Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen. Diesmal: gelassen bleiben – trotz guter Vorsätze

Hier hörst du die Kolumne von Piri Sonnenberg als Podcast:

DAS NEUE JAHR ist frisch geschlüpft, wir hören noch seine Schale knacken. Unschuldig blickt es uns entgegen. Ohhhh – was kann man daraus alles machen! Dieses Jahr wird alles anders. Ganz bestimmt!

Mein bessere Ich - Frieden mit mir selbst
LAUTER GUTE VORSÄTZE: Die Garage entrümpeln und öfter das Fahrrad nehmen? Am besten beides…

Beim Neujahrsspaziergang durch die graue Steppe vor der Stadt, philosophieren meine Freunde und ich darüber, was uns im neuen Jahr garantiert besser gelingen wird als im letzten. Hier ein paar Highlights: Endlich weniger ausrasten wegen kleiner Dinge. Beim Ironman anmelden. Einmal im Leben in eine 36 reinpassen. Angst vor dem Fliegen und dem Zahnarzt überwinden. Weniger neidisch auf Kollegen sein, die es mit dem Vorankommen irgendwie schlauer anstellen, weil sie als Baby in den Zaubertrank gefallen sind. Endlich den Französischkurs von vor 10 Jahren fortsetzen. Das Baumhaus bauen, das man sich als Kind gewünscht hat. Weniger keifen. Weniger jammern. Weniger streiten. Einmal eine ganze Woche sanft wie ein Kätzchen sein. Weniger Schrott kaufen. Vor allem Klamotten und Zeugs mit Kabeln. Mutiger sein. Kung-Fu lernen. Konsequent Müll trennen. Fahrrad statt Auto fahren. Endlich Beziehungen und Garage ausmisten. Öfter der Frau „was Nettes“ sagen. Und natürlich: mit dem Rauchen aufhören.

Gerade noch leuchtete uns die blütenweiße, leere Leinwand 2018 an und schon haben wir sie in gerade mal 12 Stunden ihres neuen Daseins komplett mit Schlagwörtern zugekleistert.

Mein bessere Ich - Frieden mit mir selbst
…und gleichzeitig mit dem Rauchen aufhören, Kung-Fu lernen und Kindheitsträume verwirklichen! 

Ich lasse mich erschöpft auf einen eiskalten Findling am Waldweg plumpsen. „Halt Leute. Pause. Ich kann nicht mehr. Wie soll man all diese guten Vorsätze nur schaffen?“ Ich patsche mir mit meinem warmen Fäustling auf die Stirn. „Wisst ihr, was ich mir für dieses Jahr vornehme?“ Erwartungsvolle Augenpaare schauen mich an.

Warum sollten uns ein paar Laster und Marotten, Linien und Pölsterchen an einem erfüllten Leben hindern?

„Endlich Frieden mit mir selbst!“ rufe ich, dass es dampft. Ich ernte skeptische Blicke.

„Ja, endlich beste Freundin mit mir selbst sein!“ Meine Freunde machen jetzt das Augenbrauenballett, einig, dass gerade eben etwas in meinem Oberstübchen verschoben wurde.

„Endlich aufhören, an mir und meinem Leben herumzunörgeln.“ Jetzt bin ich vom Findling auf den kalten Waldweg gerutscht. Ich springe auf vor Kälteschreck.

„Warum soll es nicht in Ordnung sein, dass wir nicht mehr so sportlich sind wie Teenager. Damals hatten wir auch einfach mehr Zeit! Warum ist das falsch, dass wir manchmal einfach zu müde sind, um ins Kino, ins Theater oder in eine Ausstellung zu krabbeln? Der Alltagswahnsinn ist doch oft der packendste Zirkus. Warum sollten uns ein paar Laster und Marotten, Linien und Pölsterchen an einem erfüllten Leben hindern? Sie sind ein Teil unserer kunterbunten Geschichte. Nichts macht so glücklich, als wenn man etwas durch eigene Kraft erreicht hat – oder? Und da gehören Kampfspuren dazu.“

„Ja, vor allem meine beginnende Glatze!“ ruft mir mein Kindergartenfreund entgegen.

„Na und? Dann entsteht auf deinem Kopf mehr Landeplatz für Geistesblitze!“ Wir boxen uns in die Seite und laufen alle gemeinsam schneller weiter. Der silberne Wintersee vor uns. Ein paar Vögel rauschen über unseren Köpfen vorbei. Der Wind zupft an unseren Mützen.

Dieses Jahr will ich mich endlich einmal in Ruhe lassen. Akzeptieren, was ist,

Ja, dieses Jahr will ich mich endlich einmal in Ruhe lassen. Akzeptieren, was ist. Mich am Brauchbaren freuen. Und über den ganzen restlichen Unsinn lachen. Jeden Tag mein Bestes versuchen, meine kleineren und größeren Träume verwirklichen, aber mich nicht bei Versagen abschießen wie eine Dose auf dem Rummel.

Mein bessere Ich - Frieden mit mir selbst
…warum versuchen wir nicht, großzügiger und geduldiger mit uns zu sein?

Ist es nicht interessant, dass niemand uns so heruntermachen kann wie wir selbst? Nicht einmal unsere schlimmsten Feinde würden so über uns herfallen.

Warum versuchen wir nicht, großzügiger und geduldiger mit uns zu sein?

Und mehr Zeit zusammen zu verbringen, statt sich allein mit seinem Unvermögen zu quälen, wieder etwas nicht geschafft zu haben. Zusammen scheitert man einfach viel schöner.

Mittlerweile haben wir, ehe wir uns versahen, die ganze Runde um den stillen See geschafft. Die anderen Neujahrsfrischluftfanatiker, denen wir am Anfang unseres Spaziergangs begegnet sind, lachen uns entgegen. Die Kinder im Kinderwagen sind aufgewacht und haben Hunger. Mein Hund Erbse und seine Kumpels wollen unbedingt noch eine weitere Runde drehen und sind durch die Büsche davon. Unsere Nasen sehen aus wie Tiefkühlmöhren. Das Neue Jahr hat auf das Schönste angefangen. Das Leben hat uns wieder.