freien Samstag starte ich folgendes Experiment, um den düsteren Stier an den Hörnern zu packen. Operation Winter-Blues:

Zuerst klebe ich morgens halbtot 15 Minuten an der Tageslichtlampe, die ich im Winter-Sale geschossen habe. Das soll die Melatoninproduktion der Zirbeldrüse stoppen. Sie ist nämlich die Hauptverdächtige bei saisonaler Schlappheit.

Zweitens: Inspiriert von meiner dreijährigen Tochter (die unbedingt als Müllmannärzteprinzessin Fasching feiern will) jogge ich in pinkfarbenen, knallgelben, blauen und froschgrünen Klamotten um den Block. Okay, nennt es Blitzschleichen... von mir aus... aber ich habe geschwitzt. Mein Hund Erbse ist Zeuge.

Auf dem Heimweg überfalle ich den Blumenladen. Dann klaube ich im Hof wie von Sinnen alle nicht gefalteten Tetra-Packs und Kartons aus den Tonnen und springe unter Urwaldschreien drauf, bis sie knallen. Und ab unter die kalte Dusche, um noch mehr Urwaldschreie auszustoßen und Eiswürfel zu weinen, bis die Nachbarn definitiv bei uns klingeln.

„Das Dessert: Schokolade mit Schokolade, zu papageienbunten Panflötenklängen.“

Dann haue ich farbenfrohes, knallgesundes Gemüse in die Pfanne und serviere als Dessert zu papageienbunten Panflötenklängen Schokolade mit Schokolade. Später am Nachmittag bemale ich mit meiner Tochter die ohnehin winterfahlen Fenster in Kinderzimmer und Küche mit Fensterfarben. Schmetterlinge und Fische stehen auf der Agenda, meine Tochter besteht auf Mandarinen und Mülleimern, wegen ihrer Lieblingsfarbe Orange.

Später beschenke ich meinen Mann mit Wunderinseln und Fabelwesen in einem 22 Stunden langen Fantasy-Hörbuch, bevor wir gemeinsam das ewig kaputte Bücherregal reparieren. Nach einer kurzen Weile bereits möchte er am liebsten mit dem Schraubenschlüssel in der Hand auf dem Flokati-Teppich davonfliegen. Was er niemals zugeben würde, ich aber an seinem Blick erkennen kann. Als ich immer noch knallfröhlich eine Badewanne voller Lavendelmelissenhopfenjohanniskraut vorschlage, fragt meine Tochter leise: „Papa, hat Mama morgen auch noch Aua im Kopf?“. Okay, ich seh’s ein: das reicht. Erledigt fallen wir alle (auch Schweinehund, Neandertaler) ins Bett.

Mein besseres Ich: Winter – Tageslichtlampe
SCHALTET eine Tageslichtlampe den inneren Sonnenschein an? 

Am Sonntag Kursänderung. Sie heißt: „Verliebt ins Grau“. Ich beschließe, genau das Gegenteil zu tun und dem Bunten, Grellen und Übereifrigen eine Pause zu gönnen.

Ich schaue verschlafen aus dem Fenster. Eine einsame Amsel sitzt auf einem kahlen Ast – und singt. Ganze 30 Sekunden! Auf dem benachbarten Baum schaukelt der Morgenwind die letzten vergilbten Blätter weg, um neuen Platz zu machen. Ich mache in stiller Langsamkeit Frühstück, niemand nimmt es mir übel.

Auch der Körper braucht die Zeit der Einkehr, jeder auf seine Weise. Es ist in Ordnung, sich in dieser Jahreszeit von inneren Einmachgläsern zu ernähren und dann und wann ein bisschen zu grummeln, weil es noch alte Dinge gibt, die einen beschäftigen und die sich nicht einfach wegsprengen lassen wie ein Böller.

Und während ich plötzlich entdecke, wie gut es tut, einen Moment lang innezuhalten und mir nichts anderes zu wünschen als das, was gerade JETZT ist, finde ich heraus, dass Grau nicht einfach nur Grau ist, sondern ebenso auch Kieselgrau, Delphingrau, Nebelgrau, Perlgrau, Rauchgrau, Taubengrau, Aschgrau, Steinzeitgrau (dieser Vorschlag ist von meinem Freund, dem Neandertaler), bemerke ich: Unter der Erde tut sich was, erwacht millimeterfein zu neuem Leben: der Frühling. Ich kann ihn fühlen.