BERLIN, ein Hotel in Ku-Damm-Nähe. Direkt vor dem Eingang parkt ein alter Mercedes-Bus, Modell 303. Es ist aber kein normales Wohnmobil, es ist ein Filmset. Der weiß-braune Bus mit diversen Polaroids an der Seitentür gehört Regisseur Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“). Der Österreicher hat ihn vor Jahren selbst gekauft und schallgedämmt. Jetzt sitzt er im Innenhof des Hotels und erzählt Journalisten die unglaubliche Geschichte hinter seinem Roadmovie „303“. 


In den Hauptrollen: Mala Emde, 22, und Anton Spieker, 29. Sie spielt 2015 in einem Doku-Drama „Anne Frank“, gewinnt für ihre erste Hauptrolle gleich den Bayrischen Fernsehpreis. Er überzeugt 2017 als „irre guter Mörder“ („Bild“) im „Polizeiruf 110“. In „303“ begeben sich die beiden auf ein Abenteuer – im Film und im wahren Leben. Denn der Film, den Weingartner selbst finanziert hat, ist alles andere als normal.

Anton Spieker und Mala Emde in „303“
DIE FRAGEN des Lebens: Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) diskutieren

Die Story: Die beiden Berliner Studenten Jule und Jan kennen sich nicht, fahren aber gemeinsam mit Jules Wohnmobil nach Portugal. Sie will dort ihren Freund besuchen, er seinen leiblichen Vater finden. Auf der Reise unterhalten sich die beiden Fremden darüber, wie moralisch ein Suizid ist, wie gut oder schlecht Kapitalismus ist und ob Darwin mit seiner Evolutionstheorie Recht hatte. Schwere Kost für einen Roadtrip in den Süden.

Anton Spieker und Mala Emde in „303“
DRITTE Hauptrolle: das 40 Jahre alte Wohnmobil

Das Besondere: Eigentlich passiert während der zwei Stunden nicht allzu viel. Zwei Menschen unterhalten sich einfach. Die Dialoge, die Weingartner entworfen hat, sind aber so tiefgreifend und stark, dass man den beiden Protagonisten einfach zuhören muss. Sie regen den Zuschauer an, selbst Position zu ziehen. Was bringt die Menschheit weiter? Kooperation oder Konkurrenz? Ist Küssen wirklich nichts anderes als ein Gen-Check?

Emde und Spieker sind die Reise nach Portugal vor zwei Jahren tatsächlich mit einem kleinen Team angetreten. Die beiden sind selbst gefahren, haben im Camper geschlafen, Regisseur Weingartner filmte vom Amaturenbrett aus – während der Fahrt. Wir haben uns mit Mala Emde über den ungewöhnlichen Dreh unterhalten. 

Mala Emde - Selfie
SELFIE vor der Tür: Mala Emde in Berlin

Wir fangen philosophisch an: Coca-Cola, Coke light, Coke Zero Sugar?

„Original Coca-Cola, aus Glasflaschen, ganz kalt.“

Hast du privat schon mal Anhalter mitgenommen oder bist mitgenommen worden?
„Ja. Wenn ich Anhalter sehe und Platz im Auto habe, nehme ich sie eigentlich immer mit. Carsharing macht ja sowieso Sinn.“

Es gibt ja zwei Strategien als Mitfahrer: Schlafen oder mit dem Fahrer ein Gespräch anfangen. Wie ist das bei dir?
„Es kommt drauf an. Manchmal ist man gesellschaftsfähig, manchmal nicht. In dem Fall sollte man besser keine Gespräche führen. Das ist im Film ja auch so. Am Anfang ist Jule nicht bereit, sich zu öffnen. Am Ende ist sie froh, es gemacht zu haben.“

Sind dir noch besondere Mitfahr-Erlebnisse im Gedächtnis?
„Ich bin letztens von Dresden nach Wien gefahren. Es war so viel Stau, dass wir auf Landstraßen ausgewichen sind. Es war schön, andere Lebensgeschichten zu hören. Einer hat seine Freundin besucht und ist für eine Nacht bis nach Ungarn gefahren. Das war herzzerreißend.“ 

Anton Spieker und Mala Emde in „303“
WOHIN geht die Reise?

Im Film sprechen Jan und Jule direkt über sehr tiefgreifende Dinge. Machst du das auch privat ganz gerne oder geht es eher um seichte Themen wie Musik und Serien?

„Auf was man in dem Moment ehrlich Lust hat. Es macht keinen Sinn, eine ernsthafte Diskussion zu forcieren. Das scheitert immer kläglich. Du kannst gute Fragen stellen, aber am Ende musst du schauen, auf welche Themen du selbst Lust hat.“ 

"Über Liebe hätte ich selbst mit Aristoteles diskutieren können."

Welche Themen im Film haben dich privat besonders interessiert?
„Ich habe das Drehbuch gelesen und dachte: Wow! Das ist in einer unglaublichen Dichte zusammengefasst genau das, was meine Generation beschäftigt. Die aktuelle, politische Diskussion wurde natürlich ausgelassen, weil Hans das Drehbuch vor rund zehn Jahren angefangen hat. Damals hat Europa – so scheint es mir – verleugnet, dass politisch nicht alles in Ordnung ist. Wir konnten auf Kosten anderer wahnsinnig gut leben. Da war dann der böse Kapitalismus, den man nicht wirklich greifen konnte. Und dann ist da natürlich das Thema Liebe. Darüber hätte ich selbst mit Aristoteles diskutieren können. Sie wird hoffentlich immer Thema bleiben, weil sie uns zusammenhält.“

Anton Spieker und Mala Emde in „303“
„LANGSAME Annäherung zweier Seelen statt 3 Sekunden Wisch-und-Weg“ – so beschreibt Hans Weingartner die Geschichte von Jule und Jan.

Wie sehr hilft es, wenn die Privatperson den Thesen der Figur zustimmt?

„Mit der Haltung muss ich als Schauspielerin gar nicht übereinstimmen. In meinem Beruf ist es wichtig, in mir ein Bedürfnis zu finden, was adäquat zur Haltung der Figur ist. Beispiel: Ich spiele jemanden, der ein großes Bedürfnis nach Gemeinschaft hat und das ist in dem Fall eine rechte Vereinigung. Meine Aufgabe ist, in mir ein Bedürfnis nach Gemeinschaft zu finden, was mich privat berührt. Jeder von uns hat diesen Punkt, der sich danach sehnt. Und den muss ich finden. Dadurch habe ich einen in meinem Körper sitzenden Antrieb.“

Ihr habt euch ja auch extrem lange vorbereitet…
„Ja. Die Dialoge, die am Ende hoffentlich natürlich wirken, standen Wort für Wort im Drehbuch. Wir haben sehr lange geprobt, haben die Figuren für uns entdeckt und sind die Texte immer wieder durchgegangen. Außerdem hat Hans immer wieder Begriffe reingeworfen, über die wir diskutieren sollten. Damit das Diskutieren in Fleisch und Blut übergeht und es am Ende natürlich rüberkommt.“

Was euch sehr gut gelungen ist…
„Wir haben die Reise von Berlin nach Portugal auch tatsächlich gemacht und haben chronologisch gedreht. Das Besondere für mich war, dass wir ein kleines Team mit nur acht Leuten und zwei Darstellern waren. Das hat ermöglicht, dass wir sehr frei waren. Anton und ich sind größtenteils selbst gefahren und irgendwann hat Anton gesagt: ‚Jetzt machen wir diesen oder jenen Dialog‘. Wir sind dann auch immer wieder umgedreht und haben die Szene nochmal gefilmt. Das ist sehr lebensnah passiert. Kein klassisches Set und abends gehen wir ins Hotel. Das ging nicht. Wir lebten in einer dreimonatigen Blase.“

Wie außergewöhnlich ist so eine Vorgehensweise im Filmgeschäft?
„Ich glaube, für Hans war es nicht einfach, auch was die Finanzierung angeht. So ein Buch zu präsentieren, in dem eigentlich nichts passiert und nur geredet wird, ist echt schwer. Hans meinte immer: ‚In deutschsprachigen Filmen wird meist gewünscht, dass ein Darsteller noch drogenabhängig ist oder irgendetwas anderes Dramatisches passiert.‘ Das ist bei uns nicht so. Wir sind einfach Menschen, die miteinander reden.“

Hier spricht Mala Emde über ihre aufregende Reise nach Portugal und führt uns durch den Mercedes-Bus 303: 


Hans Weingartner hat auch lange gebraucht, die Besetzung zu finden. Ist es für dich nachvollziehbar, dass so ein Dialogfilm nicht jedermanns Sache ist?

„Ich habe das Drehbuch kurz vor dem Casting bekommen und war so dankbar, dass jemand so etwas schreiben kann. Sonst musst du auch bei gut geschriebenen Drehbüchern herausfinden, wie du den Text am besten rüberbringst. Hier dachte ich: Der muss mich abgehört haben. Genauso rede ich.“

5 Lieblingssongs von Mala Emde

Wie wichtig ist in so einem Film die Beziehung zum Co-Star? Ihr wart euch ja auch räumlich sehr nah während des Drehs…
„Anton und ich haben uns irgendwann sehr vertraut. Wir haben uns gesagt: ‚Wir müssen uns immer sagen, wenn es uns gut geht, nicht gut, müssen uns aufbauen und ehrlich miteinander sein‘. Sonst funktioniert es nicht. Ich hatte großes Glück. Es war ein Geschenk, Anton kennenlernen zu dürfen.“

"Ich will meinem Partner jeden Tag die Chance geben, mir zu sagen, wer er heute ist.“

Hast du nach den Dreharbeiten auf Geburtstagen oder anderen Treffen weiter über die Themen im Film diskutiert?
„Ja, klar. Das will ich ja auch, die interessieren mich. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich direkt nach dem Dreh erstmal eine Phase hatte, in der ich gar nicht mehr diskutieren wollte. Aber jetzt auf jeden Fall. Das ich auch so spannend, über diese Themen immer wieder zu reden. In meinem Alter entwickelt man sich gefühlt täglich. Immer wieder neu über diese Sachen nachzudenken, macht Spaß.“

Jan und Jule wissen nach ihrem ersten, zugegebenermaßen sehr langen, Date quasi alles über sich. Ist es in einer Beziehung nicht generell langweilig, wenn man schon alles über den anderen weiß?
„Ich glaube nicht, dass das langweilig ist. Ich weiß auch nicht, ob es in einer Beziehung darum geht, den anderen kennenzulernen. Es ist doch schön, den anderen Stück für Stück ganz nah an dich ranzulassen. Und das dann auszuhalten. Ich will meinem Partner jeden Tag die Chance geben, mir zu sagen, wer er heute ist.“

„Ich würde mich gerne mal mit Patty Smith unterhalten. Die hat ihre eigene Welt und eine Haltung.“

Eure beiden Charaktere fliehen aus Berlin und vor ihren Problemen. Es wird generell immer härter: der Kampf um Jobs, Studienplätze, Wohnungen. Wie sehr hast du das in Berlin miterlebt in den vergangenen Jahren?
„Es ist eine Realität, die da ist. Die Stadt entwickelt sich. Ich bin auf dem Weg hierher an den Yorckbrücken vorbeigefahren. Auf einmal sind dort Bio-Supermärkte und ganz viele, neue Wohnungen. Man kann sich fragen, wo das Schäbige an Berlin geblieben ist. Aber die Stadt entwickelt sich ja auch weiter und wir ziehen daraus auch Nutzen. Wir haben die Verantwortung, in welche Richtung sie das tut. Wir sollten nicht alles schlechtreden, sondern uns fragen: ‚Wie wollen wir es denn‘? Berlin entwickelt sich auch, weil ein Bedürfnis der Menschen entstanden ist. Sonst würde es in unserer Marktwirtschaft nicht passieren. Wir können es also lenken.“

Musstest du selbst um irgendwas kämpfen? Auch im Filmgeschäft?
„Immer. Wenn man etwas unbedingt will und dafür viel tut, dann kann man sehr viel erreichen. Zumindest bei der privilegierten Basis, die ich hatte. Es ist aber nicht immer leicht, auch nicht im Filmgeschäft. Es gibt halt sehr, sehr viele Leute in diesem Geschäft und es spielen viele Faktoren eine Rolle.“

Hat dir die Rolle der Anne Frank geholfen?
„Seit Anne Frank bekomme ich Projekte, die den Anspruch haben, der mich interessiert. Der Film hat mir Türen geöffnet, aber ich mache es mir auch nicht leicht. Ich nehme nicht alle Rollen an, die mir angeboten werden, sondern hinterfrage das sehr, was ich mache. Dadurch ist es nicht immer einfach, aber ich stehe hinter dem, was ich tue.“

Mit wem würdest du dich gern auf 'ne Coke treffen?
„Ich würde mich gerne mal mit Patty Smith unterhalten. Das ist eine coole Frau. Die hat ihre eigene Welt und eine Haltung. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre in den 60ern geboren und hätte mit ihr in New York leben können.“

 

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