ICH TREFFE DEN WEIHNACHTSMANN in der größten Shoppingmall der Stadt am Ende eines langen Arbeitstages. Auch heute hat er hunderte Geschenksäckchen verteilt, Schwätzchen gehalten, gelächelt, Umarmungen verschenkt.

In den letzten 10 Minuten seiner Schicht schaue ich ihm bei der Arbeit zu und werde wieder zum Kind. Mit Herzklopfen sehe ich, wie er einem Zwillingspaar das Schneeflöckchenlied entlockt und dabei verzückte Geräusche macht, obwohl er den Weihnachtsdauerbrenner schon unendlich oft gehört haben muss. Ich bin schwer beeindruckt. Santa ist Vollprofi. Seine roten Backen, die ihm das Liedchen zaubert, sind echt.

Nachdem das letzte Kind in der Schlange sein Säckchen vom Weihnachtsmann bekommen hat, werden die Show-Lichter runtergefahren. Zwei Angestellte tragen den Plastik-Thron weg und fangen an, den Kunstschnee wegzufegen.

Weihnachtsmann - Feierabend
FEIERABEND: Unsere Reporterin trifft den Weihnachtsmann am Ende eines Arbeitstages

„Hallo lieber Weihnachtsmann! Ich bin Piri, wir haben ein Interview zusammen, Sie erinnern sich? Darf ich Sie auf eine Coca-Cola entführen?“

„Hohoho! Hallo Piri! So ein schöner Name! Ja, ich erinnere mich! Lassen Sie uns hier schnell verschwinden. Eine kalte Coke ist jetzt genau, was ich brauche!“

Santa Claus packt seinen Rucksack, klemmt sich lachend unter meinen Arm und wir fahren die Rolltreppe hoch, zu dem Schnellimbiss im obersten Stockwerk, den ich für das Interview vorgeschlagen hatte. Dort ist es einigermaßen ruhig. Ich höre seine Stiefel quietschen, als wir uns durch die vollen Gänge kämpfen. Wir nehmen Platz an einem kleinen Tisch.

Coca-Cola Classic, light oder Zero Sugar?

„Das Original, natürlich, und dazu Pommes rot-weiß, bitte. Nur ausnahmsweise, zur Feier des Tages. Bitte erzählen Sie das nicht meiner Frau.“

„Kein Problem. Sie können auf mich zählen. Aber für mich bitte nicht. Ich hatte heute schon einen Döner.“

„So, Piri, Sie wollen also den alten Weihnachtsmann interviewen?

Er lacht, bis seine Apfelbäckchen glühen.

Waren Sie denn heute auch brav? Und haben alles aufgegessen?“

Jetzt kriege ich die roten Backen.

„Ja! Ich war brav! Ich bin immer brav. Na gut, meistens jedenfalls…

Wir lachen beide.

Aber jetzt im Ernst: Ich muss gestehen, ich bin sehr aufgeregt. Seit ich denken kann, wollte ich mit dem Weihnachtsmann sprechen. Und jetzt ist es soweit! Ich bin in der Zwischenzeit nur etwas groß geworden. Das ist ein sehr besonderer Tag für mich. Wie soll ich Sie eigentlich nennen? Sie haben so viele Namen... Welcher ist Ihnen am liebsten?“

„Sie können mich nennen, wie Sie möchten. Die Kinder hier in Deutschland, die kleinen wie die großen, nennen mich Weihnachtsmann. Aber schon die Kinder in den Nachbarländern, wie zum Beispiel Österreich, rufen mich „Nikolaus“, in der Schweiz bin ich „Samichlaus“, oder im französichen Teil, „Père Noël“, wie ebenfalls in ganz Frankreich. „Saint Nicholas“ heiße ich in England, „Santa Claus“ in Amerika und bei Coca-Cola, „Sinterklaas“ in den Niederlanden. Und in Russland nennt man mich „Väterchen Frost“. Mein Name ist inspiriert durch den Heiligen Nikolaus aus dem 4. Jahrhundert, einem gütigen, hilfsbereiten Bischof aus Myra, das liegt in der heutigen Türkei. Aber eigentlich reicht meine Geschichte sehr viel weiter zurück. Bis in den hohen Norden in die vorchristliche Zeit der Legenden um die nordischen Götter. Zu deren Ehren haben die Menschen damals zur gleichen Zeit Feste gefeiert wie wir heute unser Weihnachten.“

Santa Claus – „They knew what I wanted“
DIE BILDER von damals sind heute noch cool, sagt Santa Claus

Wie war die Zusammenarbeit mit Coca-Cola?

Ein Vergnügen! Sie hatten immer die besten Zeichner und Fotografen. Mit den Bildern von damals könnte ich heute noch auf Instagram mithalten. Diese Leute verstehen es auch, Freude in die Welt zu bringen.

Endlich kommen unsere Cokes und die Pommes. Santa Claus bietet mir eine seiner Fritten an. Ich greife zu.

Wollten Sie schon immer Weihnachtsmann werden? Oder früher doch lieber Feuerwehrmann, Polizist oder König?

„Das hier ist mein absoluter Traumberuf! Was gibt es Schöneres, als Menschen glücklich zu machen? Überall, wohin ich komme, freuen sich die Leute. Da nimmt man ein bisschen Stress gern in Kauf. Allerdings gibt es nichts zu jammern – denn meist gehen mir meine lieben Wichtel zur Hand. Zusammen sind wir ein Dream Team.“

Santa Claus – Now it’s my time
...nur bei seinem Nebenjob im Sommer lässt er sich nicht fotografieren. 

Was machen Sie eigentlich im Sommer?

„Da arbeite ich inkognito als Bademeister in meinem Lieblingssommerbad. Schauen Sie nicht so ungläubig, Piri – mit mir ist es wie mit dem Pinguin: An Land watschelt er, aber im Wasser – hohohohooooo!!!“

„Einen Arzt wollen Sie doch auch in seinem weißen Kittel sehen. Sonst glaubt man, er sei vielleicht ein Clown.“


Würden Sie eigentlich gerne einmal etwas Anderes anziehen, als dieses Rot-Weiß-Kostüm?

„Warum? Steht es mir nicht?“

Doch, doch, hervorragend, ich meine nur...

„Einen Arzt wollen Sie doch auch immer in seinem weißen Kittel sehen, oder nicht? Sonst glaubt man, er sei vielleicht ein Clown. Außerdem soll man bei seinem Stil bleiben, wenn man ihn einmal gefunden hat.“

„Wie lange machen Sie diesen Job eigentlich schon?

„Länger, als Sie es sich vorstellen können, mein Kind. Ich habe schon viele gute und schlechte Zeiten kommen und vergehen sehen.“

„Wie haben sich die Wünsche der Menschen in all der Zeit verändert?“

„Gar nicht so sehr, wie man annehmen könnte. Kinder waren schon immer glücklich, wenn ihre Wünsche in Erfüllung gingen.

Weihnachtsmann - Wünsche
FRÜHER waren die Wünsche etwas bescheidener…. 

Vielleicht ist es nur so, dass die Wünsche in harten Zeiten etwas bescheidener ausfielen. Da stand schon warmes Wasser, ein neuer Pyjama oder ein Paar Strümpfe ohne Löcher ganz oben auf der Hitliste. Heute hingegen wünschen sich die Kinder meistens etwas mit Kabeln und Knöpfen. Und die Menschen haben viel mehr „Dinge“ angesammelt. Früher hatte man einen Teddybären und eine Puppe, ein Werktags- und ein Sonntags-Outfit und zwei Paar Schuhe: eins für den Alltag, eins für den Sonntag. Und im Winter hat man über seine Alltagsschuhe Gamaschen geschnallt. Heute besitzen die Menschen meist viel zu viel von allem...“

„Wie schön, dass Bart tragen heute so modern ist! Was für eine Vielfalt! Auch bei den jungen Männern!“

Stimmt... das geht mir auch so. Gibt es etwas, das Sie an der heutigen Zeit lustig finden?

„Jaa! Dass Bart tragen heute so modern ist! Was für eine Vielfalt! Auch bei den jungen Männern! Darüber hinaus freut mich, dass die Menschen heute allgemein viel freier sein können als früher. Reisen wohin sie wollen, Berufe ergreifen, die sie sich selbst ausgesucht haben, heiraten, wen sie wollen. Meistens, wenigstens. Solche Dinge eben, das ist nicht selbstverständlich.... allerdings haben wir da auch einen Wermutstropfen...“

Weihnachtsmann am Kühlschrank
…heute glauben immer weniger Kinder an ihn, sagt Santa Claus 

Der wäre?

„Die Menschen, die Kinder, glauben heute viel weniger an mich. Sie glauben allgemein weniger an Märchen.“

Ich bekomme eine weitere Fritte gereicht.

Wie bereiten Sie sich auf den Geschenkemarathon vor? Ist dieser Job nicht körperlich sehr anstrengend? Ich denke da an die vielen engen Kamine, schmalen Fenster, wackeligen Zäune, brüchigen Hintertüren...

„Nach dem Aufstehen geht nichts ohne meine Morgengymnastik. Ich habe da mein geheimes Wichtelyoga. Ich schwimme wie gesagt im Sommer für mein Leben gern und außerdem war ich als junger Mann im Turnverein. Ja, und darüber hinaus gibt es da noch ein paar Dinge...

Er blinzelt mir zu.

Nämlich?

„Ich tanze! Mit Frau Claus und den Wichteln! Ihr solltet uns mal beim Abhotten sehen! Die Wichtel spielen viele Musikinstrumente. Wann immer es die Zeit erlaubt, setzen wir uns zusammen, machen Musik und tanzen.“

Auf einmal springt er vom Tisch auf und führt mir lachend ein paar Hula-Hoop- Hüftkreise vor. Die anderen Gäste um uns herum springen spontan von ihren Stühlen und klatschen Beifall.

Wow! Sie sind ein Mann voller Überraschungen!

Er beugt sich zu mir vor, als er wieder auf seinem Stuhl Platz genommen hat. Er hat nicht einmal eine Schweißperle auf seiner Stirn.

„Sie haben mich noch nie meine Congas spielen gehört!“

Santa Claus, Kinder, Hund
ES KOMMT darauf an, sein Glück mit anderen zu teilen…

Liebend gern! Wenn ich Sie einmal besuchen darf... Da wären wir schon bei meiner nächsten Frage: Ist der Nordpol noch immer Ihr Hauptwohnsitz?

„Ja, das ist für uns der schönste Ort der Welt. Das Tanzen und Trommeln hat auch praktische Gründe. So bleibt uns allen immer schön warm. Im Sommer jedoch gehen wir auch auf Reisen. Natürlich muss immer jemand bei den Rentieren und im Büro bleiben. Die Kinder schreiben mir das ganze Jahr über Briefe. Kommen Sie uns besuchen, Piri! Ich werde Ihnen einen Schlitten schicken lassen.“

„Ich höre selten, dass sich jemand etwas nicht für sich selbst, sondern für einen anderen Menschen wünscht.“

Das ist so nett von Ihnen...ich bin ganz gerührt... Womit kann man eigentlich Ihnen eine Freude machen, Santa?

„Das ist nicht schwer: mit einem offenen Herzen, offenen Augen und offenen Ohren. Seit Jahrhunderten komme ich in der Welt herum und sehe jeden Winter, wie die Menschen sich verhalten, deren Herzen hart und deren Augen nur auf sich selbst gerichtet sind. Sie hören nur, was sie hören wollen, und sind nur auf ihren eigenen Vorteil aus. Wie selten höre ich, dass sich jemand etwas nicht für sich selbst, sondern für einen anderen Menschen wünscht. Das sind Wünsche, die mir besonders am Herzen liegen.“


Das leuchtet mir ein. Aber manchmal wünscht man sich einfach einen Tennisschläger oder eine elektrische Zahnbürste – ist das trotzdem okay? Oder muss ich mich jetzt schämen?

„Natürlich nicht! Das ist vollkommen in Ordnung! Denn Sie können ja mit diesen Dingen auch anderen eine Freude bereiten! Mit dem Tennisschläger können Sie einen lieben Freund zu einem kleinen Match einladen, um Zeit mit ihm zu verbringen. Oder Sie können ihm jemandem leihen, der selbst keinen besitzt. Mit der Zahnbürste ist es etwas schwieriger – die wollen wir lieber nicht ausgeliehen sehen.... aber Sie können mit Ihrem frischgeputzten Lächeln anderen eine Freude sein! Es kommt immer darauf an, sein Glück ein bisschen mit anderen zu teilen...“

Ich werde daran denken. Wieder etwas dazugelernt...

„Gutes Kind! Aber jetzt genug gequatscht. Wollen wir ein bisschen Unsinn machen? Wollen wir?“

…an was haben Sie so gedacht?

„Lassen Sie uns die Shoppingmall aufmischen!“

„Ääähm....okay... aber sie schließt gleich...“

„Das ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt. Los geht’s! Folgen Sie dem alten Mann!“

Wir nehmen die Rolltreppe hinunter in die Haupthalle. Santa Claus zieht eine Glocke aus seiner Manteltasche und läutet:

„Hohohoho! Wer von den großen Kindern hier hat ein Liedchen für den Weihnachtsmann?“

Leicht wie ein Tänzer kreist er um die Parfümverkäuferinnen herum, die kichernd im Eingang ihres Ladens stehen und für ein paar Takte seinen Tanzschritten folgen. Dann wendet er sich den Security-Herren zu, die einen der Ausgänge bewachen. Er wirft mir die Glocke zu und dreht seinen runden Körper mit paar wilden Moves in die Luft, wie ein Krieger aus Neuseeland. Die Männer von der Security tanzen mit.

Dann steppt er wie Fred Astaire weiter in Richtung Backshop. Ich tripple mit der Glocke hinter ihm her. Er macht lustige Schwimmbewegungen für die Verkäufer, die tanzend mit den Baguettes zurückwinken.

„Hoohohoooo Kinder! Ihr großen und kleinen! Seid gut miteinander! Und vergesst nicht, zu lachen! Schaut den alten Weihnachtsmann an!“

Er macht wieder Hula-Hoop-Hüftkreise.

Die Menschen sind aus allen Richtungen in die Haupthalle geströmt und haben sich um Santa Claus versammelt. Sie klatschen im Takt zu seinem Hüftschwung. Während ich bald kein einziges „Hohohohoho“ mehr herausbringe, tanzt Santa, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Als die Stimmung auf dem Höhepunkt ist und alle ebenso rote Apfelbacken haben, ruft er:

„So ihr Lieben! Jetzt wisst ihr, was der alte Weihnachtsmann macht, wenn man ihn alleine zu Hause gelassen hat! Lebt wohl, ihr alle! Frohe Weihnachten allerseits! Und kommt gut ins Neue Jahr miteinander!“

Dann packt er mich von der Seite und zieht mich am Ärmel durch die Menschenmenge hinaus in Richtung Ausgang. Ich keuche wie ein durchgebrannter Rasenmäher.

Die Menschen klatschen und pfeifen uns hinterher.

Das glaubt mir kein Mensch, wenn ich es erzähle...

„Das macht nichts, mein Kind. Hauptsache, Sie hatten genauso viel Spaß wie ich.“

Feierlich übergebe ich ihm seine Glocke. Ich weiß, dass wir uns jetzt verabschieden müssen.

Vielen, vielen Dank für dieses Interview!

„Das Vergnügen war ganz meinerseits, Piri!“

Ich fasse mir ein Herz und drücke ihm einen Kuss auf die Wange. Er lacht. Seine Wange ist weich und luftig wie Zuckerwatte.

„Sehen Sie? Sage ich nicht, es ist ein Traumjob?“

„Nehmen ist Glück, das immer wieder vergeht. Geben ist Glück, das immer Glück bleibt.“ 


Er rückt seine Mütze zurecht, bereit zum Abschied.

„Noch ein letztes Wort an unsere Leser, lieber Weihnachtsmann?“

Er überlegt kurz, streicht seinen Bart glatt.

„Vielleicht dies: „Geben“ ist Glück, das immer Glück bleibt. „Nehmen“ ist Glück, das immer wieder vergeht. Denn haben wir etwas ergriffen, entsteht in uns sofort der Wunsch nach dem nächsten, das wir ergreifen könnten. Aber wenn wir aus vollem Herzen geben, als wären wir an der Quelle, wird uns das Glück nicht verlassen. Selbst in der Erinnerung bleibt es ein erfüllendes Gefühl. Bis bald, Piri. Frohe Weihnachten!“

Ich sehe ihm lange nach, wie er pfeifend im feinen Nebel dieser Dezembernacht verschwindet. Auf dem Weg zu meinem Auto probiere ich immer wieder den Hula-Hoop-Hüftschwung. Aber ich kriege es einfach nicht so hin wie er.