Neulich bin ich ernsthaft erschrocken. Dabei war die Frage, die mein kleiner Sohn mir stellte, gar nicht böse gemeint: „Warum machst du so ein unfreundliches Gesicht?“ Unfreundlich? Ich? Schnell in den Spiegel geschaut. Alles normal. Eben das hat mich erschreckt

ICH HATTE früher einen Professor, der manchmal während der Vorlesung an klaren Frühlingstagen aus dem Fenster schaute und sagte: „Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Hat auch Nachteile.“ Der Mann lächelte niemals. So wollte ich nicht werden.

Es gibt kein wirkungsvolleres Mittel, jemandem den Tag zu versauen, als die Frage: Warum bist du denn so schlecht gelaunt? Wer die Wirksamkeit dieser Suggestion überprüfen möchte, kann das gerne ausprobieren. Der Gefragte wird ziemlich sicher damit beginnen, den Grund zu suchen. Er wird fündig werden. Irgendeinen Anlass gibt es immer, sich runterzuziehen.

Schlechte Laune
BITTE LÄCHELN! 

Da stand ich nun vor dem Spiegel mit meinem missmutigen Gesicht und fragte mich, warum meine Mundwinkel so indifferent aussahen. Eines stand fest: Nach oben zeigten sie nicht. Bei genauem Hinsehen entdeckte ich auch noch eine Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen. Ich fragte mich ernsthaft nach meinen Sorgen: Familie, Auftragslage, Geld? Eigentlich alles okay.

„Alle Menschen lächeln. Egal aus welcher Kultur sie stammen.“


Klar, manchmal könnte es ein bisschen runder laufen – kein Streit mit dem Kind über die Sinnhaftigkeit von Socken bei Temperaturen unter sieben Grad, keine Zahlungserinnerungen an säumige Auftraggeber, aber alles in allem kein Grund für den kritischen Gesichtsausdruck. Ist das Glas nun halb leer oder halb voll? Reine Ansichtssache. Ich möchte lieber zu den Halb-voll-Betrachtern gehören. Suggestion funktioniert schließlich auch in die andere Richtung, sagte ich mir und lächelte.

Bitte Lächeln!
LÄCHELN wirkt ansteckend. Wenn es echt ist

Mundwinkel hoch. Na bitte. Schon besser. Das sieht jetzt so künstlich aus, dass ich wirklich fast lachen muss. Da ist ja auch das Leuchten in den Augen, das zum echten Lächeln dazugehört und den Unterschied macht zu der professionellen Gesichtsgymnastik von Schauspielern auf dem roten Teppich, wo jeder an den Augen sehen kann, dass die ganze Aktion nervt. Beim richtigen Lächeln zeigen beide Mundwinkel hoch und die Augen lächeln mit. Manchmal ist auch das ganze Gesicht beteiligt. Es sei denn, es ist zu viel Botox im Spiel.

Ich lächle ein bisschen vor mich hin und fühle mich schon besser. Ich frage mich: Woher kommt das Lächeln eigentlich? Und finde heraus, dass es tatsächlich eine unwillkürliche Reaktion ist – und eine anthropologische Konstante. Alle Menschen lächeln. Egal aus welcher Kultur sie stammen, wo und wie sie aufwachsen, ob sie schlau, dumm, blind oder sehend sind. Schon Babys lächeln. Und wenn alles gut geht, bleibt ihnen das Lächeln auch erhalten.

„Ist das Glas nun halb leer oder halb voll? Ansichtssache.“


Ich nehme mir vor, mehr zu lächeln und probiere es gleich aus. Gehe zum Bäcker und kaufe lächelnd ein Croissant. Die sonst mürrische Bäckerin wünscht mir noch einen schönen Tag. Erfreuliche Begegnung. Ich gehe über die Straße und werde fast von einer Radfahrerin überfahren. Eigentlich ein Anlass, hinterherzumeckern – mache ich nicht. Die Radfahrerin lächelt mich an und ruft „Entschuldigung!“ und ist dabei eigentlich total sympathisch. „Kein Ding“, und schon wieder ein Dialog, der mir nicht die Laune verdirbt. Es klappt.

Lächelndes Baby
ANGEBORENE Mundwinkelstellung

Cool. Ein bisschen mehr gelächelt und schon gehe ich positiver durch den Tag. Das ist doch schon ein Gewinn. Aber Lächeln kann mehr, lese ich. Es vermittelt dem Gegenüber, dass ich offen, zufrieden, neugierig, interessant und erfolgreich bin. Wow! Deshalb lächeln wir also auf Bewerbungsfotos. Was ich nicht wusste: Während ausdruckslos-kritisch schauende Menschen alle irgendwie gleich miesepetrig aussehen und schnell wieder verdrängt werden, bleibt der Lächelnde positiv im Gedächtnis. Wer wiedererkannt werden will, sollte also gelegentlich die Mundwinkelstellung überprüfen. Kleiner Test: Wie hieß nochmal das nette rothaarige Mädchen mit dem Pferd und dem Affen, das grundsätzlich positiv gestimmt durch die Welt ging? Klar, weiß jeder. Und wie hieß diese schlecht gelaunte Lehrerin?

Lächeln kann nicht nur in mir selbst eine positive Grundstimmung erzeugen, es wirkt auch rein physiologisch. Lächeln setzt Glückshormone frei und schon lächeln wir weiter, weil wir wirklich fröhlicher werden. Der dabei freigesetzte Hormoncocktail stärkt ganz nebenbei das Immunsystem. Zudem verbrennt Lächeln Kalorien und trainiert die Gesichtsmuskulatur. Vergesst das Märchen von den Lachfältchen: Gibt es nicht. Lachen und Lächeln wirkt nachhaltiger gegen Falten als Botox. Ich finde die Frage, ob mir ein Lächeln etwas bringt, zwar ein bisschen lächerlich – muss aber angesichts der Lächerlichkeit der Idee schon wieder schmunzeln.