NICHT EINFACH, The BossHoss zu finden. Ein Mitarbeiter der Plattenfirma winkt schon an der Hauptstraße zwischen parkenden Autos. Wir stehen vor einem mit Graffiti besprühten Gebäude, das den Charme einer runtergekommenen Spielhalle hat. Von außen deutet nichts darauf hin, dass hier Nummer-1-Alben entstehen.

Im ersten Stock betreten wir eine andere Welt. Im Flur stapeln sich Instrumente bis unter die Decke, der riesige „Wohnraum“ ist mit einem Tresen ausgestattet, inklusive Kühlschrank und Schnapsregal. Die heiligen Hallen des Internashville Studios.

Alec und Sascha sitzen auf einer großen Couch, schreiben Autogramme auf CD-Boxen und hängen am Smartphone. Der Promo-Stress für ihr neues Album „Black Is Beautiful“ ist den ihnen nicht anzumerken. Kein Wunder: Eineinhalb Jahre haben sich die beiden größtenteils zurückgezogen. Davor waren sie mehr als zehn Jahre fast ununterbrochen auf Tour, brachten sieben Alben heraus und waren in TV-Shows wie „The Voice of Germany“ und „Sing meinen Song“ zu sehen. Die Pause war einfach nötig, sagen sie.

Wir sprechen mit Alec und Sascha über ihre Auszeit und die Balance zwischen Motörhead-Tour und Helene-Fischer-Show.


Coca-Cola Classic, Coke light, Coke Zero Sugar?

Sascha: „Auf jeden Fall Classic.“

Wir haben mit euch 2014 die Interview-Reihe „Auf ne Coke mit“ gestartet. Damals in noch sehr kurzer Form, zum Beispiel mit der Frage nach eurer Lieblings-App. Wisst ihr noch, was ihr geantwortet habt?

Alec: „Wahrscheinlich WhatsApp, oder?“
Sascha: „Die Wetter-App?“

Bei Sascha war es Facebook, bei Alec eine Taxi-App...

Alec: „Stimmt. My Taxi.“

BossHoss - Selfie
WIEDERSEHEN nach vier Jahren: Selfie von Alec und Sascha

Seitdem ist nicht nur auf dem App-Markt viel passiert, sondern auch bei euch. „Sing meinen Song“, euer erstes Nummer-1-Album, Alec hat geheiratet. Was war für euch das Highlight der letzten Jahre?

Sascha: „Medial gesehen war tatsächlich die Zeit in Südafrika bei 'Sing meinen Song' ein Highlight. Das Album 'Dos Bros' war eine Riesen-Ära.“
Alec: „Wir haben unsere bislang größte Tour gespielt. Und privat die Geburt meines Sohnes 2016 und die Hochzeit mit der ganzen Band war auch richtig geil. Nach so vielen Jahren mal Urlaub zu machen und Kraft zu schöpfen, war auch sehr wichtig. Es ist viel passiert.“

Apropos Hochzeit: Kann man einen alten Rocker noch zähmen?

Alec: „Natürlich nicht.“
Sascha: „Wozu?“

Dann war es auch nicht deine Frau, die dich gleich so vereinnahmt hat, dass ihr eine Auszeit nehmen musstet?

Alec: „Nein, das haben Sascha und ich beschlossen. Wir waren da rund 14 Jahre mit BossHoss umtriebig. Eine Tour jagte die nächste. Wir wollten dem Effekt vorbeugen, dass die Leute uns satt haben.“
Sascha: „Den Helene-Fischer-Effekt...“
Alec: „Dazu kommt, dass die Hallen glücklicherweise größer geworden sind. Das heißt aber auch, dass die Leute nicht jedes Jahr wiederkommen, um uns zu sehen. Darum wollten wir den Leuten, aber auch live mal eine Pause von uns gönnen. Jetzt läuft der Vorverkauf für die kommende Tour wie geschnitten Brot. Also alles richtig gemacht.“

Wie trefft ihr solche großen Entscheidungen? Ein tiefer Blick in die Augen reicht?

Sascha: „Wir achten schon darauf, dass wir den Markt, das Business und unsere Leidenschaft im Blick haben. Wir haben immer auf unser Bauchgefühl gehört, was uns nie groß fehlgeleitet hat. Früher waren wir halt ständig auf Tour, dazu kamen dann irgendwann diverse Fernsehformate und wir haben auf allen Kanälen gefunkt. Darum kam ganz natürlich das Bedürfnis auf, uns etwas zurücknehmen, um danach wieder voll loszulegen.“

„Sollten wir lieber weitermachen? Ist es schlau, so lange weg zu sein? Vergessen uns die Leute?“


Ist euch die Entscheidung leicht gefallen?

Sascha: „Das nicht. Wir haben uns schon viele Gedanken gemacht: Sollten wir lieber weitermachen? Ist es schlau, so lange weg zu sein? Vergessen uns die Leute? Es gehört schon Mut dazu, das zu tun, was man fühlt.“

Es steckt ja viel dahinter. Eure Band zum Beispiel...

Alec: „Klar. Wir leben ja stark von Live-Auftritten. Wegen des zurückgehenden Tonträgermarkts werden Konzerte immer wichtiger, und so eine Pause bedeutet schon einen gewissen Einschnitt. Aber strategisch war es richtig, glauben wir.“

War es dann erst einmal komisch, den anderen nicht mehr so oft zu sehen?

Sascha: „Nö. So schlimm war es auch gar nicht. Wir haben uns ja nicht eingeschlossen. In der Zeit haben wir zweimal 'Sing meinen Song' gemacht, hier im Management gearbeitet und dann auch mal wieder den Stift in die Hand genommen, um neue Songs zu schreiben. Also wir haben uns oft gesehen.“

Albumcover „Black Is Beautiful”
                                  COVER von „Black Is Beautiful”

Sascha hatte eh Hummeln im Hintern. Du hast deine alte Band aufleben lassen mit Album und Konzerten, unter anderem in Las Vegas...

„Ja, das war ich den alten Kumpels schuldig. Seitdem es BossHoss gibt, liegt diese Band auf Eis. Ich war mit der Gruppe seit meiner Teenager-Zeit sehr, sehr viel unterwegs und wollte nicht einfach den Stecker ziehen. Darum habe ich ihnen über die Jahre versprochen, mal zurückzukommen. Im Pausenjahr von BossHoss war die Zeit dann reif. Wir haben unser altes Album neu aufgemöbelt mit drei neuen Songs, es neu gemischt und ein paar Songs gespielt.“

Fühlt es sich dann nicht komisch an, plötzlich andere Songs zu singen, andere Abläufe zu haben?

Sascha: „Ja, das ist schon etwas komisch. Bei BossHoss stehen wir zu zehnt mit Bläsersatz auf der Bühne. Und bei Hot Boogie Chillun ist es eher rudimentär: Bass, Gitarre, Schlagzeug. Wenn da mal ein Griff nicht sitzt, ist schon ein Loch im Song.“

9 Einsichten über Freundschaft unter Männern:

Wie sehr habt ihr Freunde und Familie vernachlässigt?

Alec: „Die alten Kontakte sind echt auf der Strecke geblieben. Freunde, die nicht direkt etwas mit dem Umfeld der Band zu tun haben, sieht man schon selten. Die Zeitabstände, zwischen denen man sich sieht, werden immer größer. Das bringt der Job so mit sich.“

„Ich habe auch schon vor ihm geheult. Klar reden wir auch über schwierige Dinge.“


Ihr habt in den 14 Jahren viel Zeit miteinander verbracht. Würdet ihr sagen, ihr kennt alles voneinander?

Alec: „Ich vermute schon. Wir haben uns kennengelernt, als wir beide noch in ganz anderen Lebenssituationen waren. An ein Familienleben, wie wir es heute haben, dachten wir damals gar nicht. Da saßen wir nach dem Job jeden Abend in der Kneipe. Ganz andere Zeiten. Von daher kannten wir uns schon vor BossHoss sehr gut.“

Es gibt oft das Bild vom harten Mann, der keine Gefühle zeigen kann vor anderen Männern. Könnt ihr das voreinander?

Alec: „Ja, sicher. Wir haben uns in den 19 Jahren Freundschaft schon in den verschiedensten Phasen erlebt, die uns zum Teil auch sehr mitgenommen haben. Ich habe auch schon vor ihm geheult. Klar reden wir auch über schwierige Dinge.“

BossHoss Coke Flaschen
WAHRE FREUNDSCHAFT: Boss und Hoss

Wie unterscheidet sich das Leben als Großstadt-Cowboy und Rock'n'Roller – heute und vor 14 Jahren?

Sascha: „Schwer zu sagen. Früher waren wir sehr viel in Berlin unterwegs, jetzt außerhalb. Wir sind mittlerweile froh, wenn wir mal in Berlin sind und unsere Freizeit mit der Familie gestalten können. Naturgemäß existieren viele Clubs, in denen wir früher rumgehangen haben, heute nicht mehr. Aber Berlin bietet kulturell eine unglaubliche Vielfalt. Da kommt der Rock'n'Roll zum Glück nicht zu kurz.“

Aber ihr seid immer noch Rebellen. Woran merkt man das?

Sascha: „Wir ziehen unser Ding halt durch. Wir haben viele Einflüsse und Genres um uns versammelt und machen das, was wir gerne machen. Das ist ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Es gibt keine andere Band, die bei 'The Voice of Germany' sitzt, mit Lemmy von Motörhead auf Tour ist, in Wacken spielt und bei der Helene-Fischer-Show auftritt.“
Alec: „Mehr Rock'n'Roll geht ja wohl nicht.“

Kann man da alle Fans gleichermaßen begeistern?

Sascha: „Das ist eben die Kunst.“
Alec: „Die Leute nehmen dir das durchaus ab. Wenn du geerdet rüberkommst, gestehen dir die Leute den ein oder anderen Ausflug in andere Gefilde zu.“

„Wir haben schon eine mächtige Nacht-Macht-Eigendynamik. Die Nacht ist für uns der Rock'n'Roll-Zeitraum.“


Warum fällt es euch leichter, nachts eure Songs zu schreiben? Ist es der Whiskey oder könnt ihr generell schlecht schlafen?

Sascha: „Also in der Vergangenheit ist viel nachts passiert. Unsere kreativen Prozesse haben ihre Wurzeln in der Nacht. Als wir noch normale Jobs hatten, konnten wir uns nach Feierabend am Tresen kreativ austauschen. Diese Tradition hat sich einfach weiterentwickelt. Heute gibt es noch andere Beweggründe. Wir haben nachts mehr Ruhe. Das Telefon klingelt nicht, wir können den Laptop zuklappen.“
Alec: „Rock'n'Roll wird halt nachts zelebriert. Wenn die Sonne untergeht und der Mond aufsteigt, kommen BossHoss auf die Bühne. Es gibt 'ne Show, danach die Aftershowparty und der Bus fährt weiter in die nächste Stadt. Die Nacht ist für uns der Rock'n'Roll-Zeitraum.“

Muss man euch irgendwann stoppen und sagen: Jetzt geht mal ins Bett?

Sascha: „Das haben schon diverse Tour-Manager versucht. Aber da haben wir schon eine mächtige Nacht-Macht-Eigendynamik.“
Alec: „Wir haben uns da schon im Griff und gehen tadellos mit unseren Vorhaben um. Wir kriegen alles, was wir uns vornehmen, auf die Kette. Aber eine Tour ist immer auch ein Ausnahmezustand, wo die Außenwelt abgeschaltet ist. Es gibt keine Briefe, kein Finanzamt, keine Rechnungen.“
Sascha: „Auch keine Familie. Keine Schulaufgaben.“

„Gestern noch trägt dir der Tourmanager das Handtuch hinterher, heute musst du den Müll wieder selbst runterbringen.“


Und wenn die Tour vorbei ist, müsst ihr euch umstellen...

Alec: „Ja. Gestern noch trägt dir der Tourmanager das Handtuch hinterher, heute musst du den Müll wieder selbst runterbringen...“

Rock'n'Roll – das ist auch immer der Gedanke an die USA. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie sehr Rock'n'Roll ist Amerika 2018 noch für euch?

Alec: „Politisch weniger.“
Sascha: „Ja, klar. Aber der amerikanische Traum ist nach wie vor da. Die Historie und all das, was uns begeistert: die Weite, das Freiheitsideal, der Blues, der Country, die Autos, die Motorräder. Es wird auch immer da bleiben. Diesen einen Hampelmann überleben wir.“

Im Podcast führen uns Alec und Sascha durch ihr Studio:


Wollt ihr mit 60 eigentlich noch auf der Bühne stehen?

Sascha: „Ja klar. Das kann man am Alter auch gar nicht festmachen. Wenn man Lust hat zu rocken, funktioniert das auch. Viele ältere Kollegen machen uns das ja vor.“

5 Lieblings-Songs von The BossHoss:


Im Dezember seid ihr bei „The Voice Senior“ zu sehen für Kandidaten ab 60 Jahren. Mit welchen Erwartungen seid ihr in diese Show gegangen?

Alec: „Wir waren genauso neugierig, wie alle anderen, die von dem Konzept hören. Du fragst dich erst, ob das ein Roland-Kaiser-Schlagerfest wird. Richtung Kaffee- und Kreuzfahrt. Aber im Gegenteil. Wir waren positiv überrascht. Das sind alles coole, ältere Leute zwischen 60 und 80. Wenn ich in dem Alter auch noch so drauf bin: Herzlichen Glückwunsch! Die haben Spaß an der Musik, sind nicht so verbissen, denken auch nicht an eine neue Karriere. Die haben einfach Bock und sind dankbar für das Publikum und das Abenteuer.“

Mit wem würdet ihr euch gern auf 'ne Coke treffen?

Sascha: „Du meinst auf 'ne Whiskey-Cola?“
Alec: „Ich würde gerne mal mit Dave Grohl hier eine Session machen, dem Sänger der Foo Fighters. Wir machen hier bei uns im Internashville Studio auch die Internashville Sessions, da hatten wir schon viele Künstler zu Gast. Da würde Dave Grohl auf eine Whiskey-Cola gut reinpassen.“

Das Album „Black Is Beautiful“ von The BossHoss erscheint am 26. Oktober.

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