SCHNEECHAOS in Bayern: Am ersten Wochenende des neuen Jahres fallen viele Flüge und Züge aus. Im grün verzierten Promenade-Salon des Münchner Hotels „Bayerischer Hof“ legt Heiner Lauterbach den olivgrünen Wintermantel und die Fellmütze ab. Im braunen Anzug begrüßt er uns und fragt die Angestellten höflich, aber bestimmt nach einem größeren Tisch. Der Mini-Holztisch zwischen den beiden mit rotem Samt überzogenen Stühlen sei zu klein und niedrig. Er bestellt Kamillentee mit Honig.

Der 65-jährige Schauspielprofi hat während seiner langen Karriere schon mehrere Imagewechsel erfolgreich gemeistert. Vom „Schulmädchen-Report“ zum Charakterkopf des deutschen Films. Vom Macho und Draufgänger zum treuen Familienvater. Vom Feierbiest zum Fitnessguru. Filme wie „Männer“, „Der Schattenmann“, „Das Superweib“ oder „Willkommen bei den Hartmanns“ sind Stationen seiner Jahrzehnte überspannenden Karriere.

In der Krimikomödie „KALTE FÜSSE“ spielt Lauterbach an der Seite der Jungschauspieler Emilio Sakraya und Sonja Gerhardt einen grummeligen Opa, der plötzlich zum Pflegefall wird. Als der Kleinkriminelle Denis in sein Jagdschloss einbricht, hält Enkelin Charlotte ihn für den Pfleger. Zwischen den dreien entsteht Stück für Stück eine überraschend harmonische Beziehung.

Nachdem ein neuer Tisch aufgestellt wurde, sprechen wir mit Lauterbach über seine ungewöhnliche Rolle (im Rollstuhl und weitgehend ohne Text). Dabei antwortet er überlegt und eloquent. Und erklärt uns quasi mathematisch, warum er im Alter so viel Sport macht.

Coca-Cola, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?
„Ich bin überhaupt kein Limonadentrinker. Lieber Tee.“

Wie war die Anreise ins verschneite München?
„Wir waren ein paar Tage mit der Familie im Urlaub am Tegernsee. Danach sind wir nach Hause an den Starnberger See gefahren und dann hierher. Das war anspruchsvoll. Sobald ein paar Schneeflocken fliegen, reicht einer auf der Autobahn, der 40 fährt. Dann fahren sie alle 40...“

Sind Sie ein Wintertyp oder mögen Sie es lieber sonnig und heiß?
„Das kommt drauf an. Ich fahre gerne Ski und spiele im Sommer gerne Golf. Ich mag beides.“

„KALTE FÜSSE“ spielt ebenfalls im Winter – das waren beim Dreh ähnliche Verhältnisse wie heute...
„Ja, es werden drei Leute durch widrige Umstände mehr oder weniger eingesperrt in einem kleinen Jagdschlösschen, weil sie eingeschneit sind. Dementsprechend haben wir mit sehr viel Schnee gearbeitet.“


Sie spielen einen reichen, grimmigen Unternehmer, der nach einem Schlaganfall nicht mehr reden und gehen kann. Was war das Herausforderndste an der Rolle?
„Es galt eine Hauptrolle zu füllen und dabei im Prinzip lediglich die Augen einzusetzen. Wir haben uns vorab und auch während des Drehs mit Krankenpflegern und Ärzten beraten und einen Grad der Behinderung festgelegt. Ein Schlaganfall kann ja unterschiedliche Regionen des Körpers außer Kraft setzen und unterschiedlich stark sein. Insofern haben wir uns auf eine Stufe geeinigt, und ich musste die Kontinuität halten. Selbst wenn man vermeintlich ‚nur' mit den Augen agiert, setzt man ja im Normalfall die Physiognomie ein. Aber das ist schauspielerisch dann untersagt.“

„Eine Rolle muss erst mal auf authentischen Füßen stehen, bevor man sich um die Komik kümmert.“


Die Rolle ist nicht nur komisch angelegt, sondern auch tragisch...
„Man muss so eine Rolle vor einen realen Hintergrund stellen, bevor man sich um die Komik kümmert. Ich glaube, das Ganze muss erst mal auf trockenen, authentischen Füßen stehen. Insofern muss man das schon verhältnismäßig ernst nehmen bei den Dreharbeiten.“

Szene aus „KALTE FÜSSE“
KÖNNEN BLICKE töten? Raimund Groenert (Heiner Lauterbach) verlässt sich nicht allein auf seine Mimik 

Was stand denn überhaupt im Drehbuch statt des Textes?
„Na ja, das ist sowieso immer so eine Sache, was in Drehbüchern steht. Die Amerikaner machen das ganz gut. Wenn du in einem Film Hans heißt und du keinen Text hast, steht da nur ‚Hans'. Das heißt, dass du im Bild zu sehen bist. Was du dann genau machst, weißt du spätestens, wenn es dir der Regisseur am Set sagt. Dann gibt es andere Drehbücher, in denen unglaubliche Arien stehen. Etwa wie verzweifelt die Figur ist. Aber das kann man sich im Normalfall alles schenken, weil es eine Interpretationsfrage ist. Es reicht, wenn du weißt, dass du im Bild bist. Dass du nicht neutral guckst, wenn du gerade angeschossen wirst, ist selbstverständlich. Das muss man nicht extra hinschreiben, dass die Figur schmerzverzerrt guckt. Insofern stand in unserem Drehbuch maximal der Gemütszustand. Und den galt es dann darzustellen.“

Ist es nicht die höchste Kunst des Schauspielens, nur anhand der Mimik Emotionen beim Zuschauer zu wecken?
„Ich weiß nicht, ob es die höchste Kunst ist. Ich komme normalerweise ja stark über die Sprache, achte aber schon immer auf die Augen und spreche mit dem Regisseur vorab über die Beleuchtung der Augen. Das ist für mich ein großes, emotionales Transportmittel, dessen wir uns bedienen sollten. Darauf völlig reduziert zu sein, war eine große Herausforderung, die ich gerne angenommen habe.“

Wenn Sie von jetzt auf gleich nicht mehr sprechen könnten: Mit welchem Satz würden Sie sich von der Welt verabschieden?
„'Lasst mich in Ruhe'...Nein, ich weiß nicht, ob ich das auf einen Satz beschränken könnte.“

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Viele Menschen haben Angst, durch einen Schlaganfall plötzlich ihrer Familie zur Last zu fallen. Haben Sie sich mit dem Thema mal beschäftigt, vielleicht vor dem Hintergrund der Rolle?
„Wir spielen ja permanent Rollen, mit denen wir privat nichts zu tun haben. Aber natürlich setzt man sich mal damit auseinander, wie das ist, jemandem – wie Sie es sagen – zur Last zu fallen. Aber ich habe das nie auf mich selbst projiziert.“

Sie haben mal vom Jugendwahn in den Medien gesprochen. Zuletzt hat Kai Pflaume ältere Herrschaften begleitet, das ZDF reist mit ihnen um die Welt und Sat.1 hat viel Lob bekommen für die Ü60-Castingshow „The Voice Senior“. Hat sich da etwas geändert?
„Nein. Das letzte Format mal ausgenommen: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben immer schon die alten Leute bedient, weil das fast die einzigen sind, die noch gucken. Insofern müssen die sich natürlich um ihre Kunden kümmern. Meine Kinder wissen gar nicht, was ARD und ZDF überhaupt sind. Das ist der Lauf der Zeit."

Sie haben mit zwei jungen Schauspielern gedreht. Gehen die anders an die Dreharbeiten heran?
„Jeder Schauspieler geht anders an einen Film ran. Ich würde das bei den beiden nicht auf die Jugend beschränken. Beide sind für ihr Alter sehr professionell. Ich habe schon vorher mit Emilio gearbeitet. Der macht das sehr routiniert – im positiven Sinne.“

Aber in den Drehpausen werden vermutlich Selfies für Instagram gemacht...
„Ja gut. Ganz alte Omas stricken und die jungen Leute snapchatten.

Heiner Lauterbach – Szene aus „KALTE FÜSSE“
GESUND, aber ein ziemliches Ekel: Raimund Groenert (Heiner Lauterbach) vor seinem Schlaganfall

Das kennen Sie wahrscheinlich von den Kindern zuhause...
„Ach, die halten sich bei den sozialen Netzwerken verhältnismäßig zurück.“

Sie müssen sich, was Ihre körperliche Verfassung angeht, jedenfalls nicht vor den jüngeren Kollegen verstecken. Sie halten sich extrem fit. Fällt Ihnen das leicht, vor allem nach den Feiertagen?
„Ja, schon. Ich mache fünfmal die Woche Sport, meist rund 90 Minuten. Das ist eine Zeit, die ich mir einräume, zu der ich aber auch nicht immer Lust habe. Wenn man die Wirkung von Sport simulieren könnte, würde ich auf die 90 Minuten verzichten. Aber da es das nicht gibt, mache ich es eben. Ich weiß, dass ich durch Sport im Normalfall mehr Lebenszeit generiere – außer ich laufe vor ein Auto oder bekomme genbedingte Krankheiten. Man wird dadurch deutlich älter, bekommt mehr Zeit. Und zwar mehr, als ich damit verbringe. Ich schaffe mir also Lebenszeit und verbessere sie. Indem ich fitter bin und agiler leben kann. Eigentlich eine einfache Rechnung.“

„In der Jugend kann man ruhig auf die Kacke hauen und das Leben genießen.“

Etwa so, wie in die Rente einzuzahlen. Das zahlt sich auch erst viel später aus...
„Ganz genau.“

Als junger Mensch denkt man daran eher selten. Haben Sie früher an Ihren Körper gedacht?
(lacht) „Damals habe ich diese Rechnung irgendwie anders aufgestellt. Aber das ist auch okay. Ich finde das sogar empfehlenswert. In der Jugend und im jüngeren Alter kann man ruhig auf die Kacke hauen und das Leben genießen. Und dann muss man, wenn man es rechtzeitig schafft, die Reißleine ziehen und etwas umdenken. Bis ich 45 oder 47 Jahre war, habe ich gegen meinen Körper gearbeitet. Jetzt mache ich das genaue Gegenteil. Aber es ist alles gut gegangen. Ich habe jedes Jahr tolle Blutwerte und die Ärzte sind begeistert. Bei mir kam die Kehrtwende zur rechten Zeit und hat funktioniert.“

Heute ist Sonntag, nach den Interviews und der Filmpremiere spielen Sie hier in München noch Theater. Wie sähe der perfekte, freie Sonntag aus?
„Frei halt. Im Schoße meiner Familie. Mit einer schönen Wanderung, danach was Schönes essen, ein paar Spiele spielen und abends ein gutes Buch lesen oder einen schönen Film sehen. Und Sport natürlich.“

Filme – oder können es auch Serien sein auf Netflix und Co?
„Auf jeden Fall. Ich bin großer Fan der Serienkultur – der amerikanischen, skandinavischen, aber auch der deutschen. Wir werden da demnächst auch zuschlagen und haben eine Serie in der Entwicklung. Da freue ich mich drauf. Es ist eine unglaublich schöne Art, Geschichten erzählt zu bekommen. Ich lasse mir da auch gerne Zeit beim Zuschauen, wenn das Ganze ein gewisses Niveau nicht unterschreitet.“

Mit wem würden Sie sich gern auf 'ne Coke treffen?
„Mit dem Philosophen Richard David Precht. Das kann ein interessantes Gespräch werden, falls ich dem standhalten kann. Das wird an mir liegen...“

„KALTE FÜSSE“ startet diese Woche im Kino.

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