Wollen wir nicht alle ein bisschen besser werden? Zum Sport gehen. Bewusste Ernährung. Cool bleiben, wenn die Kids durchdrehen. Unsere Autorin nimmt es sich immer wieder vor. Sie will auch einmal alles richtig machen. Diesmal: ohne Stress durch die Weihnachtszeit.

Hier hörst du die Kolumne von Piri Sonnenberg als Podcast:


UAAAAAHHHH!!!! Ich werde im Bus von einem riesigen Adventskalender angerempelt! Gerade will ich dem Glitzer-Riesen eine mitten auf die Zwölf, beziehungsweise ins Türchen Nummer 15 boxen, da hält mich etwas zurück. Halt Piri!, ruft mein besseres Ich. Ein Blick hinter den Gladiatorenschild, und was sehe ich? Einen gehetzten, schwitzenden Menschen, der aussieht, als müsste er für die nächsten vier Wochen auf einem nassen Schwamm sitzen. Kenne ich. Der Name für diesen Zustand: Jahresendstress.

Mein besseres Ich: Cool bleiben im Jahresendstress
SHOPPEN, bis die Kreditkarte leer ist – und die Inhaberin auch

Was ist los mit der Welt? Es ist Ende November und auf unseren satten Einkaufsstraßen wird der Ausnahmezustand ausgerufen. Eine unsichtbare Macht hat in den Menschen einen Turboknopf gedrückt. „ALAAAARMMM!!! In bald vier Wochen ist Weihnachten!!! In etwas mehr als sechs das Jahresende!!! Alarmstufe rot!!! Hechtsprung in den Countdown!!!

Zu viel. Zu viel von allem. Zu viele Erwartungen. An diese ‚ganz besondere Zeit im Jahr’

Alles, was wir dieses Jahr vermasselt haben, muss jetzt irgendwie noch zusammengekleistert werden und erst in einem phänomenalen Weihnachtsfest und anschließend in einem überirdischen Silvester seinen Höhepunkt finden.

Aber wieso eigentlich?

Wieso nehmen wir Rugby mit Einkaufstüten, Duracell-Betriebsweihnachtsfeiern, Blockföten-Tinnitus und Weihnachtsganswahnsinn in Kauf, nur um einer unsichtbaren Macht gerecht zu werden?

Ein einziges Vanillekipferl, ein Schmalzsong in Radio, ein Glitzer-Elch im Schaufenster genügt, um uns komplett aus dem Oberstübchen, ja, dem Stockwerk mit dem Verstand, in das Untergeschoss zu schießen, in dem alle verlassenen Geister wohnen.

Mein besseres Ich: Cool bleiben im Jahresendstress
DIE RALLYE am Jahresende führt oft in den Gefühlsstau

Vier Wochen wie ferngesteuert einer imaginären Bestnote 1plusplusplus hinterherlaufen, nur um dann gefrustet, erschöpft und betrunken wie ein Klappstuhl unter dem Weihnachtsbaum zusammenzufallen, sobald die Verwandtschaft wieder abgezogen ist. Und wenn nicht dort, so erwischt uns die Desillusionierungskopfnuss spätestens an Silvester, um uns auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.

Piri, wie kriegst du das nur dieses Jahr hin?, frage ich mich morgens vor dem Spiegel, als nun auch ich mein Nasses-Schwamm-Gesicht erblicke.

Zu viel. Zu viel von allem. Zu viel an Erwartungen. Erwartungen an uns selbst. An unsere Liebsten, an die Mitmenschen. An diese „ganz besondere Zeit im Jahr“.

OK. Alles auf Anfang. Worum geht es eigentlich?

Zugegeben, es gibt Dinge, die unbedingt bis Jahresende erledigt werden müssen. Augen zu und durch. Das Leben ist nicht immer ein Wunschpunsch.

Aber darüber hinaus? Müssen wir uns wirklich allem an Advents-Weihnachts-Endjahres- und Silvester-Delirium ausliefern?

Ein bisschen weniger Kitsch, dafür ein paar Mal mehr ein echtes Lächeln.

Worum geht es bei der ganzen Feierei eigentlich? Ping! Na klar – Um FREUDE! Pure Freude. Darüber, dass vor 2000 Jahren in der Wüste, in ärmlichsten Verhältnissen, ein süßes Baby geboren wurde, das uns noch heute zu helleren Lampen im Herzbergwerk machen kann. Freude, dass wir in der dunklen Jahreszeit ein bisschen wärmendes Feuer für unsere Liebsten sein können.

Freude, dass wir das Jahr gesund, wenn auch mit ein paar Schrammen, überlebt haben und noch ein bisschen weiter im Lach- und Heul-Kletterpark des Lebens üben dürfen.

Ich beschließe, das Experiment zu wagen und mich diesmal von FREUDE statt von STRESS durch das Jahresendgewusel führen zu lassen.

Mein besseres Ich: Cool bleiben im Jahresendstress
MIT BEIDEN SOCKEN im Leben stehen – und sie auch mal hochlegen

Ein bisschen weniger Busy-busy-Chaos im Büro, dafür Spaß und kindliche Freude, wenn etwas gelingt (wie damals, als ich mit vier als letzte in der Gruppe dieses fiese Kastanientier hinbekommen habe). An mehr Klarheit im Terminkalender und einem frischaufgeräumten Schreibtisch samt Wanderkarte für die nächsten Arbeitswochen. Ein bisschen weniger Kitsch, dafür ein paar Mal mehr ein echtes Lächeln. Ein bisschen weniger Gedudel, dafür eine schöne Platte, die ich mit meinen Goldschätzen zu Hause auf dem Sofa wirklich anhöre.

Was ich mir für die nächsten Wochen vorgenommen habe: Auf ein paar sinnlose Geschenke verzichten, dafür ein paar praktische Dinge für diejenigen in meiner Umgebung, die mir vielleicht nicht so nah sind, denen es aber gerade an allem fehlt. Ein bisschen weniger High-End-Performance in der Küche, dafür der Wunsch, dass wir zusammen beim Kochen Spaß haben.

Und – ganz wichtig – am Weihnachtsabend selbst: ein bisschen weniger Harmoniezwang. „Onkel Frank, du wirst mich mit deinen ewigen Kamellen noch in den Wahnsinn treiben, aber niemand kann so herrlich schlechte Witze erzählen, die jedem Griesgram seine schlechte Laune vertreiben.“

„Bruderherz, du machst mich porös mit deiner Bockigkeit gegen alles und jeden, aber niemand ist so schnell zur Stelle, wenn mal wieder alle Computer ausgefallen sind. Niemand arbeitet Stunden still vor sich hin, bis alles wieder perfekt läuft, und will nichts dafür haben.“

„Und Schwester, ich schreie, wenn du mir noch eine Geschichte über diesen Stefan erzählst, den du seit fünf Jahren kennst und der dich seit gefühlten zehn immer wieder sitzen lässt. Aber es gibt niemanden auf dieser Welt, den ich lieber anrufen würde, wenn mir etwas super Peinliches passiert ist und ich deswegen die halbe Nacht nicht schlafen kann.“


Und jetzt – einmal tief durchatmen: „Schwiegermama, ich werde niemals eine perfekte Hausfrau sein wie du, werde dir niemals genügen und deine Gesichtsausdrücke werden in meinen immer Zuckungen auslösen. Aber du hast mir das schönste Geschenk gemacht, das man Piri machen kann. Du hast mir meinen Liebsten geboren.“

Das Jahr geht zu Ende. Wirklich? In anderen Kulturen wird eine andere Zeitrechnung benutzt. Manche schreiben das Jahr 2561 oder Neujahr ist irgendwann im Februar.

Warum zerbrechen wir uns so sehr den Kopf? Was war, ist vorüber, das Neue ist noch nicht einmal in Sicht. Im Gegensatz zu uns, die wir jetzt, in diesem Augenblick mit beiden Socken im Leben stehen. Wie wäre es eigentlich, Tag für Tag ein neues Jahr zu beginnen?