Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen. Diesmal: Anständig bleiben beim Online-Dating.

NIEMALS VORDRÄNGELN. Jederzeit den Platz im Bus für Schwangere und Senioren räumen. Und bloß nicht mit vollem Mund sprechen. Mache ich alles. Denn: Ich bin schrecklich gut erzogen. Höflich bis zur Selbstverleugnung. Während ich früher jedes noch so scheußliche Tantengeschenk mit einem braven „Danke, das habe ich mir schon immer gewünscht“ quittiert habe, wünsche ich heute selbst jenen glockenfreundlich einen schönen Tag, bei denen ich eigentlich angerufen hatte, um mich über miserablen Service oder schlimmere Vergehen zu beklagen.

Eine Höflichkeit, die durch nichts und niemanden ins Wanken gebracht werden kann. Dachte ich. Bis ich mich bei einer Online-Dating App angemeldet habe.

Online-Dating - Smartphone-Screens
PRINZ oder Prinzessin? Dating-Apps sind manchmal wie Online-Shopping

Ein leichtsinniger Gedanke: dass es doch ganz schön wäre, den einen oder anderen interessanten Mann auf ’ne Coke zu treffen. Denn ich ahnte nicht, wie viel schlechtes Benehmen sich auf dem Weg dorthin in meinen Charakter schieben könnte.

„Ein „Hey, na?“ Dann ein „Hey, wie geht’s?“. Ein „Hey zurück“ könnte zum schon Gespräch führen.“


Mein Problem beginnt mit unbeantworteten Nachrichten. Anfangs will ich höflich bleiben und auch jenen zurückschreiben, die mich eigentlich nicht interessieren. Ganz reizend, herzliche Grüße, viel Glück bei der weiteren Suche. Dann aber bekomme ich diese Ein-bis-drei-Wörter-Nachrichten. Hey, schreibt Rob. Thor und Steven investieren sogar ein „Hey, na?“ und ein „Hey, wie geht’s?“. Ein „Hey zurück“ könnte zum Gespräch führen. Ein „Hey, aber nein danke!“ ist schon mehr Antwort, als vielleicht erwartet wird. Und ist ein „Hey, tschüss!“ nicht genauso unhöflich wie gar keine Reaktion? Ich flüchte mich in die Nicht-Antwort. Übrigens schnell auch bei jenen, die mehr Worte zur Verfügung stellen. Weil ich feststelle, dass ich mehr Zeit damit verbringe, darüber nachzudenken, was ich jenen schreiben soll, die mich nicht interessieren, als tatsächlich jenen zu schreiben, die es tun.

„Soll ich meine Zeit wirklich damit verbringen, jenen zu schreiben, die mich nicht interessieren?“


Aber auch, wenn Profilbilder, Selbstbeschreibung und von der App enthusiastisch hervorgehobene Gemeinsamkeiten zum Gesprächsbeginn führen, ist das nächste Benimmproblem manchmal nur eine Nachricht entfernt: der Verlust des Interesses. Am Anfang ist alles schick. Man trifft jemanden, findet sich attraktiv, fängt an zu plaudern. So zum Beispiel mit Sebastian. Es ist nett und fluffig, wir chatten über Urlaubsziele, Familiengeschichten und absurde Lebensmittelunverträglichkeiten.

Doch irgendwann fängt es an zu haken. Die Sympathie schwindet mit jedem Buchstaben und irgendwann möchte ich lieber mit Hey-Rob ein paar Worte wechseln als noch mehr über Sebastians neurotische Schwester zu erfahren. Doch, verflixter Amor, wie komme ich hier wieder raus? Anders als im realen Gespräch kann ich mich nicht mit einer mehr oder weniger charmanten Ausrede aus der Affäre ziehen, denn in der App steht die Notwendigkeit einer Antwort dauerhaft im Raum. Die mehr als unhöfliche Entscheidung fällt an einem Freitagmorgen. Sebastian textet ausführlich. Irgendwas über seine Mutter, eine Katze und eine Schokotorte. Ich lese schon gar nicht mehr richtig mit. Zu einer Antwort kann ich mich erst recht nicht aufraffen. Schließlich wähle ich die feige Variante: Ghosting.

Online-Dating - Chatten am Computer
MANCHMAL ermüdend: Dauer-Chat

Ghosting. Das unerklärliche Verschwinden eines Menschen, mit dem man bis dahin eine scheinbar intakte Verbindung hatte. Ich kannte es bisher nur aus Erzählungen von Freundinnen, die fassungslos darüber waren, dass eine vielversprechende neue Bekanntschaft abrupt im Nichts endete. Gerade noch klingelte WhatsApp zehn Mal am Tag. Und plötzlich: Stille. Der andere wird zu einem Geist. War etwas komisch beim letzten Treffen, eine unkluge Bemerkung? Oder hat er einfach jemand Besseres gefunden? Man weiß ja nie bei uns multimedialen Optionsmenschen. Der Zurückgelassene bleibt ratlos zurück, ohne Chance, sich das irgendwie zu erklären.

Bei Sebastian ist es einfach die Überforderung. Ich kapituliere vor den Mutter-Torten-Katzen-Geschichten. Mitten im Nachrichtenverlauf breche ich den Kontakt ohne Erklärung ab und warte in den nächsten zehn Tagen wortlos darauf, dass Sebastian endlich aufgibt. Er textet weiter.

Ich habe ein schlechtes Gewissen und denke darüber nach, beim nächsten Mal radikal ehrlich zu sein: Ich finde dich zwar wirklich attraktiv, doch reden möchte ich mit dir nicht mehr. Aber tue ich meinem Gegenüber damit wirklich einen Gefallen?

„Muss ich mich definitiv entscheiden und dann entweder wirklich auf- oder für immer untertauchen?“


Dass ich nach dieser Erfahrung nicht sehr viel anständiger geworden bin, merke ich bei Sam allerdings erst nach einer Weile. Sam ist Architekt, zwei Jahre jünger als ich, schickt mir bald Links zu seinen Lieblingssongs und Bilder seiner Katze. Wir treffen uns auf einen Kaffee, finden uns sympathisch, plaudern für drei Stunden. Dann Küsschen rechts, Küsschen links, und wir gehen getrennte Wege. Nicht genug Anziehung? Oder einfach nur langsames Kennenlernen? In den nächsten Wochen vergesse ich immer wieder, dass es Sam gibt.

Wenn mich ein lustiges Katzenvideo an ihn erinnert, melde ich mich spontan. Dann schweige ich wieder für Tage, egal, wie raffiniert seine Antwort war. Ich surfe auf einer Welle zwischen Neugier und Desinteresse. Dass ich dabei echtes Submarining betreibe, für diese Erkenntnis braucht es leider ein paar Tage länger. Muss ich mich also irgendwann definitiv entscheiden? Und dann entweder wirklich auf- oder für immer untertauchen?

„Das Treffen im Restaurant – ein schwerwiegender Fehler beim ersten realen Date.“

Bevor ich darauf eine Antwort finde, muss ich mich aus einer anderen Dating-Falle befreien: Während des Treffens festzustellen, dass es nicht passt. Ich begehe einen schweren Fehler: das Date im Restaurant. Wer sich auf einen Kaffee oder ein Glas Wein verabredet, trinkt im Notfall schnell aus und verabschiedet sich (natürlich sehr höflich). Michael und ich aber sitzen beim Mexikaner, zwischen uns eine riesige Schale Nachos. Die Enchiladas für danach sind längst bestellt, als ich feststelle, dass Michael gerne Monologe hält. Lange Monologe. Furchtbar langweilige Monologe. Zwar gibt mir das reichlich Zeit, darüber nachzudenken, wie ich mich aus der Situation befreien kann. Schlussendlich erfinde ich trotzdem Karl. Meinen Hund, der jetzt mal dringend Gassi muss.

Online-Dating - Date
REALITY-CHECK: Das erste richtige Treffen

Als Michael sich am nächsten Tag meldet, um einen Spaziergang mit meinem imaginären Hund vorzuschlagen, ziehe ich die Reißleine. Online-Dating hat mich zur schamlosen Lügnerin gemacht, der struppige Karl ist nur der Gipfel der Unwahrheiten. Schon mehrfach war ich angeblich nicht in der Stadt (wahlweise mit Freunden unterwegs oder schlimm erkältet), weil ich lieber Serien gucken wollte – Couchpotatoes aber sicher nicht die attraktivsten Flirtpartner sind.

Noch während ich in die Jogginghose schlüpfe, formuliere ich meine Antwort an Michael. Der Funke ist bei mir einfach nicht übergesprungen, schreibe ich. Das ist die Wahrheit. Und höflich bleibe ich damit auch.