Urlaub dient schon lange nicht mehr nur der Entspannung. Das Smartphone ist auch im Urlaub unser ständiger Begleiter und teilt jeden Moment mit der virtuellen Umwelt. Verpassen wir dabei vielleicht das Beste?

Hören oder lesen? Hier hörst du die Kolumne von Rob Vegas als Podcast:

UNSERE ELTERN quälten die Nachbarschaft noch mit Dia-Abenden vom Camping-Urlaub in Südfrankreich. Heute dagegen kann man sich den Aufwand sparen und versendet live Fotos und Videos an die Lieben daheim. So geht die Tradition der Postkarte aus fernen Ländern langsam verloren. 

„Man wird zu seinem eigenen Mitarbeiter, weil man sich und seine Liebsten permanent in Szene setzt.“

Fängt man allerdings im ganzen Urlaub nur Momente ein und verpasst ihnen schicke Hashtags, niedliche Pandabären und Emojis, so erlebt man diese Zeit oft gar nicht mehr selbst. Man ist stets bemüht, die Sehenswürdigkeiten mit den passenden Filtern aus zwei Dutzend Foto-Apps zu pimpen. Dann geht es auch schon weiter zum nächsten Motiv für eine neue Story.

In der Zwischenzeit Mutti ein schönes Foto in die Familiengruppe senden. Der Chef soll ebenfalls sehen, dass man mit der Familie echte Quality-Time verbringt. Welchen Urlaub kann ich mir wo leisten? Hier kann man echte Statements setzen. 

Rob Vegas
ROB VEGAS, Blogger, Autor und Moderator, kennt noch Disketten und führt wichtige Telefonate weiterhin per Festnetz. Hier staunt er regelmäßig mit uns über die Wunder des digitalen Lebens.
Twitter: @robvegas
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Social Media ist mittlerweile gelebter Alltag. Nur erscheint das eigene Leben zwischen Krippe, Supermarktkasse und Wartezimmer beim Arzt oft gar nicht so spannend. Das ist nun einmal die traurige Wahrheit. So wird die Freizeit zur perfekten Kulisse für Facebook, Instagram und WhatsApp. Der Nachteil? Man wird zu seinem eigenen Mitarbeiter, weil man sich und seine Liebsten permanent in Szene setzt. Alles ist ein Fotomotiv und kann dank Roaming auch sofort versendet werden. Spart nebenbei auch die teure Briefmarke. Nur wird man im Urlaub halt nicht von einem TV-Team begleitet, sondern übernimmt selbst diesen Job. Da haben es die Auswanderer bei „Goodbye Deutschland!“ leichter.

Das kann Spaß machen, doch es raubt auch Zeit. Lichte ich ein berühmtes Bauwerk aus allen Perspektiven ab, fehlt mir die Zeit, es auf mich wirken lassen, denn ich bin ja als Kameramann vor Ort. Natürlich kann man hier noch eine Balance finden, doch gerade in der Urlaubszeit bemerkt man in den Metropolen und Urlaubsorten das Gegenteil: Heerscharen wandern durch die Straßen, bleiben überall stehen, knipsen ein Foto mit dem Smartphone und laufen dann drei Meter weiter. Sie wissen dabei oft nicht einmal, was sie da gerade fotografiert haben. Es sieht halt schön aus und mit zwei Filtern gibt es sicher Likes. 

Rob Vegas - Digital Detox - Strand
MANCHMAL sieht man das Leben vor lauter Displays nicht

Schon so sind wir in der Freizeit oft geistig nicht ganz anwesend. Ich muss noch X schreiben, mich bei Y melden und die Präsentation für XY per Mail versenden. Nun knipsen, filmen und posten wir uns auch noch durch den Urlaub. Alles muss festgehalten werden. Das Kind mit Eis, der Mietwagen am Meer, mitunter selbst die Rechnung im Restaurant. Das ist kein Urlaub mehr! Mich erinnert es an Live-Konzerte von Bands. Dort sieht man dann 5.000 Smartphones über den Köpfen, doch mit den eigenen Augen ist nur noch eine Minderheit vor der Bühne dabei.

„Was bleibt von der Zeit, wenn man im Urlaub eine Hollywood-Produktion für Social-Media startet?“


Ich hoffe jetzt mal, dass vor deinem Hotel gerade keine Baustelle lärmt. Möge auch der Mietwagen keinen Motorschaden haben. Beten wir auch an dieser Stelle kurz für Sonnenschein und eine funktionierende Klimaanlage. Es gibt schon genug äußere Faktoren, welche den Spaß in der freien Zeit trüben können. Hatte ich schon von zahlreichen Flugausfällen und Taschendieben in manchen Städten gesprochen? Lassen wir das lieber. Im Urlaub geht es am Ende um eine gute Zeit. 14 Tage sind oft nicht einmal gefühlte zwei Wochen und drei Tage vor Abflug wird meist schon wieder gepackt. Was bleibt also noch von der eigenen Zeit, wenn man im Urlaubsort eine Hollywood-Produktion für seine Social-Media-Profile startet? Immerhin muss man auch noch die Fragen in den Kommentaren beantworten. 

Rob Vegas - Digital Detox - Evolution
WIRKLICH ein evolutionärer Fortschritt?

Diese permanente Ablenkung sorgt nicht selten für Streit zwischen Paaren im Urlaub. Es gilt, sich wirklich auf die Reise und neue Orte einzulassen. Natürlich steht man immer ein wenig im Kontakt mit Kollegen, Familie und Freunden, doch in der Theorie würde sogar schon ein Foto pro Tag ausreichen, um seine virtuelle Filterblase mit einer Information zu versorgen.

Rob Vegas - Digital Detox - Insel
REIF für die Insel 

Ich gebe zu: Ich bin da selbst ein schlimmer Kandidat, weil ich schon mit dem Smartphone verwachsen bin. Meine Frau wird mir diese Kolumne im Urlaub wahrscheinlich dutzende Male als Link per WhatsApp senden und schmunzeln. Die Einsicht ist aber vorhanden.

Ein Ferienort sollte keine Kulisse sein. Man sollte dort abschalten, sich auf Familie und Freunde konzentrieren. Insofern ist ein Urlaub auch immer eine kleine Entziehungskur vom Smartphone. Das ist hart, aber meist hat man schon nach wenigen Tagen mehr Lust auf das echte Leben und checkt nicht mehr alle zwei Minuten bei Facebook.

Social-Media-Kanäle speichern nur auf Servern ab. In der wahren Welt hingegen erinnert sich der Kopf hinterher vielleicht doch intensiver an die schöne Zeit.