Die Organisation Foodwatch hat Ihr Unternehmen zu einer Pressekonferenz zur Vorstellung ihres „Coca-Cola Reports“ eingeladen. Warum sind Sie nicht hingegangen?

„Wir sind immer offen für eine konstruktive Diskussion. Leider ist unsere Erfahrung, dass es Foodwatch nicht um einen lösungsorientierten Dialog geht. Beim letzten persönlichen Treffen mit dem Foodwatch-Gründer Thilo Bode hat er unserem Unternehmen die Existenzberechtigung abgesprochen. Jede Kampagne seither hat gezeigt, dass sich Foodwatch ideologisch nicht weiterbewegt hat. Die Welt hat sich jedoch verändert. Und wir ebenso. Die Einladung zur Pressekonferenz war in Wahrheit eine Vorladung an den von Foodwatch aufgestellten Pranger.“

Das ist ein scharfer Vorwurf. Haben Sie sich denn bewegt?

„Ja. Denn das Thema, um das es geht, ist wichtig. Und wir sind ein Teil in einem größeren Puzzle. Übergewicht ist ein Problem in vielen Ländern. Es hat viele Ursachen und deshalb müssen auch viele an der Lösung mitarbeiten. Wir sind offen für einen konstruktiven, lösungsorientierten Dialog darüber, welchen Beitrag unser Unternehmen dabei leisten kann.“

„Die Welt hat sich verändert. Und wir ebenso.“


Was heißt das konkret?

„Wir verändern Rezepte. Wir forschen und entwickeln neue Getränke. Und wir reduzieren Zucker. Ein Ergebnis: Wir senken den Zuckergehalt in unseren Erfrischungsgetränken bis 2020 um 10 Prozent. Für jedes klassische Erfrischungsgetränk bieten wir schon seit Jahren mindestens eine Variante ganz ohne Zucker an.

Nicht zuletzt investieren wir überproportional viel in die Werbung für unsere Getränke ohne oder mit weniger Zucker: Im vergangenen Jahr war das in Deutschland pro Liter Getränk fast das Doppelte gegenüber den Ausgaben für unsere klassischen Limonaden (+90 %).

Unser Ziel ist, dass wir bis 2025 die Hälfte unseres Absatzes mit Getränken ganz ohne Zucker oder mit weniger Zucker erzielen.“

Coca-Cola: Geplante Zuckerreduktion im Getränkesortiment bis 2020
Coca-Cola: Geplante Zuckerreduktion im Getränkesortiment bis 2020

Geben Sie damit also zu, dass der Zucker in Ihren Getränken die Hauptursache für Übergewicht ist?

„Zu viel Zucker ist für niemanden gut. Genauso wie zu viel von irgendeinem anderen Inhaltsstoff – wie etwa Fett oder Salz. Ganz klar ist: Übergewicht ist ein komplexes Phänomen. Einfache Antworten oder zugespitzte Fragen wie diese sind verlockend, aber sie lösen das Problem nicht. Wenn es einen einfachen, direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken und Übergewicht gäbe, müsste sich das in der Statistik zeigen. Aber nach den Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO stimmt diese Annahme nicht. Ein Beispiel: In Ländern wie Finnland, wo Jugendliche sehr wenig Softdrinks konsumieren, gibt es eine hohe Übergewichtsrate. In den Niederlanden ist es genau umgekehrt. Die Wahrheit ist offensichtlich komplizierter.“

Grafik der UNESDA auf Basis von Daten der WHO: Softdrinkkonsum und BMI-Index
Grafik der UNESDA auf Basis von Daten der WHO: Softdrinkkonsum und BMI-Index

Es heißt, in Großbritannien habe die Ankündigung einer Softdrink-Steuer dazu geführt, dass sich die ganze Industrie bewegt hat. Was sagen Sie dazu?

„Die Reduzierung von Zucker in unseren Erfrischungsgetränken hatte längst begonnen, bevor die neuen Steuern angekündigt wurden.
Coca-Cola hat in Großbritannien seit 2005 die Rezepte von verschiedenen Getränken in insgesamt 34 Schritten verändert. Wir haben diesen Weg im letzten Jahr fortgesetzt und einige Getränke bis unter 5 Gramm Zucker pro 100 ml gebracht.

Die entscheidende Frage lautet doch: Wird sich das in der Übergewichtsstatistik niederschlagen? Der Zuckeranteil in Erfrischungsgetränken insgesamt ist in Großbritannien über ein Jahrzehnt lang zurückgegangen. Im selben Zeitraum sind die Zahlen für Übergewicht angestiegen. Sie hätten nach der Logik der Befürworter einer Verbrauchssteuer aber sinken müssen.“

Worauf wollen Sie hinaus?

„Wer sich nur auf ein Lebensmittel oder einen Inhaltsstoff konzentriert, der verfehlt das Ziel. Es geht ja um die Gesamt-Kalorienaufnahme eines Menschen und seinen Lebensstil insgesamt. Eine solche diskriminierende Steuer erfüllt deshalb nicht ihren behaupteten Zweck. Man kann Übergewicht nicht wegbesteuern. Wer ernsthaft Adipositas, einseitige Ernährung und eine ungesunde Lebensweise in unseren Gesellschaften bekämpfen möchte, der muss etwas anderes liefern als Bevormundung der Bürger und einfache Parolen. Es braucht vielmehr den Willen zu gemeinschaftlichen Lösungen.“

Coca-Cola: Werbeausgaben für Zero- und Light-Varianten (2017)
Coca-Cola: Werbeausgaben für Zero- und Light-Varianten (2017)

Argumentieren Sie nicht genauso einseitig? Was werfen Sie Foodwatch konkret vor?

„Das Anliegen – die Verringerung von Übergewicht – ist wichtig und absolut berechtigt. Wir können belegen, dass unser Unternehmen handelt, dass wir Veränderungen voranbringen und den Austausch mit anderen über weitere Lösungswege für dieses wichtige Thema suchen. Foodwatch hat das bisher zu keinem Zeitpunkt anerkannt. Solange dies so bleibt, ist jedes Gespräch sinnlos. Das bedauern wir.“

Sie sagen, eine neue Steuer ist nicht die Lösung. Was haben Sie stattdessen anzubieten?

„Wir haben eine Mitverantwortung. Und die nehmen wir an. Was es braucht, ist eine nationale Verständigung zur Reduktion von Fett, Salz und Zucker. Ein Konsens für transparente Information über Inhaltsstoffe, für Vielfalt und Ernährungsbildung. Wir wollen an einer solchen nationalen Reduktionsstrategie aktiv mitarbeiten – im Schulterschluss zwischen Politik, Handwerk, Industrie, Handel und Verbraucherschützern.“

„Wir haben längst damit begonnen, Produkte mit neuen Rezepten zu entwickeln.“


Wie weit sind Sie damit?

„Wie wir haben viele andere Unternehmen in Industrie und Handel längst damit begonnen, Produkte mit neuen Rezepten zu entwickeln, in denen Zucker, Fett oder Salz reduziert sind. Freiwillig. Sie diktieren dabei nicht, was den Menschen schmecken soll. Sie bieten vielmehr Alternativen an. Ein Geschmacksdiktat passt nicht in eine Demokratie.“

Nennen Sie doch mal ein aktuelles Beispiel, wie solches Handeln aussehen soll.

„Die REWE hat vor wenigen Wochen Verbraucher darüber abstimmen lassen, ob ein Pudding weniger Zucker enthalten soll und wenn ja, wieviel weniger. Die Mehrheit hat sich für das Rezept mit 30 Prozent weniger Zucker ausgesprochen. Dieser Pudding ist ab Mai im Regal.

Wir haben unsere Bestseller-Limonade – ViO Bio – im vergangenen Jahr mit 45 Prozent weniger Zucker als herkömmliche Limonaden auf den Markt gebracht. Wir planen weiterhin, den Zuckergehalt der klassischen Sprite um bis zu 50 Prozent zu reduzieren. Die Variante ganz ohne Zucker gibt es bereits seit Jahren.“

Haben Sie bei Ihrer Bio-Limonade den weggelassenen Zucker mit Süßstoff ersetzt?

„Nein. Ob mit oder ohne alternative Süßungsmittel – entscheidend ist doch, ob wir mit einer neuen Rezeptur den Geschmack der Verbraucher treffen. Wir experimentieren und investieren sehr viel und lernen aus den Rückmeldungen der Konsumenten. Klar ist: Viele unserer Innovationen werden zukünftig weniger oder gar keinen Zucker enthalten. Es nützt aber niemandem, wenn neue Produkte zwar den Applaus von Kampagnenorganisationen bekommen, jedoch im Regal stehen bleiben.“

Foodwatch wirft Ihnen vor, Studien verdeckt zu finanzieren. Wie passt das zusammen mit Ihrem Anspruch auf transparente Informationen?

„Coca-Cola USA hat vor einigen Jahren die Zusammenarbeit mit einem Institut nicht ausreichend gekennzeichnet. Daraus haben wir gelernt. Heute veröffentlicht Coca-Cola im Internet regelmäßig jedes Jahr alle Partnerschaften und Forschungsprojekte zum Thema Gesundheit und Wohlbefinden - rückwirkend seit 2010. In Deutschland engagieren wir uns beispielsweise vor allem für die Inklusion von Menschen mit Behinderung im Sport (Special Olympics), die Integration von Geflüchteten und Migranten in unsere Gesellschaft sowie für die Erneuerung von Spielplätzen.“

Stichwort „transparente Information“. Foodwatch fordert auch, eine sogenannte Ampelkennzeichnung für Lebensmittel einzuführen. Wären Sie dazu bereit?

„Ja. Wir sehen, dass in mehreren europäischen Ländern verschiedene Kennzeichnungs-Modelle eingeführt werden. Das stiftet Verwirrung für die Verbraucher. Vor diesem Hintergrund stimmen wir einer ebenso einheitlichen wie klaren Kennzeichnung für ganz Europa zu. Konkret: Wir sind offen dafür, freiwillig eine farbliche Kennzeichnung von Inhaltsstoffen auch in Deutschland einzuführen. Die klassische Coca-Cola zeigt dabei selbst in der kleinsten Verpackung für den Zuckergehalt „rot“.  Andere Produkte wie Coca-Cola Zero Sugar sind „grün“. Die Verbraucher können eine bewusste Entscheidung treffen.“

Man wirft Ihnen vor, dass Sie Ihre Werbung auch gezielt an Kinder richten und dabei vor allem auf Influencer in Sozialen Kanälen setzen. 

„Werbung in sozialen Medien ist heute Teil unserer Lebenswirklichkeit. Genauso wie Werbung im Fernsehen, auf Plakaten, in Zeitungen oder Zeitschriften. Auch die Werbung mit Markenbotschaftern ist nicht Neues – über alle Branchen hinweg. Wie unzählige andere Unternehmen kooperiert auch Coca-Cola heute mit Influencern in sozialen Kanälen. Entscheidend ist dabei, dass eine Marke jeweils klar als Absender ihrer Marketing-Botschaften erkennbar ist. 

Dies ist etwa bei Coke TV unstrittig der Fall. Im Kern geht es aber um eine andere Frage: Die nach der Werbung an Kinder, an Unter-12jährige. 

Unsere Haltung ist klar: Coca-Cola platziert keine Werbung in Medien, die sich mehrheitlich an Kinder unter 12 Jahren richten. So gibt es etwa keine Werbefilme von Coca-Cola in Kika oder in anderen Kinderformaten. Und dies freiwillig und seit vielen Jahren. Dasselbe gilt auch im Internet. Die Einhaltung dieser Selbst-Verpflichtung wird regelmäßig von unabhängigen Dritten untersucht. Auch im vergangenen Jahr wieder. Überprüft wurden 2.000 Werbebotschaften von Coca-Cola in Deutschland – in TV, Print und auch im Internet. Es gab keine einzige Beanstandung. Wir haben unsere Grundregel konsequent eingehalten und werden dies auch weiterhin tun."

Warum senken Sie den Zuckeranteil in Ihrer klassischen Coca-Cola nicht einfach?

„Weil uns die Menschen, die die originale Coke am liebsten mögen, sagen, dass sie sie genau so wollen. Mit unserer neuen Coca-Cola Zero Sugar haben wir im vergangenen Jahr eine Variante auf den Markt gebracht, die fast genau so schmeckt wie das Original. Und dabei nach wie vor ganz ohne Zucker auskommt. Sie hat das stärkste Wachstum in der Coke-Familie. So sehen wir unsere Verantwortung: Innovationen, neue Rezepte mit weniger Zucker, transparente Informationen und ein breites Angebot für jeden Geschmack.“