VIER JAHRE hat Yazan Yehia, Auszubildender bei Coca-Cola in Knetzgau, seine Eltern schon nicht mehr gesehen. Ein bisschen spürt man seine Traurigkeit darüber. Der Syrer lässt trotzdem nicht den Kopf hängen: Tag für Tag kämpft er sich durch die Herausforderungen, die seine Ausbildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik mit sich bringt. Dabei kann er auf viel Rückhalt aus seinem Team zählen.

Yazan verfolgt weiterhin das Ziel, für das er damals aus Syrien mit dem Boot übers Meer aufgebrochen ist: einen sicheren Hafen finden, eine Ausbildung machen als Grundlage für einen Start in ein neues Leben. Für den jungen Geflüchteten ist dieser Start besonders schwer.

Yazan Yehia am Schaltschrank
AM SCHALTSCHRANK: Yazans Prüfungsobjekt dient künftig neuen Auszubildenden zu Übungszwecken 

Für seine Zwischenprüfung im Frühjahr musste Yazan fließend Deutsch können: lesen, schreiben und sprechen. Dazu gehörte auch die Elektroniker-Fachsprache, für die es kein Arabisch-Deutsch-Wörterbuch gibt. Kompensationskondensatoren ist so ein Wort: für Yazan ein schwieriger Zungenbrecher. Da ist es schön, wenn andere helfen: „Meine Kolleginnen und Kollegen sind mein Fachwörterbuch. Sie helfen mir, wo sie können“, erzählt Yazan, der jetzt im zweiten Ausbildungsjahr ist. Einige Kollegen lernen sogar schon ein paar Worte Arabisch.

Schon damals im Vorstellungsgespräch hat Yazan gekämpft: Mit Händen und Füßen und gebrochenem Deutsch überzeugte er Ausbilder Thomas Etzel von seinem Ehrgeiz. Seitdem hat Etzel viel Zeit und Kraft investiert, damit sein Schützling die Ausbildung meistert: Er beantragt Förderungen, spricht mit Lehrern in der Berufsschule und hilft seinen Azubis an Lerntagen bei Theorie und Praxis. So bekommt Yazan ein Rundum-Paket, um seinen ersten Meilenstein zu schaffen: die Zwischenprüfung.

Nur 19 Monate haben die Elektroniker-Azubis bis zur Prüfung Teil 1, die zu 40 Prozent in die Abschlussnote der Ausbildung einfließt. „Das ist nicht viel Zeit: Einiges an Fachwissen über die Industrie 4.0, Programmiersprachen für Anlagen und Installation von Sensoren und Aktoren müssen unsere Azubis drauf haben“, berichtet Etzel. Dazu kommt ein eigener betrieblicher Auftrag, der als Projekt von A bis Z erarbeitet, durchgeführt und vor drei IHK-Prüfern vorgestellt wird. Ein Beispiel: die Lesbarkeit des Aufdrucks des Mindesthaltbarkeitsdatums auf Pfandflaschen verbessern. Azubis bestellen Teile, installieren sie und schreiben das entsprechende Programm.

Yazan Yehia und Thomas Etzel
MEHR ALS nur Ausbilder: Thomas ist für Yazan zum Mentor geworden

Yazan muss all das in einer Fremdsprache schaffen. Der angehende Elektroniker steht wochenlang unter der sprichwörtlichen Hochspannung. Dazu trägt auch die Unsicherheit über seine Aufenthaltsverlängerung bei. Erst einen Monat bevor diese abläuft, erhält Yazan eine Verlängerung um sechs Monate. Erneut bangt und hofft er. Dann der Lichtblick: An seinem 24. Geburtstag hält Yazan seine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis in der Hand – und besteht seine Zwischenprüfung erfolgreich.

Der 24-Jährige ist gern in Deutschland: Er möchte sich in Unterfranken ein neues Leben aufbauen und ein Haus bauen. Bei Coca-Cola sind aus Kollegen Freunde geworden, sie feiern zusammen Yazans Geburtstag. Auch Ausbilder Etzel ist ihm ans Herz gewachsen. Mit über drei Jahrzehnten Berufserfahrung bei Coca-Cola und seiner Lebensweisheit hilft der 50-Jährige auch schon mal bei privaten Belangen. Er hört den jungen Talenten zu, kümmert sich um sie und begleitet sie in ein selbständiges Leben. So hat Yazan bei Coca-Cola eine neue Familie gefunden, auch wenn er seine Eltern sehr vermisst.