E-Scooter sollen der heilige Gral für die Mobilität des kleinen Mannes sein. Jeder kann sich nun mit zwei Wischgesten einen Elektroflitzer ausleihen und im besten Fall auch wieder ordentlich abstellen. Einfacher, als Hemden zusammenzulegen. Wirklich?

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

SCHON VOR DEM START in Deutschland wurden die E-Scooter von mobilen Trendsettern herbeigesehnt. Wann würde die lahme Regierung bei uns endlich den Weg zur mobilen Trendwende finden? Man sah Privatleute auch ohne offizielle Genehmigung mit eigenen Rollern über die Bürgersteige brettern. Immerhin gehörten die Flitzer anderswo schon längst zum Stadtbild.

„Mittlerweile sollen in deutschen Städten 30.000 E-Scooter auf Kundschaft warten.“

Die Politik handelte nach dem medialen Echo schneller als die Polizei erlaubt. Und über Nacht lagen in den deutschen Großstädten überall E-Scooter mit kleinen Nummernschildern herum. Bemerkt man heute die fortschreitende Digitalisierung unseres Alltags mit Big Data und künstlicher Intelligenz nicht immer auf den ersten Blick, so sind E-Scooter wirklich ein sichtbarer Beweis für die neue Mobilität. Das gab es 1994 oder 2007 einfach noch nicht. Bestenfalls gab es Rollstühle mit Batterieantrieb, aber die konnte man sich nicht einfach per Smartphone vorm Supermarkt ausleihen. E-Scooter sind einfach neu. In den Köpfen vieler Menschen vergleichbar mit der Einführung der Dampflokomotive. Da staunt man erst einmal am Wegesrand und will es schnellstmöglich selbst ausprobieren.

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens. Twitter: @robvegas, http://www.robvegas.de 

Ich bin da ehrlich. Ich wäre auf so einem elektrischen Roller wohl schnell eine Gefahr für den Straßenverkehr, weil ich schon mit dem Fahrrad nicht immer die aktuelle Wegführung für mein Gefährt durchschaue. Ich beschloss also nachts, nach dem Kino, bei leichtem Regen, in Hamburg ein solches Gefährt zu testen, wie es noch nicht einmal in „Zurück in die Zukunft“ zu sehen war.

Rob Vegas - E-Scooter
LOS GEHT’S: Ein E-Scooter ist mit ein paar Klicks gemietet

Die ersten beiden E-Scooter waren leer und somit nicht mehr mietbar. Murphys Gesetz wollte es wohl so. Ich gab natürlich nicht so schnell auf, mit 35 muss man sich schon noch beweisen.

Beim dritten Mal klappte es und ich fühlte mich für einen Moment fast wieder wie 32. Ganz schön flott! Natürlich habe ich den Hinweis auf einen Helm schnell weggeklickt. Ist sowieso nur Alibi für die Betreiber. Wer führt schon neben Hausschlüssel, Geldbörse und Smartphone im Alltag auch noch einen Helm mit sich? Nicht einmal an den Regenschirm denke ich hier in Hamburg – und der könnte täglich von Nutzen sein.

Rob Vegas - E-Scooter
SUMMT und stinkt nicht. Aber wie kommt der Strom in den Akku?

Ich war an diesem Abend schneller daheim. Es hatte auch Spaß gemacht, aber ich war für die kleine Zeitersparnis auch mehr als zwei Euro los. Da ist die altmodische Bahn fast günstiger, wenn auch weniger flexibel bei der Zielauswahl. Es fühlt sich wirklich ein wenig wie Zukunft an. Es summt, es stinkt nicht und es ist ein Service für die ganze Stadt. Die Mobilität gehört nicht mir, wie mein eigenes Auto, sondern sie ist Service für alle Menschen. Shared Mobility nennt man das wohl heute. Schöne neue Welt.

Gleichzeitig sind E-Scooter aber nah daran, die Gesellschaft zu spalten. Bislang entzünden sich die Akkus eher selten, aber dafür die Gemüter vieler Interessengruppen. Von wegen: umweltfreundliches Gadget! Die Dinger gehen schneller kaputt als Plastikstrohhalme. Ökologisch überhaupt nicht wertvoll, weil die Produktion der Akkus mitnichten gut für das Klima ist. Dazu passieren viele Unfälle mit Kopfverletzungen.

Rob Vegas – E-Scooter – Fahren
MUSKELN oder Motorkraft: Was sagt die Ökobilanz?

Es hört aber nicht auf bei der Gesundheitsgefahr und Umweltschutz mit Greta. Die zahlreichen Betreiber haben in starker Konkurrenz unsere Städte mit E-Scootern geflutet. Rund 2.700 sind es in Hamburg, in der Touristenhochburg Berlin sogar 9.000. Insgesamt 30.000 sollen es mittlerweile sein, die in deutschen Städten auf Kundschaft warten.

„Erste Studien sagen, dass die CO2-Bilanz eines E-Scooters der Hälfte eines Mittelklassewagens entspricht.“

Mehrere Anbieter stellen ihre Akku-Gefährte nebeneinander und die Kunden werfen sie mitunter sogar in Elbe oder Spree. Bisweilen werden sie auch mitten auf dem Gehsteig abgestellt und blockieren den Weg. Es kommt mehr und mehr Unmut auf, denn man sieht E-Scooter durchaus auch kaputt in Büschen hängen und wir sind noch nicht einmal beim Thema „Arbeitsbedingungen“ angekommen. Wer sammelt des nachts mit einem klassischen Verbrennungsmotor die leer gefahrenen Stromrenner wieder ein? Die als Juicer titulierten, freien Mitarbeiter werden nicht gerade rosig bezahlt und müssen die Gefährte dann auch noch über den eigenen Stromzähler in den eigenen vier Wänden aufladen. Die neue Mobilität erzürnt damit selbst Arbeitsrechtler. Und dann die CO2-Bilanz: Erste Studien sagen, dass sie insgesamt pro Kilometer der Hälfte eines Mittelklassewagens entspricht.

Es fing mit einem großen Hype an. Die Politik machte mit. Deutschland bekam die Trendwende bei der Mobilität auf dem Fahrradweg. Es ist noch gar nicht so viel Zeit vergangen, da haben sich E-Scooter vielerorts schon zum Hassobjekt verwandelt.

Nach meinem nächtlichen Feldversuch bin ich übrigens wieder total retro geworden. Ich laufe meine Strecken durch die Stadt zu Fuß. Als Spaziergänger verbrauche ich auf meinen Wegen ein paar Kalorien, spiele am Smartphone herum und höre Musik. Bei Regen steige ich auf den ÖPNV um. Das ist geradezu ein Zen-Moment in dieser Welt voller Mobility auf allen Ebenen. Manchmal ist weniger halt doch mehr.