VON DER DECKE hängen bunte Socken, in der Ecke steht ein leerer Bierkasten, gelbe Luftballons liegen im Raum verteilt: Wir sind zu Besuch bei Milows Plattenfirma. In den Großraumbüros arbeiten vornehmlich junge, hippe, gut gelaunte Menschen. Als Milow den Raum betritt – und direkt unter den bunten Strümpfen steht, wirkt er mit seiner schwarzen Basecap und den weißen Sneakers geradezu seriös.

Jonathan Ivo Gilles Vandenbroeck, so heißt er bürgerlich, gehört zu den großen Chartbreakern. Hits wie „Ayo Technology“, „You Don’t Know“ oder „You And Me (In My Pocket)“ laufen im Radio rauf und runter.


Auch zehn Jahre nach seinem Durchbruch tourt der reiselustige Musiker nahezu ununterbrochen durch Europa. Derzeit ist er neben Brian Ferry und Tim Bendzko Headliner der Konzertreihe „Night of the Proms“. In der Kinokomödie „100 Dinge“ mit Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz ist Milows Song „Lay Your Worry Down“ ab dieser Woche als Titelsong zu hören. Und: Im nächsten Frühjahr ist er neben Wincent Weiss, Jeanette Biedermann und anderen in der Vox-Show „Sing meinen Song“ zu sehen. Ein Gespräch über die kleine Heimat und die große Welt.

Coca-Cola Classic, Coke light, Coke Zero Sugar?
„Ich trinke es nicht täglich, aber wenn, dann die normale Coke. Mit Zucker und Koffein.“

Du bist sehr viel unterwegs. Wann warst du das letzte Mal zuhause?
„Ich war gestern Vormittag ein paar Stunden zuhause. Aber normalerweise habe ich nicht lange Zeit. Gerade mal so, um die Wäsche zu waschen. Aber das ist okay. Im Dezember bin ich nur zwei Nächte bei mir in Belgien, ansonsten in Hotels.“

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Und das geht die letzten zehn Jahre so...
„Ja, stimmt. Aber ich habe einiges verändert vor fünf, sechs Jahren. Mittlerweile wohne ich in Belgien und Los Angeles. Das erlaubt mir, etwas öfter im eigenen Bett zu schlafen. Das funktioniert ganz gut. Vier Monate im Jahr bin ich unterwegs, den Rest verbringe ich in Belgien oder Kalifornien.“

„Ich mag es, auf Reisen Sachen zu vermissen. So habe ich etwas, auf das ich mich freuen kann.“


Du kommst aus der Nähe von Brüssel. Bist du dort mal umgezogen, nachdem du bekannt geworden bist?
„Kurz vor meinem Durchbruch in Belgien habe ich als Student und Barkeeper in einer WG mit drei Freunden gewohnt. Wir haben Playstation gespielt und was Studenten sonst noch machen. Aber wir sind alle mittlerweile einen Schritt weiter im Leben. Ich wohne immer noch in Leuven, wo ich studiert habe. Dort habe ich noch Familie und Freunde. Es ist nur eine kurze Zugfahrt zum Flughafen. Das ist praktisch.“

Im Podcast spricht Milow mit uns auf Deutsch über seine Lieblingsmusik:

Wenn du einen Zwischenstopp zuhause machst: Entspannst du oder triffst du dich mit Freunden?
„Eine Kombination. Ich treffe mich gerne mit Freunden, die ich länger nicht gesehen habe. Aber ich nutze die Zeit auch für ganz praktische Dinge. Ich beantworte Mails, wozu ich auf Tour meist nicht komme.“

5 Lieblingssongs von Milow:


Was vermisst du während einer Tour?
„Generell mag ich es, auf Reisen zu Sachen vermissen. So habe ich etwas, auf das ich mich freuen kann, wenn ich nach Hause komme. Lange Zeit hatte ich das nicht, mittlerweile mache ich mir das aber bewusster. Momentan spiele ich um die 20 Shows am Stück und freue mich, Weihnachten und Silvester in Los Angeles zu verbringen. Dadurch weiß ich, wofür ich das Ganze mache. Ich mag es mittlerweile, in dieser Blase zu leben und konzentriert zu arbeiten. Du musst nur wissen, dass du ab und zu mal da raus musst. Auf Tour wird dir jeden Abend um 18 Uhr das Abendessen gebracht. Das darfst du aber nicht als selbstverständlich erachten. Wenn die Tour vorbei ist, musst du dich wieder selbst darum kümmern. Es ist nicht das wahre Leben.“

„Es gibt wenige Menschen, die viel reisen und dennoch starre Sichtweisen und Vorurteile haben.“


Das Reisen hast du ja schon vor deiner Karriere geliebt...
„Absolut. Ich habe immer davon geträumt, mit meiner Gitarre unterwegs zu sein und zu reisen. Das habe ich mir erfüllt, wofür ich sehr dankbar bin. Als Songwriter solltest du ohnehin ein Leben führen, das es wert ist, Songs darüber zu schreiben. Beim Reisen bekommst du auf viele Dinge eine ganz andere Sichtweise. Und darüber kannst du dann gute Lieder schreiben.“

Milow - Selfie
ALLES relativ: Milows Selfie beim Interview 

Du lernst beim Reisen auch Toleranz...
„Ja. Es gibt wenige Menschen, die viel reisen und dennoch starre Sichtweisen und Vorurteile haben. Die verschwinden in der Regel, wenn du viele verschiedene Menschen triffst. Du glaubst an etwas, das für dich die absolute Norm ist. Und plötzlich erlebst du das genaue Gegenteil davon. Dadurch merkst du, dass alles im Leben relativ ist.“

Du lebst in zwei Welten. Wie sehr unterscheiden sich Europa und die USA aus deiner Sicht?
„Es gibt da schon Dinge. Es ist aber schwer, sie so spontan zu benennen. Kalifornien gehört zwar zu den USA, ist aber nochmal ganz anders und steht für viel Gutes, das Amerika zu bieten hat. Die Offenheit der Menschen, die Werte. Aber es gibt auch dort einige Unterschiede, die du nicht sofort erkennst. Dafür musst du eine Zeit dort leben. Natürlich polarisiert dieses Land. Mich fragen Leute, wie ich in den USA unter Donald Trump leben kann. Das empfinde ich als sehr oberflächlich. Als Bush Präsident war, sind viele meiner Freunde nicht mehr in die USA gereist. Unter Obama sind dann wieder alle in den Urlaub dorthin geflogen. Jetzt bleiben sie wieder zuhause.“

Milow - Reisen
BEIM REISEN lernst du dich selbst besser kennen, sagt Milow 

Obwohl die Menschen in den USA immer noch die gleichen sind...
„Exakt. Obama und Trump stehen beide für Teile der Gesellschaft. Aber Kalifornien hat nicht für Trump gestimmt. Millionen sind gegen ihn auf die Straße gegangen. Das ist vielleicht ein Unterschied: Hier denken wir oft sehr klein und regional. Belgien hat elf Millionen Einwohner und zwei Sprachgemeinschaften. Es ist recht klein. Amerika ist riesig und vereint im Prinzip viele Länder. Mehrere Zeitzonen, mehrere Typen von Menschen, diverse Kulturen. Es läuft dort nicht alles so gut wie in Europa. Aber es ist auch nicht alles so schlecht, wie es hier oft gemacht wird.“

„Als Tourist bist du in deinem eigenen Universum und lernst in der Regel keine Einheimischen kennen.“


Wie erkundest du Städte – etwa Los Angeles?
„Los Angeles ist natürlich riesig, das sind ja 80 kleine Städte. Wenn ich aber Orte wie Berlin erkunden will, in denen ich oft nur 24 Stunden bin, fange ich im Kleinen an. Ich setze mich nicht ins Taxi, um alles an einem Tag zu entdecken. Ich versuche erst, einen Kiez kennenzulernen und lasse mich dann treiben. Sonst wird es schnell oberflächlich und es geht nur darum, Fotos zu machen. Ich bin das erste Mal mit 17 Jahren geflogen, damals nach San Diego für einen Austausch. Seitdem achte ich beim Reisen darauf, Menschen kennenzulernen. Und das ist ziemlich schwer. Als Tourist bist du in deinem eigenen Universum und lernst in der Regel keine Einheimischen kennen.“

So geht es dir auf Tour sicher auch...
„Das stimmt. Man sollte keine großen Erwartungen haben. Du musst dir klarmachen, dass du nicht das letzte Mal in einem bestimmten Ort sein wirst. Dann kannst du dich entspannen.“

Wie schwer war es für dich, mit dieser Lust auf die große Welt in einem kleinen Land wie Belgien aufzuwachsen?
„Es war für mich immer klar, dass ich die Welt sehen will. Nicht nur, weil ich in einer kleinen Stadt eines kleines Landes ausgewachsen bin. Ich wollte mich selbst besser kennenlernen und raus aus meiner Komfortzone. Beim Reisen lernst du dich besser kennen. Wie du mit anderen Menschen umgehst. Wenn du neue Freunde findest, die ganz woanders wohnen, ist das ein ganz spezielles Gefühl. Leider hören viele Leute irgendwann damit auf, neue Freundschaften zu knüpfen. Sie sind einfach zufrieden mit den Freunden, die sie lange kennen. Aber ich kann nur empfehlen, offen für neue Freundschaften zu sein. In solchen Fällen hast du oft viel mehr gemeinsam. Nicht die gleiche Schule oder dieselben Freunde. Sondern die gleichen Interessen. Das kann dir sehr viel geben. Ich mache das regelmäßig und finde das sehr wohltuend.“

„Ich war lange Zeit frustriert, dass ich kein guter Freund sein kann, weil ich ständig unterwegs bin.“


Wenn du auf Reisen keine neuen Leute ansprichst, weißt du nie, was dir entgeht...
„Ja, Freundschaften werden gestärkt durch gemeinsame Erlebnisse. Wenn du mit jemandem einen Monat lang reist oder ihn am anderen Ende der Welt kennenlernst, kann das sehr einschneidend sein. Und es kann sich eine tolle Freundschaft entwickeln. Aber um das klar zu stellen: Ich bin froh, dass ich so viele alte Freunde habe, die mich schon vor meiner Zeit als Milow kannten. Ich mag diese Kombination. Ich war lange Zeit frustriert, dass ich kein guter Freund sein kann, weil ich ständig unterwegs bin. Jetzt habe ich eine andere Sichtweise. Qualität geht über Quantität. Manchmal gibt es einem mehr, wenn man sich nicht so oft sieht, dann aber einen schönen Abend in der Bar verbringt.“

Gab es denn einen Moment, als du realisiert hast: Jetzt habe ich es geschafft.
„Es gab mehrere Momente, die mir Mut gemacht haben. Zu Beginn waren das kleine Momente. Als ich meine eigenen Songs in einem Café gesungen habe und die Besucher waren ganz still oder haben mitgesungen. Solche Momente haben mir immer Hoffnung gegeben, auch wenn mir andere die Tür vor der Nase zugeschlagen haben. Später waren es dann die großen Festivals oder ausverkaufte Konzerte. Ich erinnere mich, dass ich in Deutschland zu Beginn in einer Woche so viele Platten verkauft habe, wie die zwei Jahre zuvor in Belgien. Das hat mich umgehauen.“


Und jetzt sind wir zwischen den Jahren 2018 und 2019: Dein Lied „Lay Your Worry Down“ ist der Titelsong für die Komödie „100 Dinge“ und im Frühjahr machst du bei „Sing meinen Song“ mit...
„Ja, das ist das erste Mal, dass mir das passiert. Das erste Mal, dass ein Film einen meiner Songs als Soundtrack nutzt. Und ich habe Fernsehshows immer abgelehnt. Denn viele hatten mit Musik nicht viel zu tun. Ich will kein Promi sein, es geht mir um die Musik. Aber zehn Jahre nach meinem Durchbruch in Europa erlaube ich mir mal, auf diese Zeit zurückzuschauen. Und die Sendung passt da wunderbar rein. Ich bin auch neugierig, was andere Künstler aus meinen Songs machen.“

Mit wem würdest du dich gern auf 'ne Coke treffen?
„Alec Benjamin. Das ist ein toller Typ und der beste Singer-Songwriter, den ich aktuell kenne. Ich würde gern mal zusammen mit ihm etwas schreiben.“

„100 Dinge“ startet diese Woche im Kino.

Milow auf Tournee mit Night Of The Proms.

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