ER SITZT schon auf der Couch, als wir das wohnzimmerähnliche Büro seiner Plattenfirma betreten. Vertieft in sein Tablet, Brille auf der Nase, top gestylt, sieht Thomas Anders eher aus wie ein Geschäftsmann. Und nicht wie der Sänger, den die Welt seit den Achtzigern kennt: als eine Hälfte von Modern Talking, mit Umhänge-Keyboard, langer, schwarzer Mähne – und Gassenhauern wie „Brother Louie“, „You're My Heart, You're My Soul“ oder „Cheri Cheri Lady“.

Über dem Sofa hängen Bilder von Udo Lindenberg, Madonna und Ray Charles. Verstecken muss sich Anders hier nicht. Mit über 120 Millionen verkauften Platten gehört er zu den erfolgreichsten Musikern Deutschlands. Modern Talking sind bis heute weltweit bekannt.

Die Fans im Ausland bleiben auch dem Solo-Künstler Thomas Anders treu. Seine Singles schaffen es in die russischen und türkischen Charts. Im April vergangenen Jahres dann das erste deutschsprachige Album. Und auch das funktioniert. Jetzt legt der „Gentleman der Musik“ nach: „Ewig mit dir“ heißt sein neues Album.

Bei unserer Begegnung ist der 55-Jährige bestens gelaunt und bescheiden. Eine Maskenbildnerin braucht er nicht. Für das Foto-Shooting holt sich Anders ein braunes Täschchen und schminkt sich kurzerhand selbst. Ein Gespräch über Imagewandel, fragwürdige Prominenz und englischen Schlager.

Coca-Cola Classic, Coke light, Coke Zero Sugar?

„Seitdem es sie gibt: Coke Zero.“

Du schreibst selbst Kochbücher. Wusstest du, dass man mit Coke auch kochen kann?

„Ich wüsste auf Anhieb kein Rezept. Aber man kann mit fast allem kochen, in dem Zucker enthalten ist."

Etwa eine Balsamico-Glasur oder Currywurst-Sauce...

„Oh, ja. Das kann ich mir gut vorstellen...“

Thomas Anders: „Modern Cooking”
HOT! Thomas Anders isst und kocht gern

Du warst im Spätsommer auf US-Tour mit den größten Modern-Talking-Hits. Wie hast du das Essen da empfunden?

„Wenn man nach längerer Zeit mal wieder nach Amerika kommt, freut man sich erstmal aufs Essen. Es ist ja doch typisch amerikanisch, ohne, dass ich es genau beschreiben kann. Die Salate, die Burger. Die Fleischqualität ist um Klassen besser, auch wenn das Rinderfilet super teuer ist. Aber irgendwann ist es dann auch too much. Die Portionen nerven mich. Es ist alles viel zu groß.“

„Alle Mädels schreien und flippen aus. Aber die meinen gar nicht mich. Die meinen das Auto hinter mir.“

Ein Beispiel?

„Ich war mit meiner Familie auf den Hamptons in einem Hotel. Meine Frau bestellte zum Frühstück Oatmeal, einen French Toast und etwas Obst. Es kam dann eine circa 40 cm lange Platte mit vier dicken, fetten French Toast, in Ahornsirup ertränkt. Dazu zwei riesige Schüsseln Haferbrei und Obst. Man fragt sich dann: Wer isst so etwas? Mein Sohn und ich haben uns Rührei bestellt – das kam mit Bolognese-Sauce. Sie setzen immer noch einen drauf...“

Aber du warst ja nicht ausschließlich zum Essen dort. Konzerte in Miami, Los Angeles, oder New York: Wie setzt sich das US-Publikum eigentlich zusammen?

„Die Altersstruktur geht von 20 bis 60. Die USA sind ein Einwanderungsland mit den verschiedensten Communities. Diejenigen, die aus Europa, Asien oder Südamerika eingewandert sind, haben oft amerikanische Partner. Die bringen wiederum Freunde mit. Es sind also Teile ganz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen da.“

7 ultimative Entscheidungen von Thomas Anders:


Ich war in Südkorea in einer Karaoke-Bar und konnte „You're My Heart, You're My Soul“ singen. Die iranische Komikerin Enissa Amani erzählt, im Iran würde jeder Modern Talking kennen. Wie fühlt sich dieser weltweite Ruhm für dich heute an?

„Obwohl ich weiß, dass es so ist, kann ich es nach wie vor nicht so richtig greifen. Es fühlt sich unwahr an. Man kann so etwas auch nicht als selbstverständlich ansehen. Ende der 80er war ich zum ersten Mal bei einem Festival in Santiago de Chile eingeladen, da hatte sich Modern Talking gerade getrennt. Ich komme also am Hotel an und alle Mädels schreien und flippen aus. Ich steige aus dem Auto und realisiere: Die meinen gar nicht mich. Die meinen das Auto dahinter, da saß nämlich der mexikanische Sänger Luis Miguel. Also man darf das nicht für selbstverständlich erachten. Jetzt gucke ich immer, egal wo ich hinkomme, ob hinter mir nicht ein anderer Prominenter ankommt, um sicher zu gehen...“

„15 Jahre nach der endgültigen Modern-Talking-Trennung nehmen mich die Leute erst jetzt anders wahr.“

Kommen denn bestimmte Modern-Talking-Hits in bestimmten Ländern besser an?

„Nein, das eigentlich nicht. Aber was mal passiert ist: Es gibt einen Titel, der heißt „Just We Two (Mona Lisa)“. Den haben wir nicht mal als Single veröffentlicht. Vor zehn Jahren hatte ich eine Show in Spanien, bei der ich den Song nicht gesungen habe. Als ich von der Bühne kam, meinte jemand: 'Warum hast du nicht Mona Lisa gesungen? Die Leute warten darauf. Der war hier Nummer eins'. Dabei wusste ich gar nicht, dass er dort ausgekoppelt wurde. Mittlerweile spiele ich ihn im aktuellen Programm.“


Boris Becker meinte kürzlich, im Ausland würden ihm die Menschen respektvoller begegnen als im eigenen Land. Hast du bei Modern Talking auch manchmal das Gefühl?

„Respekt würde ich in dem Fall nicht sagen. Aber Modern Talking wird in Deutschland schon sehr viel kontroverser diskutiert als im Ausland. Dort gibt es diese Geschichte ‚Bohlen gegen Anders‘ nicht. Hier bauschen die Medien das Thema immer noch auf, obwohl es eigentlich totgeritten ist. In Deutschland zu Modern Talking zu stehen, ist immer noch ein Ticken schwerer als im Ausland – obwohl es schon besser geworden ist.“


Die Leute hier kennen dich aus den 80ern mit langer Mähne und Nora-Kette. Mittlerweile hast du den Image-Wechsel geschafft zum Gentleman der Musik…

„Das war nicht einfach. Aber man sieht, dass es nicht unmöglich ist. Und es braucht Zeit. Images zu verändern, gerade bei Personen, ist extrem schwer. Wäre ich ein normales Produkt, eine Zahnpasta, würde ich eine neue Verpackung machen und es wieder auf den Markt bringen. Gut ist. Das geht aber mit Gesichtern nicht. Es war wahnsinnig schwer und hat lange gedauert bei mir. 15 Jahre nach der endgültigen Modern-Talking-Trennung nehmen mich die Leute erst jetzt anders wahr.“

Hier spricht Thomas Anders über ewige Liebe und Rap-Musik:

Was musstest du dafür tun?

„Ich bin mir konsequent treu geblieben. Man darf nicht gucken, was am besten ankommt und muss die Kraft haben, das durchzustehen. Nehmt mich so wie ich bin, oder lasst es bleiben. Wenn jemand sagt, Anders sei ein Arschloch, dann ist das sein gutes Recht. Du darfst mich gerne so nennen. Aber ich werde mich nicht einen Millimeter danach richten, wie du mich gerne hättest.“

5 Lieblings-Songs von Thomas Anders:


Gibt es einen Star, den du als Marke besonders spannend findest?

„Eigentlich sind alle erfolgreichen Künstler in gewisser Hinsicht Marken, die etwas darstellen und ihrem Image gerecht werden müssen.“

Mir fallen da Namen wie Daniela Katzenberger oder Kim Kardashian ein...

„Ich weiß gar nicht, was die darstellen sollen und würde gerne mal wissen, für was die überhaupt stehen. Volkswirtschaftlich könnte man sagen: Sie setzen Geld um. Aber was können die gut?“

Aufmerksamkeit erzeugen...

„Ja. Aber ist das Kunst oder kann das weg?“

Die Medien stehen drauf...

„Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. Auch mit dem Aufkommen der vielen, privaten Sender. Jedes Programm muss 24 Stunden am Tag gefüttert werden. Und wenn man ehrlich ist: Man bekommt nicht immer die A-Prominenz für diese Formate. Also fängt das Fernsehen an, sich selbst seine Prominenz aufzubauen. Es scheint ja aufzugehen. Wenn ich in einer Castingshow auftrete, ist es gar nicht mehr wichtig, der Sieger zu sein. Ich brauche eine Idee, wie ich an der Verwertungskette, also an C-Promi-Formaten, teilhaben kann.

 


Apropos Gegenwart: „Ewig mit Dir“ ist erst dein zweites Album auf Deutsch, nachdem du lange Zeit nur englische Songs gesungen hast...

„Stimmt, aber ich habe auf Deutsch angefangen. Vor 40 Jahren habe ich meinen ersten Schallplattenvertrag unterschrieben. Die Musiksprache hat sich mittlerweile geändert. Deutscher Schlager ist zum Pop geworden. Was Helene Fischer macht, ist Pop und kein klassischer Schlager. Die Grenze ist verschwommen. Allerdings: Auch „Cheri Cheri Lady“ war damals eigentlich ein klassischer Schlager-Song. Mit englischen Texten hört es sich aber viel mehr nach Pop an.“


Deutsche Textzeilen gelten häufig als Kitsch, wobei Pop-Texte im Englischen ähnlich sind. Empfindest du das als unfair?

„Als Künstler empfindet man das als unfair, aber auch das lässt sich nicht ändern. Das hängt auch damit zusammen, dass die englische Sprache ein größeres Interpretationsspektrum hat. In unserer Sprache haben wir für ein bestimmtes Gefühl viel mehr Worte als im Englischen. Gefühle zu beschreiben, kann im Deutschen sehr schön sein, aber auch schnell kitschig. Das ist nur ein minimaler Schritt. Das kann von einem Wort, vielleicht auch nur vom Satzbau abhängen. Das ist im Englischen nicht so. Wenn ich in einem US-Song singe: 'I love you from the bottom of my heart', klingt das erstmal schön. Wenn ich singe: 'Ich liebe dich aus der Tiefe meines Herzens', kotzt jeder.“

Thomas Anders
DEUTSCH ist eine anspruchsvolle Sprache für Popmusik, sagt Thomas Anders

Sarah Connor oder Sasha singen mittlerweile auch wieder in ihrer Muttersprache. Gibt es einen anderen deutschen Künstler, den du gerne mal auf Deutsch hören würdest?

„Herbert Grönemeyer. Dann würde ich ihn endlich mal verstehen...“(lacht)

Früher hat sich die ganze Familie die „ZDF-Hitparade“ angeschaut. Gibt es so etwas heute noch?

„Nein, das gibt es nicht mehr. Früher war Musik noch ein rares Gut. Man musste seinen Fernseher oder das Radio anmachen, um Musik zu hören. Ansonsten musste man die Platte kaufen. In Zeiten von MTV und Viva wurde es plötzlich inflationär. Man hatte da schon Musik on Demand. Mittlerweile brauchen wir über Streaming gar nicht mehr reden. Wenn ich meinen Sohn sehe: Es gibt heute gar keine Notwendigkeit mehr, sich nach Musik zu strecken oder sich Songs zu wünschen. Klack. Ich habe jetzt Bock drauf, den Song zu hören und mache das. Und klicke ihn genauso schnell wieder weg. Was gab es denn in den Siebzigern? „ZDF-Hitparade“, die „Starparade“ mit Rainer Holbe oder den „Musikladen“ für internationale Musik. Da musstest du aber auch einen Monat warten, bis wieder eine neue Ausgabe kam...“

Thomas Anders - Selfie
THOMAS ANDERS’ Selfie beim Interview 

Mit wem würdest du dich gern auf 'ne Coke treffen?

„Ich würde mich gerne mal mit Frau Merkel treffen.“

Was würdest du sie fragen?

„Warum sie immer so verkopft ist. Ob das Selbstschutz ist oder ihr Naturell.“

„Ewig mit dir“ von Thomas Anders erscheint am 19. Oktober.

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