ES ZIEHT ein wenig, so wie in vielen Backstage-Bereichen. Die Einrichtung: abgerockt, wie es sich gehört. Sofi Tukker hingegen: frisch, wach und entspannt. Noch in Jogginghosen. In drei Stunden wird das anders sein. Dann werden diese beiden freundlichen, ja beinah zurückhaltenden jungen Menschen als echte stage animals die Bühne des Docks in Hamburg betreten.

Ihr erster viraler Hit „Drinkee“ war in einer Apple-Watch-Werbung zu hören und brachte ihnen eine Grammy-Nominierung in der Kategorie „Best Dance Recording“ ein. Kein schlechter Auftakt, denn es war auch der erste Song, den sie überhaupt gemeinsam geschrieben hatten. Das Glück und auch Apple blieben ihnen treu: Ihr Song „Best Friend“, lief 2017 in der iPhone-X-Werbung, und plötzlich waren Sofi Tukker einfach überall.


Die Sache mit dem Namen: Eigentlich hätten Sophie Hawley-Weld, 26, und Tucker Halpern, 28, auch gern so einen griffigen Superduper-Bandnamen gehabt. Doch nach monatelanger erfolgloser Suche beschlossen sie, einfach mit ihren Vornamen vorlieb zu nehmen. Andere Dinge waren ihnen wichtiger: der Aufbau ihres eigenen Labels „Animal Talk“, das Styling ihres Stage Designs und nicht zuletzt: die Musik. Tuckers elektronische Beats, Sophies portugiesische Texte, die Mischung aus klassischem Bossa Nova und Dance-Elementen – das macht Sofi Tukker umwerfend und einzigartig.

Gerade haben sie auf dem Lollapalooza-Festival in Berlin gespielt. Heute im Docks in Hamburg. Als nächstes: Zürich, London, Amsterdam, Paris, Las Vegas. So sieht der Kalender von Leuten aus, die gerade die Welt erobern. Die beiden haben sogar ihre Wohnungen in New York aufgegeben, weil sie nur noch auf Tour sind. Ein Gespräch über Heimat und Freundschaft.

Sofit Tukker im Docks, Hamburg
BÜHNENTIERE: Sofi Tukker auf der Bühne im Docks
Photo Credit: @mattcardinal91

Coca-Cola Classic, Zero Sugar oder light taste?

Tucker:Classic, aber in der Glasflasche. Das ist die Beste!“

Sophie: „Classic – mit Sofi Tukker auf dem Label!“

Wie habt ihr euch kennengelernt und seid dazu gekommen, miteinander Musik zu machen?

Sophie:Wir haben zusammen studiert. Wir waren beide an der Brown University in Rhode Island, haben uns aber bis zum Abschlussjahr nie kennengelernt. Und als wir uns kennenlernten, trat ich gerade in einer Kunstgalerie auf.

Tucker:Lass uns zurück zum Anfang gehen…

Sophie: „Noch davor?“

Sofi Tukker
INSPIRATION auf den ersten Blick. Aber zuvor studierten Sophie und Tucker jahrelang aneinander vorbei

Tucker:Ja. Also wir haben komplett Unterschiedliches studiert. Ich spielte Basketball. Mein ganzes Leben wollte ich professionell spielen. Ich liebe Musik, habe aber nie darüber nachgedacht, selbst Musik zu machen. Dann wurde ich krank, musste ein Jahr an der Uni pausieren und war acht Monate bettlägerig. Ich wusste nichts mit meiner Zeit anzufangen, weil ich nicht mal laufen konnte. Also habe ich mir beigebracht, auf meinem Laptop Musik zu machen. Das war der Moment, wo ich der Musik verfallen bin. In meinem Abschlussjahr habe ich mit dem Auflegen angefangen und Sophie getroffen.

„Wir haben sofort angefangen, zusammen Musik zu machen – und nicht mehr damit aufgehört.“

Sophie: „Und ich habe portugiesische Musik gemacht. Als ich von meinem Auslandssemester zurückkam, vermisste ich die portugiesische Musik. Tucker hat noch an Ort und Stelle einen Song remixed. Wir haben also sofort angefangen, zusammen Musik zu machen – und nicht mehr damit aufgehört.“

Ihr hattet gemeinsame Freunde, aber ihr wart nicht von Anfang an befreundet, richtig?

Tucker: „Ich hatte sie vorher noch nie gesehen, bis ich sie singen hörte. Und das, obwohl wir vier Jahre zur selben Universität gegangen sind.“

Wie hat sich eure Beziehung dann entwickelt?

Tucker: „Als ich Sophie mit ihrem Jazz-Trio spielen hörte, dachte ich: Das klingt wirklich schön, aber auch ein bisschen langweilig. Aber ich dachte auch, dass es, gemixt mit elektronischer Musik, etwas ganz Besonderes werden könnte, das ich so noch nie vorher gehört habe. Im ersten Jahr haben wir hauptsächlich Musik gemacht und sind erst Freunde geworden, als wir uns besser kennenlernten.“

„Als der Türsteher mich fragte, ob der Typ da zu mir gehört, sagte ich einfach: Nö.“

Ihr wart zum zweiten Teil eurer Welttournee gerade erst in Berlin. Ihr habt dieses Jahr euer Musiklabel „Animal Talk Records“ gegründet und als erstes eure Freundin Rokky aus Berlin unter Vertrag genommen. Habt ihr einen Lieblingsort in Berlin?

Tucker: „Das Berghain ist super. Das war unsere allererste Show. Wir sind so um fünf Uhr morgens ins Berghain…“

Sophie: „Ich hab ne tolle Story!“

Tucker: „Erzähl du die Geschichte…“

Sophie: „Ich war ganz in weiß angezogen und hatte Glitzer im ganzen Gesicht. Alle anderen in der Schlange waren ganz in Schwarz angezogen. Tucker hatte seine coole Lederjacke an. Tucker meinte die ganze Zeit: Sophie, hör auf zu reden, hör auf zu lachen – HÖR AUF!“

Tucker: „Alle um uns rum sagten halt: Man sollte nicht lachen, reden oder Händchen halten – macht am besten nichts!“

Sophie: „Dann waren wir vorne an der Tür und Tucker wurde nicht reingelassen.“ (lacht)

Tucker:Es war mir sehr peinlich. Ich habe dann noch gewartet, um zu sehen, was mit Sophie passiert.“


Sophie:Ich bin natürlich reingekommen, der Türsteher fragte mich, wie alt ich sei und ich antwortete auf Deutsch. Er war überrascht, dass ich Deutsch sprach und fragte mich, ob der Typ da zu mir gehöre. Ich sagte einfach: „Nö“. (lacht). Er fragte mich noch einmal, ob ich mir sicher sei. Ich antwortete: „Ja, ist ja gut, er gehört zu mir.“ Dann haben sie uns alle reingelassen.“

Tucker: „Ja super… Sophie hat mich ins Berghain gebracht.“ (lacht)

Sophie: „Ich konnte es nicht glauben. Ich bin genau das Gegenteil von dem, was man für das Berghain erwartet.“

Ich dachte, ihr sagt: Wir sind SOFI TUKKER – kennt ihr uns nicht?“

Tucker (ironisch): „Sowas würde ich nie tun.“

Sophie: „Die Geschichte wird noch besser!“

Sophie:Ein paar Monate später schreibt mir eine Freundin eine SMS. Sie war im Berghain und der Türsteher fragte: Hey, wie geht’s dem Mädel in Weiß mit dem ganzen Glitzer? Du bist das letzte Mal doch mit SOFI TUKKER ins Berghain gekommen!“

Tucker:Wir müssen unbedingt noch mal ins Berghain gehen.“

Sofi Tukker - Selfie
SELFIE im Backstage-Bereich: Sofi Tukker mit ihrer persönlichen Coke
Photo Credit: @mattcardinal91

Sophie, du bist in Frankfurt am Main geboren, und die ersten vier Jahre in Deutschland aufgewachsen. Hast du noch Erinnerungen an Deutschland?

Sophie: „Meine Erinnerungen sind zum größten Teil aus späterer Zeit, weil ich für ein Austauschprogramm oft in Dresden war. Ich habe aber eine Erinnerung: Als ich zwei Jahre alt war, lief ich verkleidet in hohen Schuhen und vielen Ketten um den Hals in der Gegend rum. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war und jemand hat mich eingesammelt und nach Hause gebracht, als ich gerade über eine Hauptstraße wollte.“

Also bist du schon früh zu großen Abenteuern aufgebrochen…

Sophie: „Das stimmt, aber sonst habe ich schöne Erinnerungen an unseren Garten, in dem ich mit den Kindern der Nachbarschaft gespielt habe. Es war ein toller Ort, um aufzuwachsen.“


Tucker, du hast mal erwähnt, dass du dieses Jahr deine Wohnung in New York City aufgegeben hast, um voll und ganz auf Tour zu leben. Sophie, du hattest zu dem Zeitpunkt deine Wohnung noch.

Sophie: „Nicht mehr.“

Jetzt tourt ihr beide also nur noch um die Welt. Was macht ihr, um euch zu Hause zu fühlen oder einen Hafen zu haben, um auch mal runterzukommen?

Sophie: „Wir haben jetzt natürlich unseren Tour-Bus.“

Tucker:Wir sind dauernd unterwegs. Um Weihnachten herum haben wir etwas freie Zeit. Ich besuche meine Eltern in Florida und Sophie geht wahrscheinlich nach Genf zu ihrer Familie. Aber ansonsten: immer auf Tournee. Aus dem Koffer zu leben ist nicht für immer, aber aktuell ist es einfach großartig.“

Sofi Tukker und ihr book tree
DIE SOUNDS wachsen auf dem Baum: Sofi Tukker und ihr „book tree“

Wie man in euren Videos und auf der Bühne sehen kann, habt ihr immer einen „Buchbaum“ dabei. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen, Bücher aufzuhängen und mit Drumsticks darauf zu spielen?

Tucker: „Wir haben über die Performance nachgedacht und wollten etwas Außergewöhnliches machen. Da wir nur zu zweit sind und viele elektronische Elemente haben, können wir nicht alles gleichzeitig spielen. Wir würden sonst nicht mehr nach oben schauen können, weil wir die ganze Zeit unsere Geräte bedienen. Aber wir wollten uns auf der Bühne bewegen. Also suchten wir nach einer Möglichkeit, auf etwas zu schlagen. Wir haben Verschiedenes ausprobiert. Zum Beispiel haben wir Obst auf Ständern befestigt, das hat mit dem Kontaktmikrofon super funktioniert.

Sophie und Tucker: (gleichzeitig) „Bis die Früchte matschig wurden“ (lachen)

Tucker:So sind wir dazu gekommen, Bücher zu nehmen. Es fing als kleinerer Baum mit Büchern an. Aber auch diese Bücher waren irgendwann verschlissen. Jetzt haben wir festere Bücher, die wir dekoriert haben und der Baum hat mittlerweile eine stattliche Größe.“


Es ist also nicht nur eine Show-Deko, sondern ihr spielt wirklich die Beats mit euren Schlägen an dem Baum?

Sophie:Es ist wirklich ein richtiges Instrument!“

Tucker:Wie ein überdimensionales Drumpad.“

5 Lieblings-Songs von Sofi Tukker:


Habt ihr eine Message für Menschen, die noch auf der Suche nach der richtigen Inspiration sind?

Sophie:Ich erinnere mich, als ich das erste Mal von meinem Plan erzählte, Portugiesisch zu studieren, weil ich Portugiesisch singen wollte. Die Reaktionen waren: Warum? Wo soll das hinführen? Ich hatte darauf keine Antwort, aber ich wusste, ich wollte es unbedingt machen. Mach die Sachen, für die du lebst und die dir jede Menge Spaß bringen, auch wenn du noch nicht weißt, was das Ziel ist oder wo es hinführen soll. Wenn es dich inspiriert und du dich lebendig fühlst, wenn es deine Leidenschaft ist, wird irgendwann alles Sinn ergeben.“

Mit wem würdet ihr euch gerne mal auf ´ne Coke treffen?

Tucker: „Wir sind in Deutschland, also sage ich: Dirk Nowitzki.“

Sophie: „Meine Freundin Mary, weil ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe.“

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