Sie sind mitten unter uns, für jeden wahrnehmbar. Und doch sind es geheime Orte: Spielplätze. Wer keine Kinder hat, weiß nichts von diesen Parallelwelten, von ihren Bewohnern und ihren geheimen Regeln. Unsere Autorin verbringt dort ihre Nachmittage.

NEULICH HABE ICH einen Artikel darüber gelesen, dass es in München neue Richtlinien für Spielplätze gibt: Bei der Planung sollen zukünftig besonders die Bedürfnisse der Mädchen bedacht werden. Auch andere Städte denken in diese Richtung. Mädchen, so die Theorie, hätten auf Spielplätzen weniger Raum zur Entfaltung. Dominiert werde der Spielplatz von tobenden Jungs.

Ich bin etwas ratlos. Brauchen Mädchen und Jungen unterschiedliche Räume zur Entfaltung? Gibt es einen latenten Gender-Kampf in Sandkästen und ich habe ihn nicht einmal bemerkt? Ungerechtigkeit an der Rutsche und ich bin blind dafür, weil ich Mutter eines lebhaften, vielleicht den Raum dominierenden Vierjährigen bin?

Neulich auf dem Spielplatz – schaukelnder Junge
ADÉ, KLISCHEE: Auch Jungs schaukeln gern…

Gegendertes Spielzeug, gegenderte Spiele? Zum ersten Mal aufgefallen ist es mir beim Oball. Das ist dieser tolle Ball, der eigentlich nur aus Löchern besteht und den Babys gut greifen können. Der klassische Oball ist bunt: rot, blau, gelb, grün. Ich dachte lange, es gebe nur dieses Modell. Bis ich so richtige Mädchen-Mamas kennenlernte. Mit Obällen in rosa-pink-glitzer. Nun gehe ich davon aus, dass die Entscheidung für die Farbe nicht das Baby getroffen hat, sondern die Erziehungsberechtigten.

„Glitzereinhörner, Kitsch-Hochzeiten. In was für ein Rollenverständnis werden Mädchen eigentlich gedrängt?“

Ich dachte, alle Kinder und Eltern fänden bunt schön. Tatsächlich haben fast alle Mädchen die rosa Variante, passend zu Kinderwagen, Anziehsachen und Kinderzimmerausstattung. Ich mag Rosa nicht. Vielleicht ist das mein Problem. Ich mag es auch nicht, wenn kleine Mädchen in eine Rosa-Prinzessinnen-Glitzerwelt geschoben werden, noch bevor sie sich selbst dafür entscheiden.

Irgendwann stand ich zum ersten Mal in der Spielwarenabteilung vor gegenderten Spielzeug-Verpackungen. Die „normalen“ und halbwegs neutralen Packungen enthielten Autos, Tiere, Polizei-Ausstattung, Bauernhöfe und dergleichen Dinge mehr. Die rosa Packungen zeigten Häusliches, Romantisches, Fürsorgliches, also Kinderkrankenschwestern, Glitzereinhörner, Kitsch-Hochzeiten. In was für ein Rollenverständnis werden kleine Mädchen da eigentlich gedrängt?

Neulich auf dem Spielplatz – Mädchen mit Fußball
… und Mädchen spielen Fußball.

Also nicht, dass ich Kindern den Spaß an Krankenschwestern- oder Polizisten-Spielen missgönne, aber sie sollten doch beides spielen können. Nun möchte ich den Käufer am Spielzeugregal sehen, der für Jungs die rosa Packung nimmt und für Mädchen die blaue.

Neulich zog mein Sohn ein Prinzessinnenkleid aus einer Verkleidungskiste und fand sich damit großartig. Bis seine Freundin ihm erklärte, Jungen können keine Prinzessin sein. Seitdem spielt er Verkleiden lieber mit seinen Freunden. Die ziehen dann alle Prinzessinnenkleider an und sehen das nicht so eng.

Für die Hersteller ist gegendertes Spielzeug natürlich in erster Linie ein lukrativer Marketingtrend. Welche Mutter eines Jungen mit Lego Grundausstattung würde der kleinen Schwester die rosa Packungen verwehren? Rollenmuster werden zementiert und die Konjunktur kommt in Schwung. Was dabei ein bisschen auf der Strecke bleibt, ist die Annahme, dass Jungen und Mädchen manchmal das Gleiche spielen. Genau das stört mich auch bei den gendergerechten Spielplätzen.

„Gendergerechte Spielplätze klingen für mich nach einer typischen Erwachsenenidee.“

Jungen und Mädchen spielen manchmal unterschiedliche Spiele. Manche Freundinnen wollen tatsächlich die ganze Zeit auf der Schaukel sitzen, während viele der Jungs am liebsten kicken. Aber es gibt auch mit Mädchen Zankereien auf der Rutsche, um den Bagger, um Eimer und Wasserpistolen, um Förmchen und um den Platz auf dem Trampolin. Mir fällt nicht eine Spielplatzsituation ein, die ich eindeutig einem Geschlecht zuschreiben würde. Es gibt aber etwas, das ich ablehne: und das sind Spielplätze mit getrennten Ecken für Jungs und Mädchen.

Jungs haben auf den Spielplätzen ihren Raum zum Toben, Mädchen brauchen ruhige Ecken um sich zu unterhalten – davon scheint die Theorie vom gendergerechten Spielplatz auszugehen. Nun kenne ich keinen einzigen Spielplatz, auf dem sich Mädchen nicht zurückziehen könnten, wenn sie das wollten. Wollen sie aber oft nicht. Auf guten Spielplätzen finden Kinder Häuschen, Bänke, Schaukeln, Plätze zum Toben, Balancieren, Klettern und Ausprobieren. Leider gibt es auch wahnsinnig phantasielose Spielplätze. Da fällt Jungs und Mädchen gleichermaßen wenig ein.

Neulich auf dem Spielplatz – Spielzeug
TUSSI oder Macker: Bestimmt das Spielzeug, wie Kinder später ihre Rolle verstehen?

Wenn Spielgeräte nur einen einzigen Zweck erfüllen, sind alle Kinder nach zehn Minuten mit ihnen durch. Ist ein Häuschen so gestaltet, dass Kinder draufklettern UND darin Eis verkaufen können, kommen alle weiter. Wenn es nur einen Fußballplatz und eine Schaukel gibt, dann wird es schwierig mit dem öffentlichen Raum, den Jungen und Mädchen sich erobern sollen. Zusammen oder getrennt.

Brauchen wir den gendergerechten Spielplatz? Wir brauchen phantasievolle Spielplätze, Geräte und Ecken, die auf unterschiedliche Arten genutzt werden können. Gendergerechte Spielplätze klingen für mich nach einer typischen Erwachsenenidee. Am besten fragen wir die Kinder selbst, wie sie sich den idealen Spielplatz vorstellen. Wahrscheinlich würden großartige Ideen dabei herauskommen und Mädchen und Jungen könnten darauf ganz einfach zusammen spielen.

Übrigens: Auf vielfachen Wunsch haben wir die Bewerbungsphase der Fanta Spielplatz-Initiative verlängert, die euch mit Fördergeldern im Gesamtwert von 198.500 Euro hilft, eure Spielplätze und Spielräume neu zu gestalten. Bis zum 12. August kannst du deine Bewerbung noch einreichen. Im September startet dann das öffentliche Voting und im Herbst stehen die Gewinner fest.

Hast du Fragen zur Fanta Spielplatz-Initiative? Dann wende dich an:

Pressebüro Fanta Spielplatz-Initiative
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