Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen. Diesmal: Mit allen Sinnen genießen – wie geht das eigentlich?

MIT EINEM HARMLOSEN Sonntagnachmittag-Elterntelefonat fängt alles an: „Hallo Mama“, rufe ich ins Telefon. „Hallo mein Schatz!“ ruft meine Mutter in ihr uraltes Funktelefon, in der Leitung knistert es wie ein Lagerfeuer. „Uuuuund?“ höre ich sie fragen und weiß sofort, obwohl 400 Kilometer weit entfernt, erstens was jetzt kommt und zweitens den dazugehörigen Gesichtsausdruck.

Mein besseres Ich - Genießen - Telefongespräch
WEIHNACHTEN ist das Fest der Familie, der Liebe… 

„Na klar, rücken wir an Weihnachten an“,
sage ich. „Kommen die anderen auch?“ Damit meine ich meinen Bruder und mein kleines Schwesterherz, samt Bagage. „Nein, die haben noch nichts von sich verlauten lassen“, sagt sie. Und wieder weiß ich mit der Sicherheit eines Kieferorthopäden, welche Gesichtsmuskeln bei ihr gerade Turnübungen veranstalten. „Aber wenn du kommst, kommen sie auch.“

Das ist mein Los als Erstgeborene. Immer mit gutem Beispiel voran. Meine Mutter ist jedenfalls nach meiner Zusage erleichtert und dann plaudern wir über dies und jenes, eine ganze Stunde lang. Aber hinterher fühle ich mich auf einmal merkwürdig schwer.

Mein besseres Ich - Genießen - Gänsebraten
…und der Schlemmerei…

Wieso habe ich
das Gefühl, dass sich da ein Hauch von Zwang eingeschlichen hat? Wieso habe ich das Gefühl, dass ich es mal wieder allen recht machen will, obwohl meine innere Stimme eigentlich sagt: Dieses Mal setze ich eine Runde auf dem Weihnachtskarussell aus. Ich würde am liebsten an den Feiertagen einfach schlafen – sonst nichts. Ja, wenn das so einfach wäre...

Schon fühle ich Schweißtropfen auf meiner Stirn, wenn ich an die Kocherei, Esserei und Trinkerei denke. Ich freue mich auf meine verrückte Familie. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir mehr essen als miteinander reden. Ich sehe schon meine Mama vor mir, wie sie den zweiten Nachschlag anbietet. Es ginge gegen ihre Ehre, wenn noch etwas im Topf übrigbliebe. Als ich klein war, bestand sie immer darauf, dass ich meinen Teller leer esse.

„Geniesseee es einfach.....“ sage ich zum Grinch und mache eine Grimasse. Er antwortet: „Was soll das sein?“

„Was machst du dir eigentlich für einen Stress?“ sagt meine bessere Hälfte, der geborene Zen-Meister und lächelt mich an, die Sporttasche in der Hand. Ich sollte da auch mit. Aber ich schaffe es nicht. Denn ich stecke gerade im Gedankenstau. „Wenn das so einfach wäre!“ rufe ich ihm hinterher. „Es ist einfach!“ ruft er, schon in der Tür. „Entweder du lässt dich davon verrückt machen, oder du genießt es einfach.“

Na super. Mister Alleswisser. Genießen. Puuuhhhh. Als ich später in den Spiegel blicke, sehe ich statt meines Ebenbilds den Grinch. Dieses kleine grüne, haarige Monster aus dem Märchen von Dr. Seuss. Der Grinch, der Weihnachten gar nicht mag und es deshalb stehlen will. „Geniessseeeee es einfach.....“ sage ich zum Grinch und mache eine Grimasse. Grinch antwortet: „Was soll das sein?“ „Ja, keine Ahnung, weiß ich auch nicht“, grummele ich zurück.

Mein besseres Ich – Weihnachtsessen
MEHR ZEIT - wichtiger als mehr Essen

Irgendetwas mit dem Genießen
an den Feiertagen ist da aus dem Lot geraten. Woran liegt das eigentlich? Die meisten von uns müssen sich nicht sorgen, wie sie die nächsten Tage überleben. Wir haben die Freiheit, unser Leben und unsere Feiertage nach unseren Wünschen zu gestalten und trotzdem schaffen es nur die wenigsten von uns, sich ganz und gar frei zu fühlen. Wir futtern zusammen in gut beheizten Stuben die knusprigsten Weihnachtsgänse, feinsten Weihnachtssahnetorten, schlürfen köstlichste Likörchen – und trotzdem können wir es oft nicht wirklich genießen.

„Selber schuld“, sagt mein Grinch.
Mag sein.
Aber wie geht das eigentlich: richtig genießen? Wenn ich an das Futtern an den Feiertagen denke, kriege ich auch Muffensausen. Ich will nicht auf die Frage: „Was hast du zu Weihnachten bekommen?“ antworten müssen: einen dicken Bauch. Ich will auch kein Sodbrennen und keinen Dauer-Kater.

„Zeit. Das Wichtigste beim Genießen. Der magische Schlüssel zur Sinnesfreude.“


Genießen braucht Zeit, ungeteilte Aufmerksamkeit und muss frei sein von jeglichem Zwang, es genießen zu müssen. Genießen geht nur, wenn man gänzlich im Genuss aufgeht. Es funktioniert nur, wenn man nicht nebenbei noch etwas anderes macht oder denkt. Ich schaue mir die herrlichen Farben an, bevor ich die Schwarzwälder Kirschtorte verputze. Ich sauge den Duft von Schokolade, Kirschwasser, süßer Sahne auf. Ich werde eins mit der Torte. Ich nehme mir die Zeit. Nicht mal der Laber-Flash meines geliebten Onkels Frank kann mich davon ablenken.

Zeit. Das Wichtigste beim Genießen. Der magische Schlüssel zur Sinnesfreude. Nichts geht, wenn man sich schon darauf freut, dass es vorüber ist, noch bevor es überhaupt begonnen hat.

Ich rufe meine Mutter an: „Mama, hast Du nicht Lust, es dieses Jahr ein wenig anders zu machen? Zum Beispiel nur eine Vorspeise statt vier. Und ein Hauptgericht statt drei und Geschenke nur für die Kinder? Dann statt des ganzen ständigen Alkohol-Wahnsinns vielleicht zur Abwechslung ein bisschen Sober Drinking? Ein paar leckere Mocktails? Dann brauchen wir uns auch nicht zu sorgen, ob Onkel Frank heil nach Hause kommt...

„Das ist nämlich auch Genuss: Dinge, die kein Geld, sondern nur Zeit und Aufmerksamkeit kosten.“


„Tolle Idee, mein Schatz!“, ruft meine Mama begeistert. Dafür liebe ich sie. Sie ist wirklich die Queen. Immer offen für Neues.

„Dann verlieren wir uns nicht der Küchenschlacht und haben mehr Zeit und Lust, mit den Kindern zu spielen.“ – „Ich habe für die Kinder ein Spiel besorgt. Es heißt ‚Wahrheit oder Blödsinn‘. Damit können schon Kids lernen, Fake News zu erkennen. Und lustig ist es auch. Aber noch nicht verraten!“ – „Vielleicht können wir Onkel Frank überreden, seine Gitarre mitzubringen. Er kennt so schöne Jazz-Stücke. Ich komme immer ins Träumen, wenn er spielt.“

„Super Idee!“ rufe ich. Denn das ist nämlich auch Genuss: Dinge, man nicht essen oder trinken kann, die kein Geld kosten, uns aber ermöglichen, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Die unsere Sinne, unseren Geist so faszinieren, dass wir alles andere vergessen.

Diese Feiertage werden anders. Diese Feiertage werden reiner Genuss. Natürlich werden wir Mamas Nussecken trotzdem bis auf den letzten Krümel verputzen. Denn eines ist klar: Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar.