Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen. Diesmal: Piri fährt in Urlaub.

SEIT MONATEN TRÄUME ich mich bereits an meinen Traumstrand. Jede einzelne Welle ist seit der trüben Februarbrühe kristallblau gepinselt, die Sonnenstrahlen habe ich andächtig während der kilometerlangen Autobahnstaus, Warteschlangen und Besuchen auf dem Zahnarztstuhl, mit flüssigem Gold ausgemalt. Mein Liebster hat sein schönstes Lächeln auf, mein Kind im bunten Badeanzug ist glücklich in seine Disney-World-große Sandburg eingezogen. Ich selbst: gebräunt wie ein knuspriger Toast mit himbeerroten Fußnägeln, unter dem Sonnenschirm dösend wie eine satte Katze.

Mein besseres Ich – Koffer packen
VOLLE LADUNG Vorfreude: Koffer packen 

Unser Urlaub. Seit fast einem Jahr gebucht. Schon die Vorstellung daran wirkt wie tausend Entspannungsvideos. Ich knipse sie an, wann immer mich der Blues erwischt. Die Urlaubstablette wirkt immer.

Die Sehnsucht, meine Vorstellung endlich wahr werden zu lassen, wird langsam unerträglich. Sogar die Schmetterlinge auf den Sonnenschirmen, die Farbe der Badetücher der anderen Gäste am Strand, die kalten Tropfen an der Limoflasche – habe ich bereits perfekt ausgemalt. Nennen wir es beim Wort: Ich bin urlaubsüberreif.

Und plötzlich ist es soweit. Wir packen! Rein mit den Badehosen, wir quetschen die Schnorchelausrüstung und den aufblasbaren Schwimm-Donut hinein. Nein – ein Kuscheltier muss reichen, die langen Hosen brauchen wir nicht.

Mein besseres Ich – Flug in den Urlaub
ÜBER DEN WOLKEN sind die Träume noch grenzenlos 

Mit freudigem Herzklopfen steigen wir aus dem Flugzeug. Da sind wir endlich. Am Ziel unserer Träume. Die warme Luft umarmt uns zur Begrüßung. Das Mittelmeer glitzert kokett und blendet unsere Augen mit seinen schönsten Schmuckstücken. Endlich ziehen wir sie hervor: unsere Sonnenbrillen.

Es ist alles perfekt – bis wir das Hotel erreichen. Ab da machen sich die Urlaubskobolde einen Spaß mit uns.

Mein besseres Ich – Regen am Strand
ERHÖHTE Luftfeuchtigkeit

Das Zimmer ist klein und eng, alle anderen ausgebucht, wir treten uns bereits nach zehn Minuten auf die Füße. Statt des Meeresrauschens holt uns eine brummende Baustelle aus dem Schlaf. Im Pool schwimmen alte Pflaster, das Büffet ist meist eine regenbogenbunte Matschepampe, der Kinderklub schmuddelig – unsere Tochter will da auf keinen Fall bleiben. Wir sind übermüdet und können alle nicht schlafen, von Entspannung kann keine Rede sein. Es gibt Zoff, gleich am ersten Tag. Wir knurren uns nur noch an. Und dann beginnt es mitten im Sommer zu regnen.

„Der Nullpunkt ist erreicht. Wir überlegen, alles abzublasen und nach Hause zu fahren.“

Das war’s. Wir sind am Ende. Mein perfektes Urlaubsbild, all die Monate voller Zärtlichkeit ausgemalt, segelt fröhlich im Rinnsal in Richtung Gulli, der zu allem Überfluss, wie es in Mittelmeerländern so üblich ist, überläuft und das ganze Abwasser hochtreibt. Mit einem Wimpernschlag sind all die prächtigen Farben meiner Vorstellungskraft zerflossen. Schon lange waren wir nicht mehr so deprimiert. Der Nullpunkt ist erreicht. Wir überlegen, alles abzublasen und nach Hause zu fahren.

Doch plötzlich sind sie wieder da – unsere Überlebensgeister. „Was wir ändern können, lass uns ändern, was sich nicht ändern lässt – das soll uns nicht die Laune verderben“, spricht der weise Indianer an meiner Seite, mein Mann. Wir Mädels sind einverstanden.
Wir mieten uns ein Auto und beschließen die Gegend auf eigene Faust kennen zu lernen. Melden uns für alle bereits gebuchten Aktivitäten ab. Keine Hüpfkurse mehr. Auf ins Ungewisse!

Mein besseres Ich – Restaurant
EINTDECKUNG: Ein kleines Restaurant, das in keinem Reiseführer steht 

Auf einem kleinen Markt, auf dem die Einheimischen einkaufen, besorgen wir uns drei Paar langer Hosen. Wir kommen, so wie wir dastehen – als ausgesetzte und begossene Pudel – ins Gespräch mit den Leuten und bekommen im Nu ein paar schöne, versteckte Restaurants empfohlen, die in keinem Touristenführer stehen. Das Essen dort ist vorzüglich und kostet fast gar nichts.

Mein besseres Ich – Postkarte
POSTKARTE statt Posting

Bei unserer Entdeckungstour auf einem verregneten Hügel finden wir eine verträumte, kleine Piazza, mit einem verschlafenen Café mittendrin. Wir füllen unsere Bäuche mit Sahnetorten und heißer Schokolade, während es draußen heftig stürmt. Wir tun etwas, das wir seit Kindertagen nicht mehr gemacht haben: Wir schreiben Postkarten an Freude und Familie. Schreiben Quatsch in Reimen und kichern uns kaputt. Unsere Tochter beglaubigt die Karten mit ihren Strichmännchen. Wir haben schon lange nicht mehr so viel miteinander gelacht. Durch die ganzen Katastrophen haben wir ganz wenig fotografiert. Es gibt fast nichts, das wir unseren Freunden posten könnten. Was für eine Befreiung! Ich entdecke, dass dieses permanente SELFIEsieren und kommentieren eine turmhohe Barrikade zwischen mir und dem Erlebten aufbaut. Dass ich gar nichts richtig zu Ende erleben kann, da ich es immer schon vorher von mir weg – und weiterschicke...

„Esel wägen immer genau ab, ob sie Lust auf etwas haben. Unser Urlaub ist es wert, es ihnen gleich zu tun.“

Die Cafébesitzerin erzählt uns von einer Eselfarm im nächsten Ort. Sie wählt die Nummer und kündigt uns an. So kommt es, dass wir reiten lernen. Die ganze Mannschaft. Auf Eseln! Die begutachten uns zunächst skeptisch. Auf der Farm gibt es viele Eselarten. Kleine, große, kräftige und winzige. Mir scheint, dass es den Eseln am meisten gefällt, wenn wir im Matsch landen, nachdem sie uns abgeworfen haben. Auf jeden Fall trifft das auf den Eselszüchter und seine Frau zu. Sie haben mit uns ihren Spaß. Wir haben auch Spaß. Als meine Tochter die Babyesel streicheln darf, beschließt sie, nie wieder nach Hause zurückzukehren.

Von den Eseln lerne ich viel. Ihre angebliche Sturheit ist nämlich Klugheit. Sie wägen immer ganz genau ab, ob sie Lust auf etwas haben. Das kann gefühlte Stunden dauern. Wozu sie keinen Bock haben, das machen sie nicht. Unser Urlaub ist es wert, es ihnen gleich zu tun. Nie wieder werde ich sagen, dass jemand dumm sei wie ein Esel.

Mein besseres Ich – Esel
VON ESELN lernen heißt: cool bleiben

Ein paar Tage später findet sich doch ein schöneres Zimmer für uns. Es hat auch aufgehört zu regnen. Der Strand lockt uns wieder mit seinen glitzernden Reizen. Aber dafür haben wir jetzt fast keine Zeit mehr. Wir haben beschlossen, einer wilden Eselherde draußen auf ihrer Wanderroute durch die Hügel zu folgen. Der Eselzüchter zeigt uns von weitem, wie sich die Esel einfach an den Wiesen und Kräutern entlang fressen. Wir folgen ihnen. Und lassen alles auf uns zukommen. Kein Plan mehr. Wir lassen uns treiben. Entscheiden von Augenblick zu Augenblick, worauf wir Lust haben. Nur unsere kleine Tochter braucht ein paar Fixpunkte im Tagesablauf. Aber die sind nicht schwer hinzukriegen. Vor allem, weil wir Erwachsenen jetzt viel entspannter sind.

„Etwas wird ENT-täuscht. Befreit von der Illusion. Es wird zu dem, was es wirklich IST.“

Während der kleinen Wanderung wird mir klar, dass das Wort Enttäuschung von Ent-Täuschen kommt und etwas Wunderbares an sich hat. Etwas wird ENT-täuscht. Befreit von der Illusion. Es wird zu dem, was es wirklich IST. Hier und jetzt, in der Gegenwart. Nachdem wir unsere fixen Ideen davon, wie etwas sein muss, losgelassen haben. Es zeigt sich in seiner ganzen echten Pracht und gibt uns die Gelegenheit, es kennenzulernen, frei von unseren selbstkonstruierten Vorstellungen, mit denen wir uns in der Vergangenheit die Zukunft festgenagelt haben.

Plötzlich eröffnet sich ein neuer, unglaublich weiter Raum. Und zeigt mir die Freude jetzt, in diesem Moment HIER und nirgendwo anders zu sein.