EIN PERFEKTER SOMMERTAG in Berlin. Schauspieler Samuel Schneider kommt ganz entspannt in den Zoo-Palast, das altehrwürdige Kino unweit der Gedächtniskirche. Hier feierte 1927 schon der Stummfilm-Klassiker „Metropolis“ Premiere. Der 23-Jährige mag es farbenfroh, trägt gelbe Sneakers, rote Socken und blaue Kappe. Und hat eine halbe Zitrone in der Hand. „Damit laufe ich nicht immer rum, die hat man mir vorhin für ein Fotoshooting in die Hand gedrückt“, erklärt Samuel. Die Zitrone wirft er aber nicht weg, sondern in das Wasser, das er an der Bar bestellt.

Der Sohn einer deutschen Hausbesetzerin und eines türkischen Surflehrers wächst in Berlin-Wedding auf. Er spielt schon mit zehn Jahren am Berliner Ensemble Shakespeare, bekommt mit 13 seine erste Filmrolle und ist in hochgelobten Dramen wie „Boxhagener Platz“ (2010) und „Exit Marrakesch“ (2013) von Caroline Link zu sehen. Er coacht nebenbei Kinder und Jugendliche in der Schauspielerei, lernt Sprachen und spielt nun die Hauptrolle im neuen Film von Detlev Buck.

An der Seite von Jannis Niewöhner oder Kida Ramadan spielt Samuel Schneider den türkischstämmigen Atris. Der Kleinkriminelle will nicht mehr nur der Handlanger seines Bosses sein und findet sich unfreiwillig in einer irren Jagd nach Geld, Drogen und einem goldenen Lamborghini wieder. Wir sprechen mit Samuel über Berlin als Heimat und Drehort.


Coca-Cola Classic, Coke light, Coke Zero Sugar?

„Am liebsten Wasser.“

Du bist Berliner, der Film spielt in Berlin. Hattest du Verbindung zu einzelnen Drehorten?
„Es war schon lustig, am Kottbusser Tor zu drehen, an dem ich regelmäßig vorbeikomme. Einmal haben wir direkt vor meiner Lieblingsbar gedreht, aber das musst du dann ausblenden. Wenn dich alle Ecken an deine eigene Geschichte erinnern, ist das nicht so einfach. Es hat seine guten und schlechten Seiten.“

Du kommst wahrscheinlich in Versuchung, aus deiner Rolle zu schlüpfen...
„Richtig. Wenn du am Arsch der Heide drehst, wo du noch nie warst, bleibst du leichter in der Geschichte des Films. Aber es war mal schön, zuhause zu drehen und einen richtigen Berlin-Film zu machen. Das ist meine Stadt, und der Film zeigt die Stadt, wie man sie meiner Meinung nach noch nie gesehen hat.“

Lambo
ICH BIN so wild nach deinem Lambo: Samuel Schneider (hier mit Ella Rumpf) durfte nicht selbst fahren

Habt ihr die Drehorte abgesperrt?
„Nein, wir waren mittendrin. Wir haben eine Woche am Kotti gedreht. Ich stand bei einigen Szenen auf der Terrasse der Bar Xara Beach und habe Kumpels gesehen, die unten vorbeigelaufen sind und hoch gerufen haben. Wir haben hier am Zoo im Auto gedreht. In Berliner Nächten ist es voll auf den Straßen und der ein oder andere möchte dann gerne mit in den Lambo steigen.“

„Wenn der Kotti Teil deines Kiezes ist, ist er einfach Teil deines Lebens und das Leben ist schön“


Viele, die nicht in Berlin wohnen, haben ein ziemlich schlechtes Bild vom Kottbusser Tor...

„Wenn ich in einer Kleinstadt wohnen und die ganzen TV-Dokus über den Kotti gucken würde, dann würde ich mich sicher auch nicht trauen, dort hinzugehen. Aber wenn der Kotti Teil deines Kiezes ist, ist er einfach Teil deines Lebens und das Leben ist schön. Überall in Großstädten passiert Scheiße. In einer Nacht kotzt jemand gegen die Wand, an derselben Stelle küsst sich in der nächsten Nacht ein Paar zum ersten Mal, jemand wird zusammengeschlagen oder hat die Idee seines Lebens. Es passiert viel und das macht es so lebendig.

5 Fragen – 5 Entscheidungen:


In „Asphaltgorillas“ geht es um kleine Ganoven und große Clans. Wie erlebst du das Phänomen in Berlin?
„Ich bin auch immer wieder überrascht. Kürzlich wurden 70 Immobilien von Clanmitgliedern hochgenommen. Aber man kriegt das ja gar nicht so mit. Tagsüber fahren sie im dicken Mercedes die Adalbertstraße lang und der Sohnemann sitzt daneben, nachts dann ohne Sohnemann. Aber in unserem Film bedienen wir auch ein, zwei Klischees. Klar.“

Samuel Schneider - Selfie
MITTENDRIN: Samuel Schneiders Selfie beim Interview

In deiner Filmfamilie wird die Tradition hochgehalten, du sollst auch mit einer fremden Frau verheiratet werden. Ist das nur ein Klischee oder kann das passieren?

„Nein, so etwas passiert schon noch. Hier spürt man auch den Einfluss des Drehbuchautors Cüneyt Kaya. Im Film fragt mich mein Opa, warum ich nicht auf türkische Frauen stehe und ich sage: 'Ich mag einfach schwarze Haare auf Armen nicht'. Den Satz hat Cüneyt wirklich mal gesagt. Manchmal ist es einfach. Es heißt nicht, dass jemand etwas gegen Herkunft oder Tradition hat. Er mag einfach die Haare auf den Armen nicht.“

Hier spielt uns Samuel Schneider seine Lieblingssongs auf dem Handy vor und verrät, wie er sich auf die Nachtdrehs zu „Asphaltgorillas“ vorbereitet hat:


5 Lieblingssongs von Samuel Schneider:


Dein Vater kommt aus der Türkei. Bist du auch mit Traditionen aus seinem Land aufgewachsen?
„Nein, mein Vater war ein Ausreißer. Ich habe noch Familie in der Türkei, die zum Teil auch muslimisch sind, aber nicht streng religiös. Meine Mutter war Hausbesetzerin, mein Vater Surflehrer. Er ist eher vor Traditionen geflohen.“ 

„Ich habe schon Münchner und Wiener gespielt. Schön, dass meine türkische Hälfte jetzt auch gesehen wird.“


Es gibt Schauspieler, die zwei Wurzeln haben und immer nur als Deutsch-Türke gecastet werden. Bei dir war das eigentlich nie der Fall...

„Nein, das ist tatsächlich meine erste Rolle, in der ich einen Türken spiele. Das freut mich sehr. Es ist einfach eine schöne Sache, dass diese Hälfte in mir auch gesehen wird. Ich habe schon Münchner und Wiener gespielt. Und dass jetzt der Türke rauskommt, hat mich sehr gefreut.“

Woran liegt es, dass du noch nie in Betracht gezogen wurdest für diese Rollen. Ganz banal an deinem deutsch klingenden Namen?
„Ja, man hat das einfach nicht so wahrgenommen. Als Kind hatte ich hellblonde Haare, mittlerweile Haare auf der Brust. Ich sehe inzwischen sehr türkisch aus, wie mein Vater.“ 

Samuel Schneider am Set mit Detlev Buck
BAUCHGEFÜHLE: Samuel Schneider am Set mit Detlev Buck

Detlev Buck wird oft als positiv verrückt bezeichnet. Wie hast du ihn am Set erlebt?

„Er handelt aus dem Bauch heraus und weiß genau, was er macht. Ein sehr schlauer Mann. Oft hat er keine konkreten Regieanweisungen gegeben, sondern eher Laute von sich gegeben. Irgendwann kann man diese dann decodieren und übersetzen. Ich finde vor allem den Cast faszinierend. Selbst die kleinsten Rollen sind brillant besetzt und brauchen gar keine große Einführung. Du siehst eine Aufnahme und kennst die Figur. Das ist das Talent von Buck. Die verschiedenen Schauspieler so in das Gemälde zu packen, dass es am Ende ein stimmiges Bild ergibt. Darauf kann man vertrauen.“

Detlev Buck mit der Besetzung von „Asphaltgorillas“
GUT GESPIELT: Detlev Buck mit der Besetzung von „Asphaltgorillas“

Der Cast zeigt auf jeden Fall Experimentierfreudigkeit. Neben Charakterdarstellern spielen Influencerin Stefanie Giesinger oder Poetry-Slammerin Julia Engelmann mit...

„Richtig, aber so sehe ich sie ja nicht. Ich treffe sie am Set als Schauspielerinnen. Ein Mensch ist vielseitig, kann Musik machen, auf der Bühne stehen. Sie haben gut gespielt. Ich glaube ihnen das. Solange die Figur stimmt, ist mir egal, ob jemand Influencer ist. Solange nicht wie in Amerika irgendwelche Basketballspieler besetzt werden, obwohl es keinen Sinn macht, ist alles okay.“

Mit wem würdest du dich gern auf 'ne Coke treffen?
„Ich finde, Stefan Zweig ist ein großer Mann. Einer der größten Schriftsteller. Aber ich sage Louis Armstrong. So ein feiner, warmherziger Musiker. Ich glaube, der Lifestyle als Jazzmusiker war damals sehr anstrengend. Wie man trotzdem so ruhig und warmherzig bleiben kann, würde mich sehr interessieren.“

„Asphaltgorillas“ kommt diese Woche ins Kino.

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