„Silges summt“ heißt das Projekt. Gefördert wird es von ViO und EUROPARC Deutschland e.V., dem Dachverband der Nationalen Naturlandschaften. Was geschieht, wenn ein Ort seltener Rasen mäht und die Straßenbeleuchtung dimmt? Und: Warum unsere Autorin demnächst ein Insektenhotel eröffnet

SILGES SUMMT. Silges summt sogar gewaltig. Fast möchte ich Biene sein in Silges. Als Honigbiene wäre ich ständig in guter Gesellschaft meiner vielen tausend Geschwister, als Wildbiene würde ich mich in einem der Insektenhotels am Ort einnisten und mir ansonsten einen schönen Tag auf einer der bunten Wiesen machen. Tagsüber ist es hell und nachts dunkel. Ein Traum.

Ich bin keine Biene. Das hat auch Vorteile. Es gibt nicht viele Gegenden in denen man Biene sein möchte. Überhaupt ist Insekt gerade eine undankbare Daseinsform. Milben, Pestizide, Lichtverschmutzung, alles kein Honigschlecken. Es gibt in Deutschland etwa 70 Prozent weniger Insekten als noch vor zehn Jahren. Aber eins nach dem anderen.

Bienenwabe
OHNE BESTÄUBUNG durch Bienen müssten wir etwa auf ein Drittel der Nutzpflanzen in unserer Ernährung verzichten. Und auch auf den Honig.

Ich bin in Silges unterwegs, um mein Bienenwissen auf Vordermann zu bringen. Offen gestanden weiß ich über Bienen bislang nicht mehr, als dass es um Honig, Blumen und Bestäuben geht. Der Roman „Die Geschichte der Bienen“ von Maya Lunde bereitete mir eine gewisse Beklemmung: Die Geschichte spielt auf drei Zeitebenen, im 19., 20. und 21. Jahrhundert. Gruselig ist der Teil im Jahr 2098: Die Bienen sind ausgestorben und Scharen chinesischer Arbeiter bestäuben Bäume mit Pinseln. Auf dem Weg nach Silges lese ich im Roman und hoffe, dass die Menschheit es noch einmal schafft, das Ruder rumzureißen. Wenn nicht die Menschheit, so doch einzelne Menschen. In Silges leben solche Menschen.

Imker Markus Lauer
BIENENFLÜSTERER: Imker Markus Lauer erklärt das Modell

In Silges, im Biosphärenreservat Rhön, treffe ich zuerst auf Markus Lauer. Der Hobbyimker ist Imkerberater des Imkervereins Nüsttal und kümmert sich um das Projekt „Biene trifft Apfelbaum“. Silges hat eine lange Imkertradition. Lauers Großvater imkerte, sein Vater auch, seine Frau imkert, und vor zwei Jahren hat auch noch sein Sohn damit angefangen. Als das Thema Bienen durch die Weltpresse summte, beschlossen die Silgesner ein spezielles Bienen-Projekt und bewarben sich damit um die Förderung von ViO und EUROPARC Deutschland. Ein ViOtop wollten sie werden und wurden es auch.

Bienenwabe und Beuten
MY HOME is my Wabe: 16 Bienenvölker wohnen in den Beuten von Markus Lauer

Markus Lauer fährt mich zum Lehrimkerstand am Waldrand, er steht auf einer Anhöhe über dem Dorf. Der Lehrimkerstand ist das Herzstück des Bienenprojekts. Hier bekommen Jungimker die Gelegenheit, ins Imkerhobby reinzuschnuppern. „Wenn wir wollen, dass die Leute etwas für die Bienen tun, dann müssen wir ihnen zeigen, wie das geht. Imkern ist ein großartiges Hobby, aber Hobbyimker müssen viel wissen.“

Damit die Neu-Imker später einmal gut zu ihren Bienen sind, bekommen sie in Silges nicht nur das theoretische und praktische Wissen vermittelt, sie bekommen auch die Ausrüstung geliehen. Das senkt die Schwelle erheblich. Die Ausgaben summieren sich schnell auf 500 Euro.

In Silges entscheiden Neu-Imker nach einem Jahr, ob sie dabeibleiben. Schleier, Bienenvolk und Beute, also den Kasten, in dem die Bienen leben, arbeiten und sich vermehren, all das kann zum Selbstkostenpreis übernommen werden. Spezielle Ausstattung, wie Honigschleuder oder Mittelwandpresse können Anfänger dann immer noch ausleihen. Idealbedingungen für den Imker und die Biene.

Insektenhotel
ZIMMER FREI: Im Insektenhotel sind einige Plätze schon von Wildbienen belegt. Weitere Insekten dürfen noch einziehen. 

Die Beuten am Lehrimkerstand sind noch unbewohnt. Nächste Woche wolle er Ableger seiner eigenen 16 Völker bilden und sie herbringen, erzählt Markus Lauer. Im Juni ist Hochsaison, die Bienenvölker sind dann so groß, dass die Gefahr besteht, dass Teile sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause machen. Dem muss der Imker zuvorkommen. Aber auch ohne Bienen gibt es hier einiges zu sehen. Die Lehrtafeln erklären, warum wir Bienen überhaupt brauchen, wie das Bestäuben der Blüten funktioniert, welche Bienenarten es gibt und warum auch Wildbienen und Hummeln für unseren Fortbestand wichtig sind.

„Eine Biene, die sticht, stirbt. Das wollen die natürlich nicht.“

Die Tafeln richten sich an jeden, der hier vorbeikommt: Jungimker, Wanderer, Schüler. Die heimischen Kindergartenkinder haben den kürzesten Weg. 50 Meter liegen zwischen dem Lehrimkerstand und dem Waldkindergarten, einem abgeteilten Waldstück, in dem die Kinder die Natur erkunden. Ob die Bienennähe nicht ein bisschen gefährlich ist, frage ich den Imker. Überhaupt nicht. Er nimmt die Kinder einmal im Jahr mit zu seinen Bienen und erklärt ihnen das Wichtigste. Dass wir Bienen brauchen, dass man sie nie ärgern darf, dass sie von sich aus nicht stechen würden. „Eine Biene, die sticht, stirbt. Das wollen die natürlich nicht. Es ist wichtig, dass die Kleinen Bescheid wissen. Wenn sie Angst haben, sollen sie nicht nach den Bienen schlagen, sondern das Gesicht bedecken.“ Zudem gilt die Bienenrasse, die in Deutschland überwiegend kultiviert wird, als friedfertig. Die Kinder finden all das sehr spannend.

„Bienensterben, Bienenkrise oder was jetzt?“

„Die Bienen sterben“ sagen die einen. „Stimmt nicht“, entgegnen die anderen. Wer in den letzten Monaten Zeitung gelesen hat, weiß kaum noch, was er glauben soll. Wie ist es jetzt mit dem Bienensterben? Gibt es das und wer stirbt überhaupt, frage ich den Fachmann. Auch der meint: Die einen sagen dies, die anderen das. „Natürlich wollen Hersteller von Pflanzenschutzmitteln ihre Produkte verkaufen. Sie bekommen es auch nicht mit, wenn ich tote, schmerzverkrümmte oder verstümmelte Bienen vor meinem Kasten finde.“ Er selbst hat es vor ein paar Jahren erlebt, dass seine Völker im Frühjahr sehr stark waren und nach der Rapsernte empfindlich dezimiert.

Wildbienen haben keinen Anwalt

Damals wusste er noch nicht, was zu tun ist, wenn er dem Verdacht auf Pestizidvergiftung nachgehen möchte. Heute weiß er: Tote Bienen sofort einfrieren, dann bleibt Gift nachweisbar. Dass unterschiedliche Pestizide die Bienen auf vielfache Art und Weise schädigen, ist bekannt. Manchmal sterben Arbeiterinnen sofort, manchmal tragen sie das Gift mit in den Bau und füttern damit die Brut. Ganze Bienenvölker gehen ein, weil Gifte die Nerven schädigen und den Orientierungssinn zerstören. Eine Biene ohne Orientierungssinn ist verloren. Pestizide sind aber nur ein Nagel am Bienensarg. Monokulturen in der Landwirtschaft, die falschen Pflanzen in Gärten und Parks, Parasiten und Krankheiten, Lichtverschmutzung und auch die Klimaveränderung setzen ihnen zu. Diese Faktoren betreffen alle Bienenarten, also Honigbienen und Wildbienen.

Insgesamt sind Wildbienen stärker gefährdet als ihre domestizierten Schwestern. Anders als Honigbienen haben sie keinen Imker zum Anwalt. Das liegt auch daran, dass der unmittelbare Nutzen der Wildbiene für uns nicht so offensichtlich ist, denn Honig produzieren sie nur zum Eigenbedarf. Zu kurz gedacht, sagt der Imker. Wildbienen und Hummeln bestäuben auch noch dann, wenn es den anderen schon viel zu kalt ist. Das ist vor allem bei einem kalten Frühling und frühem Herbstanfang wichtig. Sie brauchen Nahrung und Raum, um zu brüten und sich zu verkriechen. In einem Steingarten oder auf englischem Rasen sind sie aufgeschmissen. In Silges ziehen manche Wildbienen ins Insektenhotel. Andere Arten sind jedoch weiterhin auf naturbelassene Ökosysteme angewiesen, weil sie offene Sandflächen oder ganz bestimmte Pflanzen zum Brüten brauchen.

Sommerwiese
BLÜHENDE LANDSCHAFTEN: Je wilder, desto besser

Silges hat knapp 400 Einwohner. Etwa 40, so schätzt Markus Lauer, bringen sich bei den verschiedenen Umweltschutzprojekten ein. Manchmal sind es auch mehr. Sie legen im eigenen Garten Blühwiesen an, helfen bei der Aussaat auf großen Gemeindewiesen oder sind einfach da, wenn angepackt wird. Natürlich braucht es jemanden, der den Hut aufhat, der Veranstaltungen plant, Anträge stellt und die Leute motiviert und aufklärt. In dem Fall sind die Männer mit dem Hut Arnold Will und Marco Hanke vom Heimatverein. Sie haben die Ideen und sie bringen die Menschen dazu, sie gemeinsam umzusetzen. Nicht jeder macht mit, aber viele. Und die anderen haben Verständnis für die Aktionen. Wenn der Nachbar seine Wiese nicht mäht, sondern Blumen und Gräser stehen lässt, zeigt niemand mit dem Finger auf ihn. Weil die Befindlichkeiten der Menschen ernst genommen werden, bekommen auch private wilde Wiesen eine kleine Infotafel.

Rhönschaf
GESTATTEN: Rhönhilde. Das Rhönschaf und seine Freunde blöken freundlich, wenn Spaziergänger am Schäferwagen vorbeikommen

Ich treffe die beiden Initiatoren vor einer Abendveranstaltung im Gemeindesaal, bei der alle Puzzleteile des großen Ganzen zusammengefügt werden. Plakate zeigen, was schon alles passiert ist. Waldkindergarten, Wildbeobachtungsturm, Lehrimkerstand, Infotafel, Blühwiesen, Rettung des Rhönschafs. Das Schaf war fast ausgestorben, erklärt mir der Abgeordnete Michael Brand. Er ist heute aus Berlin angefahren, Brand sitzt für Hessen im Bundestag. „Jedem Kind sein Rhönschaf“, erzählt er mir, war eine Aktion, mit der die Schafrasse gesichert werden konnte. Die Schafe leben heute auf der Streuobstwiese. Um das Obst und die Schafe kümmern sich die Kinder des Ortes. So lernen die Kinder Verantwortung, den Schafen geht es gut und die Streuobstwiese ist Lebensraum für alles, was kreucht und fleucht. Das erste Schaf hat Michael Brandt selbst getauft, erzählt er mir stolz. Es heißt „Rhönhilde“.

Lehrimkerstand
INFO und Idylle: Der Lehrimkerstand

Bei der Eröffnung selbst sprechen der Abgeordnete, die Bürgermeisterin, Politiker, Praktiker, Initiatoren, ein Vertreter von Rhönenergie über die Umstellung der Straßenbeleuchtung in Silges, die Freilandbiologin Sibylle Winkel über das Insektensterben und alles, was wir dagegen tun können und die Silgenser darüber, was hier tatsächlich getan wird. Als es draußen dunkel wird, brechen wir auf in die Nacht um uns anzusehen, was es bedeutet, wenn ein Ort seine Straßenbeleuchtung dimmt und eine insektenfreundliche Lichtfarbe wählt.

„Lichtverschmutzung ist nicht nur für Insekten eine Katastrophe, sie ist auch für Menschen ungesund.“

Wir schlafen schlechter, wenn es kein richtiges Dunkel mehr gibt. Außerdem sehen wir keine Sterne. Im neuernannten Sternendorf Silges gibt es eine Menge zu sehen, erzählt beim Spaziergang Sabine Frank. Kaum stehen wir auf einer kleinen Höhe, geht eindrucksvoll der Vollmond auf. Vom Dorf sehen wir, kaum haben wir uns ein paar hundert Meter entfernt, tatsächlich nichts mehr. Es ist schlicht dunkel. Dafür funkelt es über uns umso heller.

Rendezvous mit Tieren

Der Nachtspaziergang führt an den Rhönschafen und am Schäferwagen vorbei. Den Wagen haben die Silgesner mir als Nachtlager vorbereitet. Es sei der perfekte Ort für ein digital Detox, erklärt Marco Hanke, umwerfend idyllisch ist er außerdem. Kein Licht, keine Elektrizität, kein fließend Wasser, eine Komposttoilette hinterm Wagen. Wo gibt es so was noch mitten in der Zivilisation? Der halbe Ort wünscht mir gute Nacht, als ich mich in den Wagen zurückziehe. Ich krieche in meinen Schlafsack, höre, wie die Rhönschafe sich bewegen und werde um 5.30 Uhr von Tauben geweckt. Zum Glück. Denn ich wollte sehen, ob der Wildbeobachtungsturm hält, was er verspricht.

Es ist schon hell, als ich mich durch den Morgentau auf den Weg mache. Zwei Rehe rennen übers Feld davon, am Turm sollte ich noch mehr sehen. Tatsächlich sitze ich dort alleine und erwarte den Sonnenaufgang. Kein Tier weit und breit. Später beim Frühstück mit Ortsvorsteher Arnold Will erfahre ich, warum es so still war: Ich hatte den Fehler gemacht, durch die Wiese zu staksen und mich nicht durch den Wald anzuschleichen. Die Tiere waren alle schon weg.

Imker-Ausrüstung
BIENENVÖLKER, Beuten und Ausrüstung bekommen Jung-Imker für ein Jahr 

Den Rückweg nehme ich durch den Wald und am Feuchtbiotop vorbei. Auch hier stehen Infotafeln, auch hier wurde alles getan, damit Insekten sich wohlfühlen. Etwas später sehe ich zwei große Feldhasen. Na bitte. Der eine rennt weg, der andere hoppelt auf mich zu, um dann doch eilig an mir vorbeizuschießen. Als ich nach zehn Minuten Spaziergang wieder am Schäferwagen ankomme, schaue ich noch ein bisschen über die Rhön und beneide die Insekten und Menschen der Gegend. Tatsächlich scheint es den Insekten phantastisch zu gehen. Ich habe nach nicht einmal 20 Stunden Aufenthalt so viele Mückenstiche wie noch nie zuvor in meinem Leben. Die nächsten Tage werde ich juckend und cremend verbringen.

Was aber bleiben wird, wenn die Mückenstiche einmal abgeheilt sind, ist die Idee, etwas tun zu müssen und vor allem: etwas tun zu können. Von Silges lernen, heißt anpacken lernen. Ich baue jetzt erst mal ein Insektenhotel.

Was jeder für die Bienen tun kann:

  1. Honig beim Imker kaufen. Nur dann ist es ein regionales Naturprodukt und unterstützt die Imker, die sich wirklich für Bienen einsetzen.
  2. Garten oder Balkon wild und bunt bepflanzen und nicht zu viel Mähen. Das bringt viel für Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten. Manche Blumen-Samen sind als insektenfreundlich gekennzeichnet. Wenn möglich, im Garten eine wilde Ecken lassen. Da freut sich vielleicht auch der Igel.
  3. Insektenhotel bauen. In der Nähe von Parks, Gärten oder Alleen zieht schnell jemand ein.
  4. Wer sich so richtig für die Bienen begeistern kann, findet in der Nähe einen Imker-Schnupperkurs. Stadtimkern ist in.
  5. Licht aus. Vor allem abends und nachts im Garten. Lichtverschmutzung bringt vieles durcheinander. Insekten, Gartentiere, Zugvögel – und uns.