Da ist er wieder, der Januar. Eigentlich gebe ich nichts auf saisonale Befindlichkeiten und Zahlenmystik. Jahresrückblick an Sylvester, gute Vorsätze am ersten Januar? Und das alles nach der selbstverordneten Besinnlichkeit im Advent? Ohne mich. Dachte ich.

IMMER WIEDER habe ich Artikel gelesen, in denen die 10.000 gefeiert wurde. Orthopäden, Rückenspezialisten, Ernährungsberater, Psychologen – kein Experte weicht von der Eins mit den vier Nullen ab. Normalerweise bin ich ganz gut darin zu sagen: ein Trend? Mir doch egal. Hier war es anders. Die 10.000 bohrte sich mir wie der berühmte stete Tropfen ins Bewusstsein. 10.000 Schritte am Tag? Ein Spaziergang! Dachte ich.

Mein Handy zählte meine Schritte. Ungefragt. Was sollte das denn?

Es war nach einem Softwareupdate meines Handys. Ich blätterte durch die Apps und schaute nach, was sich verändert hatte. Da entdeckte ich dieses Herz. Ich schaute weiter und bemerkte: Mit Romantik hatte das Herz nichts zu tun. Eher mit dem Gegenteil: Aktivität, Achtsamkeit, Ernährung, Schlaf – ich hatte die Möglichkeit, mich nach allen Regeln der Kunst selbst zu vermessen und mein Handy mit Informationen über meinen Körper zu füttern. Mein Handy zählte bereits meine Schritte. Ungefragt. Was sollte das denn? Ich hatte das niemandem erlaubt und war der Ansicht, die Anzahl meiner Schritte gehe wirklich niemanden etwas an, auch nicht mein elektronisches Lieblingsgerät.

Fitness-Vorsatz: 10.000 Schritte
MAGISCHE ZAHLEN: Schrittzähler können motivieren

Immerhin waren wir noch nicht so weit, dass mein Fitnesskonto in die Welt getwittert wurde. Oder doch? Wusste da draußen jemand, wo und wie ich unterwegs war? Die Krankenkasse, Sportschuhhersteller, mein Hausarzt? Ein Lied von Sting kam mir in den Sinn: „Every step you take, every move you make, I’ll be watching you.“

Ich habe nie verstanden, warum manche Menschen das für ein Liebeslied halten. Für mich geht es da um Stalking.

Ich habe noch nicht einmal eine Waage, weil ich auf die untrüglichen Zeichen der Jeans setze.

Dann sah ich immer öfter diese klobigen Dinger an Handgelenken, die aussehen wie Quarzuhren aus den Achtzigern. Wenn ich jemanden fragte, war die Antwort meist: „Ich habe gerade einen Challenge mit ein paar Freunden laufen. Wir wollen jeden Tag 10.000 Schritte schaffen.“ Hm. Das waren alles keine Bewegungsmuffel, sondern eher Leute, die zwischendurch Marathon laufen. Erst dachte ich: Meine Güte, ich habe einen Hund, fahre Fahrrad und treibe Sport, wofür brauche ich einen Schrittzähler? Ich habe noch nicht einmal eine Waage, weil ich auf die untrüglichen Zeichen der Jeans setze. Welche Erkenntnis sollte mir ein Schrittzähler verschaffen?

Dann gab ich mich geschlagen. Erst schaute ich aus Neugier in die App. Wie viel ist das eigentlich wirklich, was ich so am Tag zurücklege? Kind zur Kita, zurück ins Homeoffice, zwischendurch ein Hundespaziergang, dies und das erledigen, wieder zur Kita, eine Runde über den Spielplatz und dann wieder die übliche Rennerei zuhause. Küche hin, Arbeitszimmer her. Mal kam ich auf 5.000 Schritte, mal auf 13.000, die Tage unter 10.000 waren meist Tage an denen ich viel mit dem Fahrrad unterwegs war. Das nahm der sonst allwissende Tracker nicht auf. Mein Körper aber schon. Der gönnte sich nach zwei Stunden strampeln auch mal eine Pause.

Außer Postboten kommt fast kein Mensch im Alltag auf über 10.000 Schritte.

Zwei bis drei Mal pro Woche Sport seien ein gesundes Maß, hieß es früher. Heute wissen wir: Das ist schön und gut und besser als gar nichts, bringt aber nicht viel, wenn wir den Rest der Woche sitzen. Wir sitzen alle zu viel. Sitzen ist das neue - nein, ich sag das jetzt nicht.

Außer Postboten kommt fast kein Mensch in einem Industrieland im Alltag auf über 10.000 Schritte.

Fitness-Vorsatz: 10.000 Schritte
DA GEHT NOCH WAS: Vielleicht eine Runde um den Block? 

Manchmal wünschen wir uns, unser Leben lasse sich ganz einfach in Zahlen und Formeln fassen. Fünf mal Obst und Gemüse am Tag, zwei Mal Sport pro Woche, 10.000 Schritte am Tag und alles ist gut? Na fast. Dass es keine Formeln geben kann, nach denen jeder Mensch sich richten kann, sollte uns aufgeklärten Weltbürgern doch eigentlich klar sein. Trotzdem glauben wir Zahlen so gerne.

Für die 10.000 gibt es zum Beispiel keinen einzigen medizinischen Grund. Es ist einfach nur eine griffige Zahl, die uns anspornen soll. Manpo-kei hieß der erste Schrittzähler, der 1964 in Tokio anlässlich der Olympischen Spiele herausgebracht wurde. Übersetzt heißt das sinngemäß 10.000-Schritt-Messer. Das klang einfach gut. Die Zahl hat sich gehalten.

Ob nun irgendein Bewegungs-Guru, ein Star-Mediziner oder eine Werbeagentur befindet, dass es 10.000 Schritte sein sollen, spielt eigentlich keine Rolle. Dass es uns besser bekommt, die Treppe zu nehmen als den Aufzug, dass frische Luft auch bei schlechtem Wetter belebt, dass eine Runde durch den Wald gut gegen Bauchschmerzen nach schwerem Essen wirkt, das alles wissen wir schließlich.

Mein Selbstversuch mit dem Schrittzähler ist alles in allem gar nicht so unspannend. Nur muss ich feststellen: Meine sonst schon sehr ausgeprägte Handysucht ist noch schlimmer geworden. Ständig hänge ich am Bildschirm und checke meinen Stand. Mein neuer Vorsatz: Handy auch mal wieder liegen lassen. Und trotzdem weiter gehen.