„Ich habe gestern zum ersten Mal die neue Fanta Flasche gekauft. Die sieht ja schräg aus. Cool! Aber sagt mal, ich habe den Eindruck, dass auch der Geschmack ein bisschen anders ist. Stimmt das? Meine Freundin meinte, ich spinne. Jetzt haben wir gewettet ...“

DU MUSST JETZT sehr stark sein: deine Freundin hat die Wette gewonnen. Tatsächlich haben wir am Inhalt nichts geändert. Nur die Flasche, das Design und das Logo haben einen ganz neuen Dreh bekommen. Die gute alte Fanta sollte so bleiben, wie sie war. Fanta ist sowieso schon unser Produkt mit den meisten Variationen weltweit. Da braucht es auch ein bisschen Beständigkeit. Die Fanta Orange, die du gestern getrunken hast, sollte so geschmeckt haben, wie die Fanta aus der herkömmlichen Flasche. Trotzdem hattest du einen anderen Eindruck. Woher kommt das? 

Das Auge trinkt mit. Espresso aus dem Cognacglas, Rotwein aus Plastikbechern, Mineralwasser aus der Kaffeetasse: Das geht alles. Objektiv betrachtet bleibt jedes Getränk das gleiche - egal in welcher Darreichungsform wir es zu uns nehmen. Trotzdem schmecken sie subjektiv „irgendwie anders“. Zum Teil kommt es uns nur so vor. Zum Teil hat das physikalische Gründe: Viele Rotweine gewinnen, wenn sie atmen können, deshalb trinken wir sie besser aus bauchigen Gläsern, Espresso schmeckt am besten heiß, da bietet sich die kleine Tasse eher an als die Milchkaffeeschale, die drei Schichten das Latte Macchiato sehen am schönsten aus, wenn das Getränk in einem hohen Glas serviert wird, und eine kalte Coke schmeckt den meisten von uns am besten aus der kleinen Glasflasche. Trotzdem könnten wir im Grunde auch häufiger variieren. Erlaubt ist schließlich, was gefällt.

Am Inhalt haben wir nichts geändert – nur die Flasche hat einen neuen Dreh bekommen.

Wie aber kommt es eigentlich dazu, dass wir, sobald sich etwas am Aussehen oder der Darreichungsform eines Getränks ändert, davon ausgehen, dass es auch anders schmecken müsste? Der Grund ist ein sehr menschlicher: Unser Geschmackssinn ist von Geburt an darauf trainiert, Ähnlichkeiten und Unterschiede wahrzunehmen und alles immer daraufhin zu überprüfen, ob das auch schmeckt wie immer.

Es geht beim Schmecken darum, Gleiches von Ungleichem zu unterscheiden. Wenn unser detektivischer Geschmacksinn also schon einmal dabei ist, nach Unterschieden zu suchen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er sie auch findet. Anders gesagt: Wenn die Flasche eine andere ist, dann liegt der Verdacht schonmal nahe, dass sich auch am Inhalt etwas geändert hat.

Wer Lust hat, sich intensiver mit dem Phänomen zu beschäftigen, der sollte die schöne Anthologie „Das Geheimnis des Geschmacks“ von Thomas Hauer lesen. Oder ein darin beschriebenes Experiment nachstellen: Nehmt Lebensmittelfarbe und färbt Orangensaft grün, blau und rot ein. Erklärt euren Freunden, das sei der naturtrübe Heidelbeer-, Kiwi- oder Erdbeersaft einer neuen Bio-Marke und wartet, was passiert. Die meisten werden sich vom ersten Eindruck beeinflussen lassen, der Farbe Glauben schenken und damit beweisen: Das Auge trinkt mit.

Ein bisschen experimentiert haben wir auch bei der neuen Fanta Flasche. Wir suchten nach einer neuen, frischen Verpackung, die intuitiv zum Inhalt passt. Fanta ist erfrischend, jung, spritzig, fruchtig, orangig, ein bisschen frech. Deshalb haben wir nach Menschen gesucht, die frei von Konventionen ein bisschen rumspinnen. Unabhängig davon, was üblich oder möglich ist. Jugendliche Testpersonen sollten einfach mal probieren. Mit Papier und Stift, Knete, mit Orangen, Orangenschalen. Und mit Fanta. Heraus kam eine Form, die an eine ausgepresste Orange erinnerte. Cool, dachten die Designer und Ingenieure in England. Genau so schmeckt Fanta. Nach frischer, ausgepresster Frucht und einem gewissen Dreh. Schöne Flasche. Aber leider statisch unmöglich.

Geht nicht? Gibt’s nicht! Unsere jugendlichen Testingenieure wollten also eine asymmetrische Flasche mit einem Dreh in der Mitte. Wie sollte das gehen? Auf der Verpackung eines kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränks lastet ein enormer Druck. Wenn die Flasche nicht symmetrisch geformt ist, hat dieser Druck eine ganz andere Angriffsfläche. Das macht die Flasche instabil. Eine einfache, runde, symmetrische Getränkeflasche ist in einem ganz anderen Maße belastbar als eine schiefe Flasche. Aber die Idee war bestechend und das Design war gut und ungewöhnlich. Ein bisschen fantastisch eben. Deshalb ließen die Verpackungsingenieure so lange nicht locker, bis die neue Flasche schief gedreht und trotzdem sicher vor ihnen stand: die Fanta Flasche mit dem Twist.

Die Flasche kam auf den Markt: In England, in der Schweiz, in Österreich und jetzt auch bei uns. Und tatsächlich fragen in den letzten Tagen immer wieder Fans an, ob sich mit der Flasche auch die Fanta ein kleines bisschen verändert habe. Hat sie nicht. Ehrlich. Wir finden unsere Fanta gut so wie sie ist. Und wir finden, dass das neue Outfit ihr ganz besonders gut steht. Ähnlich ist es bei Sprite. Da wurde das Design verändert, aber der Geschmack ist so gut wie zuvor. Wenn wir wieder mal an der Rezeptur etwas verändern oder auch neue Fanta Sorten oder einer Limited Edition herausbringen, sagen wir euch das. Versprochen.

Alles klar? Wenn nicht, einfach fragen. Einmal im Monat beantworten wir an dieser Stelle Anfragen unserer Leser.

Claudia Wurm – Consumer Interaction Center
CLAUDIA WURM leitet das Consumer Interaction Center von Coca-Cola. Sie hat auf fast jede Frage eine Antwort.