EIN KALTER Februartag in Berlin: Am Potsdamer Platz, treffen wir die wohl bekanntesten Zwillinge Deutschlands: Bill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel. Bill trägt wasserstoffblonde Haare und ein oranges Longsleeve. Tom ein rot-weißes Shirt mit dem Konterfei von Speedy Gonzales. Sie lachen entspannt, als wir die Suite im Grand Hyatt betreten. Nur Tom gähnt ab und zu. Der Jetlag.

Die beiden stammen aus der Nähe von Magdeburg, übersiedelten aber vor fast zehn Jahren zusammen nach Los Angeles. Damals zogen sie den Stecker. Der Hype um Tokio Hotel war einfach zu groß geworden. „Durch den Monsun“ katapultierte Tom und Bill Kaulitz sowie Georg Listing und Gustav Schäfer 2005 ins Rampenlicht. Überall kreischende Fans und Fotografen, keine Minute ohne Security. Die vier Freunde feiern Erfolge auf der ganzen Welt. Die Schule müssen sie irgendwann abbrechen: Auch der Schulleiterin wird die Hysterie zu groß.

Von Anfang an polarisieren Tom und Bill auch. Vor allem Bill – mit immer neuen, auffälligen Frisuren, Emo-Look und schwarz lackierten Fingernägeln. Dabei verändern sie sich auch immer wieder – nicht nur optisch: Mit der Zeit singen sie Englisch, ihr Sound pendelt zwischen Rock und Synthie-Pop.

Das neue Stück „Melancholic Paradise“, ein Ohrwurm im 80er-Stil, hören die Zuschauer von „Germany's Next Topmodel“ jetzt jeden Donnerstag – denn es dient als neuer Titelsong. Die Show wird seit 13 Jahren von Heidi Klum moderiert, die sich kürzlich erst mit Tom verlobt hat. 

Coca-Cola, Coke light oder Coke Zero Sugar?
Beide: „Coke!“
Bill: „Mich nervt es immer, wenn die Bedienung die Frage stellt. Wenn ich eine Coke bestelle, werde ich gefragt: Light oder normal? Natürlich normal!“
Tom: „Coke ist Coke. Manchmal bringen die Leute sogar einfach eine Light. Das finde ich eine Frechheit.“
Bill: „Ich habe mit unserem Stiefvater mal eine Challenge gemacht. Ich habe gewettet, dass ich sämtliche Coke-Varianten und auch andere Marken auseinanderhalten kann. Er hat dann ein Tablett mit Gläsern vorbereitet. Ich habe alles exakt richtig geraten.“

Ihr seid mal wieder auf Heimatbesuch. Gibt's etwas, das ihr unbedingt machen müsst, wenn ihr in Deutschland seid?
Bill: „Wir versuchen natürlich immer, Familie und Freunde zu sehen und essen, so oft es geht, beim Bäcker. Andere machen Diät, wir stopfen uns in Deutschland immer voll. In Amerika gibt’s halt selten gute Brötchen oder Croissants.“

Tom und Bill Kaulitz
ICH POSTE, also bin ich (dann mal weg): Tom (links) und Bill Kaulitz 

Könnt ihr heutzutage ungestört auf der Straße spazieren gehen?
Tom: „Es ist okay, weil wir hier nicht mehr wohnen und den ganzen Tag Leute vor der Tür stehen. Aber wir versuchen nach wie vor, nie zu lange an einem Ort zu bleiben. Denn irgendwann bildet sich schon eine Traube. Aber das ist voll okay.“

Vor zehn Jahren war das nicht mehr okay. Der ganze Hype hat euch dazu veranlasst, nach Los Angeles zu ziehen. Wie sehr prägt euch diese Zeit noch heute?
Bill: „Das prägt einen mit Sicherheit. Ich kenne das von Situationen, in denen es voll wird und viele Leute etwas von mir wollen. Da falle ich in alte Muster zurück. Ich werde dann stiller und merke, dass diese Situationen Erinnerungen auslösen. Es hat auch lange gedauert, bis ich irgendwann ohne Security auf die Straße gegangen bin. Daran musste ich mich langsam gewöhnen.“

„Wir hatten nie alleine Essen bestellt. Es gab immer Leute, die alles für uns gemacht haben.“


Tom: „Wir konnten uns das erst gar nicht vorstellen, alleine vor die Tür zu gehen und waren auch in Los Angeles immer mit Security unterwegs. Wir haben in Amerika überhaupt erst ein normales Leben gelernt.“

Bill: „Ich habe ja auch nie alleine Essen bestellt. Es gab immer Leute, die alles für uns gemacht haben, ob Security oder Tour-Manager. Das erste Mal selbständig im Restaurant zu bestellen oder sich über den Salat zu beschweren, war neu. Wir haben quasi die ganze Zeit zwischen 15 und 20 übersprungen und lebten total isoliert.“

Wer schnarcht? Wer kommt zu spät? Private Einblicke von Tokio Hotel:


Gerade in dieser Zeit passiert ja unheimlich viel: Die erste Liebe, die ersten Partys, sich selbst kennenlernen...
Bill: „Genau, und wir standen dabei unter ständiger Beobachtung. Wir vier haben natürlich sehr viel Zeit miteinander verbracht. Wenn wir mal gefeiert haben, dann zu viert auf dem Hotelzimmer. Wenn wir im Club waren, saßen wir hinter einem Absperrband in irgendeiner Ecke. Das war wie im Zoo: Alle gucken einen an. Ich dachte mir dann immer, warum ich überhaupt weggehe, wenn ich mit keinem sprechen kann. Das hat keinen Sinn ergeben.“

Zur Erinnerung: „Durch den Monsun“ (2005)


Was war das krasseste Erlebnis zu der Zeit?
Bill: „Ich kann mich noch an einen Auftritt in der Schweiz erinnern, als die Leute mit Steinen geschmissen haben. Das war ausgerechnet zum 1. Mai, da gab es ohnehin Krawalle. Ich weiß noch, dass wir mit dem Auto von einem Festival wegfahren wollten, unsere Security total nervös war, uns am Boden entlang geschleift und uns ins Auto gepackt hat. Wir mussten in Deckung gehen, weil die Menschen von außen dagegen geschlagen und Sachen geschmissen haben. Scheiben sind eingebrochen. Da dachte ich, wir könnten alle gleich sterben.“

„Ich glaube, ich wurde noch nie im Leben gesiezt.“


Ihr seid dann quasi nach L.A. geflüchtet. Wie wichtig war dieser Schritt aus heutiger Sicht?
Bill: „Total wichtig, ich würde das immer wieder so machen. Das war damals so ein Instinkt, dass wir uns zurückgezogen haben. Wir hatten da keinen Bock mehr drauf, wollten ein normaleres Leben führen und selber entscheiden, wann wir auf die Bühne gehen. Wir wollten nicht mehr nur auf das reagieren, was um uns herum passiert, sondern selber das Zepter in die Hand nehmen. Wir entscheiden, wann wir Musik veröffentlichen, wann wir auf Tour gehen und ob wir ein Autogramm schreiben wollen, wenn Leute vor der Tür stehen. Die Leute hatten damals das Gefühl, wir gehören der Öffentlichkeit und jeder hat das Recht, alles über uns zu schreiben und alles zu kommentieren. Wir hatten das Recht auf unser eigenes Privatleben verloren.“

Tom: „Es ist ja auch ein bisschen heute noch so. Eigentlich siezt man sich ab einem gewissen Alter. Ich glaube, ich wurde noch nie im Leben gesiezt. Die Leute glauben, sie kennen mich. Sogar die Stewardessen.“

„Ich habe das Gefühl, für die Deutschen bleiben wir für immer 15.“


Bill: „Ich hatte das gerade wieder auf dem Hinflug. Ich bin da ja unempfindlich und sage nichts dazu. Aber ich finde es immer spannend zu beobachten. Die Stewardess siezt jeden um mich herum und kommt dann zu mir: 'Hi. Na! Kann ich dir noch was bringen? Was willst denn haben?' Und du denkst: Wow. Die hat das Gefühl, die kennt dich und glaubt, sie kann jetzt cool mit dir abschnacken. Das ist ja eigentlich ziemlich unverschämt, aber so denken die Leute bis heute.“

So ging's ja auch Lena nach ihrem ESC-Sieg. Alle dachten: Das ist unsere Lena!
Tom: „Ja, stimmt. Das ist vor allem der Fall, wenn du schon in jungen Jahren öffentlich bekannt wirst. Dann denken die Leute, du bleibst immer jung.“
Bill: „Ich habe das Gefühl, für die Deutschen bleiben wir für immer 15.“

Tokio Hotel - Selfie
SCHICK, auch ohne Filter. Tokio Hotels Selfie beim Interview. Links im Bild: Bassist Georg Listing, rechts: Schlagzeuger Gustav Schäfer

Ihr habt nach eurem Umzug ein Jahr entspannt. Hat euch irgendwann der Lärm gefehlt?
Bill: „Ich sage immer: Ich kann nicht so richtig ohne das alles, aber auch nicht so richtig damit. Wenn wir auf Tour sind, den ganzen Tag Action haben und ich abends alleine auf dem Zimmer bin, falle ich wieder in so eine Roboter-Rolle zurück. Die Leute fragen alle das gleiche und wollen dasselbe von einem. Da wünschte ich, normal zu sein, mit Freunden Zeit zu verbringen und nicht mehr der Bill von Tokio Hotel zu sein. Aber ganz schnell vermisse ich das auch wieder. Ich liebe es, meine Outfits anzuziehen, auf der Bühne zu stehen und zu singen.“

„Früher hatte ich das Gefühl, der Erfolg rennt vorneweg und wir hinterher.“

Wie sehr unterscheidet sich dieser Zirkus heute von früher? Ihr entscheidet mehr selbst...
Bill: „Ja, und wir haben eine bessere Balance zum Privatleben gefunden und können entscheiden, wann Schluss ist. Früher hatte ich das Gefühl, der Erfolg rennt vorneweg und wir hinterher. Mittlerweile haben wir eine größere Ruhe drin.“

Im Podcast spricht Tom über seine Begeisterung für Bayern München – was Bill so gar nicht verstehen kann...


In Amerika habt ihr größtenteils Ruhe vor Fans. Aber die Paparazzi sind ja nicht ohne...
Tom: „Stimmt. Das Besondere an Los Angeles ist, dass sehr viel mit dem Auto erledigt wird. Es gibt halt nicht so viele Straßen, auf denen du rumrennst und erkannt wirst.“
Bill: „Du weißt auch oft, an welchen Spots, an welchen Restaurants die Fotografen lauern. Du kennst diese Orte irgendwann. Und du weißt auch, wo du mal einen Kaffee trinken kannst und kein Fotograf steht.“

Gerade Tom und Heidi posten ja viele Bilder aus dem Privatleben in den sozialen Netzwerken. Macht ihr das auch, um den Fotografen die Geschäftsgrundlage zu entziehen?
Tom: „Ein bisschen steuern wir das schon, ja. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass gerade Paparazzi vor der Tür warten, posten wir Bilder, wie wir schön was kochen. Dann denken die, wir bleiben zu Hause und hauen nicht gleich ab.“
Bill: „Oder wenn wir im Urlaub sehen, dass Boote mit Fotografen vor dem Bungalow anlegen, machen wir lieber ein schönes Urlaubsfoto selbst, über das dann alle schreiben. So was macht man schon.“
Tom: „Und man kann dabei schnell noch den Bauch einziehen.“
Bill: „Und 'nen schönen Filter darüberlegen.“

6 Lieblingssongs von Tokio Hotel

Gibt's Pläne, irgendwann zurück nach Deutschland zu ziehen?
Bill: „Wir bereiten ja unsere Tourneen in Berlin vor und sind sowieso viel hier. Für die kommende Tour proben wir vier Wochen lang. Wir haben schon mal überlegt, uns hier eine Zweitwohnung zuzulegen, aber ganz zurückzukehren kann ich mir momentan nicht vorstellen. Ich finde es gut so, weil ich weiß, ich kann auch wieder weg.“
Tom: „Dadurch, dass wir nur noch zu Besuch in der Heimat sind, kriegen wir eigentlich nur schöne Sachen mit. Wir gehen abends essen, treffen uns mit Leuten, die wir gerne sehen wollen und haben hier keinen Alltag. Schon dadurch gefällt uns Deutschland deutlich besser als vor zehn Jahren.“

„Ich bin froh für Tom, dass er so eine tolle Frau gefunden hat. Das fühlt sich gut an.“


Ihr habt lange versucht, nicht länger als 24 Stunden getrennt voneinander zu sein. Bald ist Tom unter der Haube. Verabschiedest du dich innerlich schon, Bill?
Bill: „Auf keinen Fall! Natürlich hat sich das jetzt schon ein bisschen verändert, aber auch nicht von heute auf morgen. Das ist ja ein ganz natürlicher Prozess. Ich bin froh für ihn, dass er so eine tolle Frau gefunden hat. Das fühlt sich gut an. Ich denke jetzt nicht: Ah, er ist schon wieder weg. Außerdem sehen wir uns weiter jeden Tag.“
Tom: „Ich glaube, im Gegensatz zu anderen Zwillingen ist es bei uns schon extrem, weil wir auch noch den gleichen Job haben und ein identisches Leben führen. Das wird sich auch nie groß ändern.“

Cover „Melancholic Paradise”
FLUCHTPUNKT L.A: Cover von „Melancholic Paradise”

Ihr geht bald auf Tour in etwas kleinere Hallen und eure CD-Verkäufe sind zuletzt zurückgegangen – was in der heutigen Zeit normal ist. Da kommt in Deutschland schnell Häme auf, nach dem Motto: Die große Zeit ist vorbei. Nach all der Hysterie, die ihr miterlebt habt: Tut es euch vielleicht gut, dass alles etwas ruhiger geworden ist?
Tom: „Wir haben nach der längeren Pause, in denen wir vier Jahre kein Album gemacht haben, im Prinzip alles umgekrempelt. Seitdem haben wir für uns die Balance zwischen Privatleben, Musik, Hysterie und Tourneen gefunden. Wir fühlen uns damit wohler denn je.“
Bill: „Ich habe das Gefühl, wir sind als Band angekommen und selbstbewusster mit dem, was wir machen. Nach den Europa-Gigs geht es noch nach Amerika und Südamerika. Wir sind eigentlich das ganze Jahr unterwegs.“

Wo seht ihr euch in zehn Jahren?
Bill: „Ich mache mir eigentlich nie solche Pläne, auch wenn das vielleicht vernünftig wäre. Ich lebe eher im Jetzt und mache mir Gedanken, was als nächstes kommt. Ich bin jemand, der nie zufrieden ist und einfach die Füße hochlegt. Mein Kopf ist die ganze Zeit angeschaltet.“
Tom: „Zehn Jahre ist nicht so weit entfernt von einem Alter, an dem ich gern in Rente gehen würde. Wir arbeiten ja auch schon, seitdem wir 15 sind.“

Tokio Hotel
GRUPPENBILD: Tokio Hotel 2019

Mit wem würdet ihr euch gern mal auf 'ne Coke treffen?
Tom: „In fünf Jahren mit Angela Merkel. Dann ist sie in Rente und konnte vielleicht etwas runterfahren und man kann sich mal privat austauschen, was so passiert ist und wie sie gewisse Dinge empfunden hat. Dann wird es erst richtig interessant. Jetzt ist sie noch zu sehr im Geschäft, obwohl ich mich auch jetzt schon gern mit ihr treffen würde.“

Kriegt ihr denn in den USA viel mit, was hier politisch abgeht?
Bill: „Wir lesen jetzt nicht jeden Tag deutsche Zeitungen und sind bei allen Dingen auf dem neusten Stand. Aber die wichtigen und großen Geschichten kriegen wir natürlich mit. Dadurch, dass wir in Amerika wohnen und eventuell unser ganzes Leben lang wohnen werden, betrachten wir viele Themen eher weltpolitisch. Ich war gerade in letzter Zeit, mit Trump und anderen Vorfällen, stolz darauf, dass wir mit Angela Merkel so ein Aushängeschild haben. Den Demokraten in Amerika war Merkel in den vergangenen Jahren total wichtig. Und ich bin froh, dass sie so lange durchgehalten hat.“

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Tokio Hotel Live

Termine im deutschsprachigen Raum:

17. Mai 2019: Oberhausen
19. Mai 2019: Zürich
22. Mai 2019: Stuttgart
25. Mai 2019: Berlin
26. Mai 2019: Frankfurt
28. Mai 2019: Hamburg
29. Mai 2019: Hannover
31. Mai 2019: Leipzig
1. Juni 2019: Wien