MIT 16 JAHREN schrieb Tim Bendzko erste Songs und trat bereits im Sommer 2009 bei einem Talentwettbewerb vor 20.000 Menschen in der Berliner Waldbühne auf. Zwei Jahre und einen Vertrag bei Sony Music später landete der heute 34-Jährige mit „Nur noch kurz die Welt retten“ seinen ersten großen Hit und sein Debütalbum „Wenn Worte meine Sprache wären“ erreichte Platinstatus. Weitere Meilensteine: Der Gewinn des „Bundesvision Song Contest“ von Stefan Raab, der Gewinn eines Bambis als bester Newcomer, zwei Echos und seine Teilnahme in der Jury in der Casting-Show „The Voice Kids“. Auch die beiden Nachfolgealben erreichten 2013 und 2016 die Spitze der deutschen Charts. Jetzt hat Bendzko seine vierte Song-Sammlung mit dem Titel „Filter“ veröffentlicht und mit dem Song „Hoch“ auch gleich wieder einen Hit hingelegt.

Am riesigen Besprechungstisch im „Studio“ des Berliner Hotels „Michelberger“ wirkt er zu Beginn des Gesprächs fast ein wenig verloren. Doch schnell entpuppt Tim Bendzko sich als nachdenklicher Mann, der genau weiß, was er will und das Leben mit bemerkenswerter Reife betrachtet.

Coca-Cola Classic, Coca-Cola light taste oder Coke Zero Sugar?

„Einen Filterkaffee, bitte!“

Tim, du hast 2018 in deinem Leben radikal ausgemistet. Was genau ist passiert?

„Es fing damit an, dass ich den Keller in meinem Haus in Brandenburg umbauen wollte – und zwar im Do-it-yourself-Verfahren. Ich zog mir den Blaumann an und legte mit dem Hammer los, riss Wände ein und schabte Tapeten von Mauern. Zwischendurch war ich auf Arena-Tour und konnte anfangs auf der Bühne vor lauter Muskelkater kaum noch das Mikro halten. Als ich dann endlich fertig war, wurden mir zwei Dinge klar: dass ich es liebe, handwerklich zu arbeiten und dass mir mein Haus eigentlich viel zu groß ist.“

Weniger ist mehr?

„Genau! Eine Menge Platz zum Wohnen – das war für mich früher ein schöner Gedanke. Deshalb hatte ich das Haus ja auch gekauft. Aber mit dem zusätzlichen Platz häuften sich so viele Dinge an, die im Grunde total überflüssig sind. Ich fing an, mir Fragen zu stellen: Wäre es nicht viel schöner, mit viel leichterem Gepäck im Leben unterwegs zu sein? Was von dem ganzen Kram brauche und benutze ich wirklich?“

Auf 'ne Coke mit Tim Bendzko
LEICHTES GEPÄCK: Sollte er sich mal entschließen, nach New York zu ziehen, sollte es schnell gehen, sagt Tim Bendzko

Und dann?

„Mein Schlüsselmoment war für mich Anfang 2018: Ich hatte einen Auftritt beim bayerischen Filmpreis gespielt, lag nachts im Hotelbett und konnte nicht schlafen. Und während ich da so wach lag und es in meinem Kopf ratterte, stand auf einmal mein Entschluss fest: Ich verkaufe mein Haus und den Großteil von dem Krempel, der in ihm rumsteht! Ich wusste: Das wird zwar alles verdammt anstrengend werden und auch lange dauern – aber es ist ein guter Plan!“

„Ich hatte das Gefühl, dass ich noch mehr arbeiten, noch mehr Erfolg haben muss, um das alles zu erhalten.“

Was hat dich zu dieser Entscheidung geführt?

„Je mehr Besitz ich mit den Jahren anhäufte, desto mehr fühlte sich alles wie Ballast an. Am Ende habe ich mich nur noch gestresst gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass ich noch mehr arbeiten, noch mehr Erfolg haben muss, um das alles zu erhalten. Stattdessen wollte ich einen Zustand von Leichtigkeit und Flexibilität erreichen. Ich dachte mir: Wenn ich mich eines Tages in einer verrückten Laune dazu entschließen sollte, in Deutschland alle Zelte abzubrechen und zum Beispiel nach New York zu ziehen, dann soll das schnell und unkompliziert möglich sein. Dann möchte ich nicht erst monatelang überlegen müssen, welche Dinge ich mitnehmen will und am Ende nicht wissen, wohin der ganze Kram soll. Ich habe es mir regelrecht zum Sport gemacht, so viel Ballast wie möglich loszuwerden. Mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und nur Dinge zu besitzen, die ich tatsächlich brauche.“

Auf 'ne Coke mit Tim Bendzko
Tim Bendzko – Albumcover „Filter“

Wie mistet man am besten aus?

„Das fing bei mir mit dem Vorsatz an, dass ich nichts mehr doppelt haben möchte. Ich brauche nicht zwei Flaschenöffner, Rasierer, Feuerzeuge, Scheren, Vasen usw. Mit solchen simplen Beispielen fängt es an. Und geht bei meinen Klamotten weiter: Abgesehen von Hosen, Unterhosen und T-Shirts, wo es ein paar mehr sein dürfen, habe ich nichts mehr doppelt.“

Hast du dein Ziel inzwischen tatsächlich erreicht?

„Ich bin gerade vor ein paar Wochen erneut umgezogen – und der Prozess hat gerade einmal 24 Stunden gedauert. Ich habe alles in Kartons gepackt, in meine neue Wohnung bringen lassen und dort alles an seinem festen Platz wieder eingeräumt. Alles ging so superschnell und unkompliziert. Ein herrliches Gefühl!“

Wir alle horten zuweilen Dinge, von denen wir uns aus emotionalen Gründen nicht trennen wollen.

„Erinnerungsstücke auszusortieren fiel mir zunächst auch ein wenig schwerer. Aber inzwischen bin ich auch da sehr konsequent – auch weil ich am liebsten im Hier und Jetzt lebe. Wenn ich weiß, dass ich mir das Zeug sowieso nie wieder anschauen werde bzw. bereits in den vergangenen Jahren nicht mehr angeschaut oder angehört habe, dann muss es weg. Ganz egal, ob das nun alte Comics, CDs, Bücher oder Zeitungsartikel sind.“

„Ich finde es erstaunlich, wie viele Menschen Instagram sehr ernst nehmen.“

Fühlst du dich heute freier?

„Auf jeden Fall! Es fühlt sich wirklich sehr gut an, wenn man nur noch mit – im wahrsten Sinne des Wortes – leichtem Gepäck im Leben unterwegs ist. Als ich von dem Haus in meine neue viel kleinere Wohnung zog, habe ich in den ersten Wochen nur aus dem Koffer gelebt und in dieser Zeit nichts von dem ganzen Kram vermisst, der sich noch in den Kartons befand. Das Gefühl kannte ich vorher nur, wenn ich im Urlaub war. Inzwischen hat sich auch mein Mindset total verändert. Und ich finde, dass man das meinem neuen Album „Filter“ auch deutlich anhört. Dass kein Druck dahintersteckt und dass es auch nicht etwas Bestimmtes sein will. Während der Produktion habe ich keine Sekunde darüber nachgedacht, ob das Album erfolgreich oder nicht sein und was das für Folgen haben könnte.“

Warum mistest du einmal im Jahr auch deinen Instagram-Account aus?

„Weil ich nur einen kleinen Einblick in mein aktuelles Leben geben möchte. Am Ende ist Instagram so wie ein bebildertes Tagebuch, an dessen Inhalt man viele Menschen teilhaben lässt. Da müssen dann aber keine Fotos zu sehen sein, die fünf oder gar zehn Jahre alt sind. Für mich ist das nur eine Ist-Beschreibung, bei der ich natürlich auch viel weglasse. Zum ersten Mal habe ich ältere Bilder aber auch deshalb gelöscht, weil ich einfach mal sehen wollte, was passiert. Da kamen ebenso positive wie krass negative Reaktionen. Ich finde es erstaunlich, wie viele Menschen dieses Medium sehr ernst nehmen.“

Auf 'ne Coke mit Tim Bendzko
NICHT NUR im Keller, auch in der Online-Welt sollte man regelmäßig entrümpeln, sagt Tim Bendzko

Du demnach nicht?

„Ich betrachte Instagram & Co mit einem großen Abstand und nehme das alles nicht besonders ernst. Für mich ist Social Media ein unterhaltsames Spiel und ein super Weg, um mit meinen Fans direkt zu kommunizieren. Inzwischen tun aber viele so, als wäre es das Wichtigste im Leben und drehen total am Rad, wenn Instagram mal für zwei Stunden ausfällt. Das ist schon eine bedenkliche Entwicklung.“

Wie sieht es generell mit deiner Bildschirmzeit am Smartphone aus?

„Wie die meisten Nutzer habe sicher auch ich eine gewisse Abhängigkeit entwickelt. Sobald ich eine neue WhatsApp-Nachricht bekomme, schaue ich sofort auf mein Handy. Wenn wir eine neue Nachricht erhalten, wird ja das Glückshormon ausgeschüttet. Und das kann tatsächlich süchtig machen. Ich versuche aber, meine Nutzung immer wieder ganz bewusst zu hinterfragen: Wenn ich zum Beispiel abends auf der Couch sitze, eigentlich in Ruhe eine Serie sehen möchte, mich dann aber nicht richtig konzentrieren kann, weil ich immer wieder mit meinem Phone herumspiele – dann läuft eindeutig etwas schief. Dann nehme ich mir vor: Wenn ich das nächste Mal zu Hause entspannen will, dann kommt es an die Ladestation und dann fasse ich es auch nicht mehr an.“

Ist dieser Suchtfaktor für Kinder und Jugendliche nicht besonders bedenklich?

„Alkohol oder Zigaretten – alles, was ebenfalls Dopamin ausschüttet, ist berechtigterweise einer Altersbeschränkung unterworfen. Warum also nicht auch Smartphones und Social Media? Diese Frage sollten wir uns auf jeden Fall stellen. Ich finde, dass wir mit dem Thema bislang zu leichtfertig umgegangen sind. Andererseits bleibt die große Frage, wie man so was am Ende durchsetzen soll. Wo doch gerade verbotene Dinge besonders reizvoll sind… Ich habe zwar selbst keine Kinder und kann deshalb nicht wirklich mitreden – aber bei allen Eltern, die ich kenne, ist das eine große Frage: Wie können wir unseren Kindern einen maßvollen und richtigen Umgang mit Smartphone und Social Media vermitteln?“

„Ich finde es absurd und traurig, mit welcher Aggressivität und Bösartigkeit gegen Greta geschossen wird.“

„Vielleicht“, ein weiterer Track vom neuen Album, beleuchtet auch die wachsende Bindungsunfähigkeit im digitalen Zeitalter.

„Das ist ein Song über die Generation Y. Je jünger die Leute, desto mehr neigen sie zur Unverbindlichkeit – ganz egal, ob nun in der Liebe, Freundschaft oder anderen Bereichen des Lebens. Am Besten müssen immer alle Optionen offenbleiben. Denn es könnte ja immer was Besseres um die Ecke kommen.“

Ist der Song „Nicht genug“ eine Art Abrechnung mit Instagram?

„Ich weise sicher auf die Schattenseiten hin – aber eine Abrechnung ist er sicher nicht. Ich finde nämlich nicht, dass Instagram per se ein schlechtes Medium ist. Man bekommt dort ständig irgendwelche Dinge zu Gesicht, mit denen man sich von alleine meist nie beschäftigt und die man so gar nicht entdeckt hätte: Nahrungsmittel, Musik oder exotische Orte. Alles ist möglich. Das finde ich in erster Linie horizonterweiternd und bereichernd.“

Weniger bereichernd ist der wachsende Hass auf Facebook, Twitter & Co…

„Wobei das ja nicht wirklich das Problem von Social Media, sondern viel mehr ein Problem von uns Menschen ist. Der Prämisse, andere Leute so zu behandeln, wie man selbst gerne behandelt werden möchte, folgen offenbar immer weniger. Kleinstkinder denken, dass sich die Welt nur um sie dreht. Normalerweise lernt dann jeder mit dem Erwachsenwerden, dass das eben doch nicht so ist. Leider habe ich das Gefühl, dass dieser Lernprozess bei einer wachsenden Zahl von Menschen nicht mehr stattfindet. Ich muss nur den Straßenverkehr hier in Berlin anschauen. Da regieren Egoismus und Aggressivität. Empathie? Fehlanzeige.“

Tim Bendzkos erster Hit: „Nur noch kurz die Welt retten“

Wie ist deine Meinung zu Greta Thunberg und der „Fridays for Future“-Bewegung?

„Dass Klimaschutz jetzt überall so ein großes Thema ist, ist im positiven Sinne der blanke Wahnsinn. Toll, was ein einzelner Mensch bzw. eine kleine Gruppe von Menschen zu leisten imstande ist. Natürlich begehen auch solche Bewegungen zwischendurch mal strategische Fehler. Und die Hater picken sich dann natürlich genau diese Schwachstellen raus, um draufhauen zu können. Ich persönlich finde es absurd und traurig, mit welcher Aggressivität und Bösartigkeit gegen Greta geschossen wird.“

Was hat die Bewegung bei dir bewirkt?

„Früher habe ich mir zum Beispiel keine Gedanken darüber gemacht, ob Inlandsflüge wirklich nötig sind. Nun versuche ich, so oft es geht, mit der Bahn zu fahren. Außerdem besitze ich inzwischen ein Elektroauto. Klimaschutz ist in aller Munde, und das ist gut so! Jetzt muss es auch dauerhaft ein Thema bleiben. Ich glaube aber, dass eine Veränderung nur in kleinen Schritten gehen wird und die Menschen von der Notwendigkeit der Veränderung wirklich überzeugt werden müssen. Nur mit dem Finger auf andere zu zeigen und Verbote auszusprechen, würde auf Dauer zu viele negative Gegenreaktionen erzeugen.“

Tim Bendzkos neues Album „Filter“ ist gerade erschienen. 

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