Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen.

Diesmal: Piri räumt sich frei.

HURRA! Geschafft! Endlich! Der Frühling ist bei uns angekommen. Sobald die Sonne an Kraft gewinnt, regt sich ein seltsamer Drang in unserer Ur-Natur: Alles schreit danach, Fenster und Türen aufzureißen, um Licht und Luft in unsere Behausungen zu lassen.

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Piri Sonnenberg als Podcast:

Auch ich vernehme ihn gerade: Den Schrei nach dem Frühjahrsputz. Und das kommt nicht von ungefähr. Bereits im alten Rom erfreute sich der Frühjahrsputz großer Beliebtheit. Nicht ohne Hintergedanken heißt „februare“ „reinigen“. Der Monat Februar diente als Auftakt für das umfassende Reinemachen. In nördlichen Gegenden stürzte man sich im März und April in das Vergnügen, auszumisten. In höheren Lagen, wo es noch länger schneite, wurde es sogar Juni. Der Frühjahresputz dauerte mehrere Tage und spannte die ganze Familie ein – oder auch Diener, je nachdem wie wohlhabend die Mannschaft war.

Mein besseres Ich – Römischer Brunnen
SCHON IM ALTEN ROM war der Frühjahrsputz verbreitet

So oder so: Der gesamte Hausstand, Möbel, Matratzen und alle Gegenstände wurden ins Freie getragen und es wurde dem ganzen Schmutz, der sich über den Winter im Haus angesammelt hatte, radikal Garaus gemacht. Da man früher täglich den Ofen befeuerte, an offener Herdstelle das Essen kochte, und weil man darüber hinaus wegen der Kälte kaum lüftete, lagen Staub und Ruß fingerdick auf Möbeln, Wänden und Boden. Wenn alles wieder blitzblank war, machte man die Bude wieder hübsch, indem man die Wände weißelte und die Holzdielen strich.

Mein besseres Ich - Wischmopp
MIT FREUDE Feudeln – wie geht das?

Aber zurück ins 21. Jahrhundert und mein eigenes Piriversum: Vor etwas über einem Jahr habe ich mit Mann, Maus und Hund eine neue Wohnung bezogen. Und sie ist – oh, Schreck! – noch immer nicht fertig eingerichtet.

Im Schrank warten sämtliche, in irrationalen Kaufattacken herbeigeschleppten Objekte auf ihren Einsatz: Marokkanische Lampen, tschechische Kerzenhalter, englische Seifenschalen.

Voller Bewunderung studiere ich als Einschlafhilfe all die Newsletter von dänischen Möbelhäusern und italienischen Design-Websites, bestaune die Perfektion zwischen Mülleimer und Badewanne – und scheitere doch selbst auf das Schönste, dafür aber immer wieder: Ich schaffe es einfach nicht, dass meine Wohnung so aussieht wie die da auf diesen Bildern!

„Nicht einen Tag lang, pah!, nicht mal drei Stunden sieht es bei uns aus wie auf diesen Einrichtungsbildern.“

Sofort fallen mir die Lego-Piercings an meiner nackten Fußsohle jeden Morgen im Flur ein. Unser Bad sieht nach einem hektischen „Oh Mann, schon wieder zu spät!“ aus wie die Umkleide im „Folies Bergère“, wo die Showgirls in Sekundenschnelle ihre Fummel wechseln. Lebhaft höre ich noch, wie die mühsam arrangierte Oster-Deko zwischen den Säbelzähnchen meines Hundes knackt. Von der regelmäßigen Teigexplosion in der Küche, wenn Mann und Kind so zauberhaft kochen, ganz zu schweigen.

Und da bin ich: Sobald ich es geschafft habe, eine Ecke mit ihren Türmen und Haufen wieder halbwegs „schön“ zu machen, explodiert es gleich wieder an der nächsten. Es ist ein bisschen so wie bei dem armen Kerl, der den Stein am Berg hinaufrollt, um ihn erneut nach unten sausen zu sehen. Und das nur, damit er mit dem Schieben von vorne anfangen kann. Nicht mal einen Tag lang, pah!, nicht einmal drei Stunden sieht es bei uns aus wie auf diesen Einrichtungsbildern.

Mein besseres Ich - Schwamm
SCHWAMM drüber. Und dann: Kampf dem Kram!

Aber genug des Elends. Mit diesem Frühjahrsputz wird alles anders. Ich hole mir Hilfe. Und werde im Internet schnell fündig. Nachdem Fenster und Schränke poliert sind, erscheint sie: Marie Kondō, feingliedrig wie eine Elfe, Stimme zart wie ein Silberflöte – meine japanische Fee, Beherrscherin des Ur-Chaos. Ich beschließe umgehend, bei ihr in die Lehre zu gehen. Und hier ist, was ich bereits gelernt habe:

Nur Mut, Saustallschwestern und Chaosbrüder! Keine Angst vorm Aussortieren! Behalten wird von jetzt an nur das, was uns wirklich Freude bringt. Alles kann weg. Doch nicht einfach in die Tonne knallen! Weil dies den meisten von uns Riesenhamstern schwerfällt, hat die japanische Zauberfee hier einen Trick: Bevor wir uns von einem Gegenstand verabschieden, danken wir ihm still für seine jahrelangen Dienste. Nicht lachen, machen! So wundersam es auch klingen mag. Dankbarkeit ist der Schlüssel zum Loslassen. Es wirkt!

Mein besseres Ich – Designerwohnung
SOLCHE WOHNUNGEN gibt es nur in Photoshop

Und weil wir gerade beim Horten sind – meist behalten wir Dinge aus zwei Gründen: Festhalten an der Vergangenheit und/oder Angst vor der Zukunft. Ich habe in beidem einen Meisterbrief. Ich lerne: „Eines Tages“ wird es nicht geben. Was wir nicht brauchen, steht jahrelang vergessen in der Ecke. Was wir nur horten, weil wir es mit einer schönen Erinnerung verbinden, rottet ebenso unbeachtet vor sich hin. Beides loszuwerden fällt leichter, wenn man es fotografiert. Dann kann man sich das Fotoalbum an einem verregneten Sonntag anschauen und rumseufzen, aber die Wohnung bleibt dabei aufgeräumt.

„Das größte Chaos entsteht ohnehin, weil wir einfach zu viel besitzen. Zuviel Kram, Krempel, Nippes, Tinnef.“

Das größte Chaos entsteht ohnehin, weil wir einfach zu viel besitzen. Zuviel Kram, Krempel, Nippes, Tinnef. Entscheiden wir uns für weniger Zeugs, gibt es auch nicht so viel aufzuräumen, logisch. Warum also nicht nur so viel anhäufen, wie wir auch tatsächlich bewältigen können?

„Audrey Hepburn hatte gegen Ende ihres Lebens nur noch ganz wenige Kleider in ihrem Schrank. Stell dir das mal vor – gerade sie, die Stilikone schlechthin!“ erzählt mir meine Freundin Anja, während ich mit ihr am Telefon, den Tränen nah, meine Kleider durchgehe. „Sie behielt nur noch das, was sie brauchte. Piri, wirf endlich dieses vergilbte Ding da weg!“ Sie meint das T-Shirt, das ich damals, in den Semesterferien, auf unserer Irland-Radtour erstand – und an dem ich mich gerade festkralle.

Den lieben Dingen, die uns wirklich etwas bedeuten, können wir den Raum geben, der ihnen gebührt. Und nun – Simsalabim – zauberhafter Nebeneffekt: Wir streiten uns viel weniger, und auch Kindern fällt es leichter, das Aufräumen und „Zu-Bett-Bringen“ von Spielsachen zu lernen.

Mein besseres Ich – Ausmisten
KANN DAS WEG? Beim Ausmisten gilt: Wer loslässt, hat beide Hände frei.

Was ist mit Werkzeug? Dingen, die man nicht das ganze Jahr über braucht? Teilen. Mit Freunden, Familie, Nachbarn. Nähmaschine gegen Bohrer. Rasenmäher gegen Säge.

Es ist wahr: Unser Zuhause ist der einzige Ort, auf den wir vollkommenen Einfluss haben. Woanders – Arbeit, Schule, Sportstudio, in der Öffentlichkeit – sind wir dem Geschmack von anderen ausgeliefert. Warum also nicht unsere Dankbarkeit für diesen kostbaren Ort ausdrücken, in dem wir ihm Zeit und liebevolle Aufmerksamkeit schenken, ihn pflegen und nicht respektlos zumüllen.

„Die harten Fälle: Muscheln aus dem letzten Urlaub, die Vase von Tante Walli.“

Von Zimmer zu Zimmer räume ich auf, in der Reihenfolge, die ich jetzt gelernt habe. Kleider, Bücher, Dokumente bis hin zu den „harten Fällen“, die besonders viel Entscheidungskraft brauchen: Muscheln aus dem letzten Urlaub oder die Blumenvase von Tante Walli.

Mit jeder kleinen Entscheidung fühle ich mich um Tonnen leichter. Ich halte nicht mehr so sehr an Dingen fest. Nach der Radikalkur wirkt unsere Wohnung auf einmal größer. Und weil wir nicht so viel putzen müssen, ärgern wir uns nicht mehr so viel. Uns nur mit Dingen zu umgeben, die uns Freude schenken, macht zufrieden und erfüllt uns. Plötzlich haben wir viel mehr Zeit für die wahrhaft schönen Dinge des Lebens.

Wie von Zauberhand entsteht Raum, um zu Lachen und zu Spielen. Es stört nicht mehr, wenn Kinder durch die Bude flitzen, es gibt ja viel weniger, das sie durcheinander bringen oder kaputt machen könnten. Und das Schönste: Durch das „Weniger“ sind wir richtig reich geworden: Viel mehr Platz, viel mehr Zeit, viel mehr Freude in der Hütte.