ES IST 8:30 UHR IN LOS ANGELES. Ich bin mit dem Schauspieler Nicolas Coster verabredet, um mit ihm über das Leben zu sprechen: über Versäumtes und Verschobenes, über Träume und Erfüllung – und über die Frage, ob es wirklich nie zu spät ist, nochmal etwas Neues auszuprobieren. Denn genau das tut Nicolas Coster als liebenswerter Mr. Hadley im aktuellen Coca-Cola Zero Sugar Werbespot „First Taste“.

Während ich seine Nummer wähle, verdränge ich das plötzlich aufpoppende Bild in meinem Kopf, ihn gerade in einem Altenheim anzurufen. Er lebt, wie ich kurz darauf im Gespräch erfahre, zusammen mit seiner dritten Frau auf einer Yacht vor Los Angeles. Nicolas Coster begrüßt mich auffallend gut gelaunt. Von Müdigkeit keine Spur, obwohl er bis spät in die Nacht die Übertragung der Olympischen Spiele verfolgt hat.

Nicolas, heute ist doch Valentinstag. Was sagt deine Frau dazu, dass du den Morgen mit einer anderen Frau verbringst?

Im Hintergrund lacht seine Frau.

„Ach du meine Güte, das stimmt. Tja, genau genommen verbringe ich den Morgen gleich mit meinem Arzt. Ich gehe oft schwimmen, mit Schnorchel und Taucherflossen, um meinen alten Körper in Form zu halten und fürs Tauchen fit zu bleiben. Dabei habe ich mir im Pool neulich einen Muskel im Bein gezerrt. Weißt du, wenn du erstmal 50 wirst, passieren großartige Dinge mit deinem Körper...“

Ich bin gerade 40 geworden, aber ich befürchte ich weiß schon, was du meinst.

„Meine Frau Elena ist 41. Sie hält mich jung, körperlich und geistig. Sie ist einfach fantastisch, eine wunderbare Frau.“

Gibt es wirklich einen Mr. Hadley? Wie viel von ihm steckt in dir?

„Ich glaube nicht, dass der Spot auf einer realen Person beruht. Aber die Idee, dass manche Menschen irgendwann nur noch rumsitzen, die ist aus dem Leben gegriffen. Ich kenne solche Leute, die überhaupt keine Abenteuerlust mehr verspüren. Sie haben aufgegeben, als ihnen ein paar graue Haare wuchsen und ihre Muskeln steifer wurden. Von einer Frau abgelehnt werden? Das ist wohl jedem Mann schon einmal passiert, auch mir. Ich finde die Szenen im Video unglaublich witzig, in vielen hätte ich genau so reagiert, wenn sie mir im echten Leben passiert wären. Darum geht es doch im Kern: Der Spot spiegelt das wahre Leben.“

Nicolas Coster – Motorrad
VRRROAAAAMMM: Adrenalin-Junkie Mr. Hadley

Was hast du sonst noch nicht probiert im Leben?

„Ich möchte noch Fallschirm springen. Ich war in der US Army und sollte zur Airborne Division, der Luftlandedivision. Dann wurde ich aber für die Präsidentengarde ausgewählt und habe den Rest meines Militärdienstes damit verbracht, gefallene Soldaten auf dem Militärfriedhof zu begraben. Ich hatte keine Gelegenheit mehr, aus dem Flugzeug zu springen – also ist das noch auf meiner Bucket List. Kennt man den Begriff bei euch?

Ein weiterer Punkt auf meiner Liste ist ein Besuch bei meiner Familie in Neuseeland. Mein Vater kam dort her, lebte aber bereits in London, als ich zur Welt kam. Ich habe eine wunderbare Familie in Neuseeland, die ich noch nie dort besucht habe. Das werden Elena und ich im März nachholen. Und sollte ich jemals einen TV-Spot für Coca-Cola in Russland drehen, möchte ich auf eine russische Raumfahrtkapsel.”

Nicolas Coster und Robert Redford in „Die Unbestechlichen“ (1976):

Nicolas Coster und Robert Redford
MEISTER der diskreten Nebenrolle: Bob Woodward (Robert Redford) fragt: „Mr. Markham, sind sie hier im Zusammenhang mit dem Watergate-Einbruch?“ Markham (Nicolas Coster) antwortet: „Ich bin nicht hier“.

Gibt es etwas, das du kürzlich von deiner Bucket List streichen konntest?

„Vor ein paar Wochen war ich in Florida und bin mit meiner Frau im Ozean geschwommen. Elena ist die erste Frau an meiner Seite, die sich traut, etwas weiter aufs Meer hinauszuschwimmen. Es war ein kühler Tag, aber das Wasser war mindestens 23 Grad warm. Das war einfach wundervoll. Ich möchte noch an viele weitere warme Orte reisen, die karibischen Inseln, Lateinamerika…

Aber auch nach Deutschland! Ich habe dort eine alte Freundin, eine Regisseurin. Elena und ich lieben Filme. Ich bin Mitglied der Oscar Academy – und alleine im letzten Jahr haben wir 47 Filme angeschaut. Wir lieben die deutschen Filme, jedes Jahr erscheinen neue großartige Werke aus Deutschland.“

„Wenn du erstmal auf der Bühne stehst, Baby, gehört dir die Welt.“

Ich habe einige Fotos von Elena mit bekannten Schauspielern wie Matt Damon und Angelina Jolie im Netz gesehen…

„Oh, Angelina Jolie. Ich war bestürzt darüber, dass ihr Film ‚Der weite Weg der Hoffnung‘ nichts gewonnen hat. Er ist bemerkenswert. Sie widmet ihr ganzes Leben der humanitären Hilfe. Was für eine beeindruckende Frau. Sie ist jemand, der wirklich zuhört, wenn du dich mit ihr unterhältst, sie schaut dich an und hört zu.“

Maschinenlärm und eine Männerstimme unterbrechen unser Gespräch. Nicolas Coster muss kurz sein Auto umparken, damit die Bauarbeiten an seinem Bootssteg fortgesetzt werden können.

Nicolas Coster auf seinem Boot
SCHWIMMT gern weit raus: Nicolas Coster auf seinem Boot in Los Angeles

Welchen Ratschlag würdest du deinem jüngeren Ich heute geben?

„Fokussiere dich auf etwas! Ich bin leider sehr leicht abzulenken. Als junger Mann hatte ich so viel Energie, ich wollte tausend Dinge tun. Wir nennen so jemanden einen Könnte-hätte-sollte-Mensch. Das Theater, die Musical Shows... und dann habe ich auch noch die Tauchschule in New York gegründet und sehr aktiv unterrichtet. John F. Kennedy Jr. hat bei mir tauchen gelernt.

Ich denke, ich hätte einfach am Broadway bleiben sollen. Ich war dort auf einem guten Weg, hatte Erfolge... ich liebe das Theater! Aber dann kam die Scheidung von meiner ersten Frau und ich zog nach Kalifornien, habe dort viele Filme gemacht, das war auch aufregend. Ich bedaure diesen Schritt auch überhaupt nicht, denn sonst hätte ich weder meinen Sohn gehabt noch durch meine Rolle in ‚California Clan‘ meine jetzige Frau Elena kennengelernt.“

Wir werden erneut unterbrochen. Dieses Mal brummt der Vibrationsalarm seines Mobiltelefons – eine Erinnerung an den bevorstehenden Arzttermin in West Hollywood.

„Wie auch immer: Die 60er und 70er Jahre waren spannend und voller Möglichkeiten, allerdings auch voller Ablenkung.”

Nicolas Coster in „California Clan“:

Nicolas Coster in „California Clan“
HISTORISCHE SOAP: Nicolas Coster als Lionel Lockridge in „California Clan“

In welcher Rolle konntest Du am weitesten aus Konventionen ausbrechen?

„In den letzten Jahren habe ich einige Low Budget Filme gedreht. Einer davon ist „Chemical Cut“, in dem ich einen verwirrten Vietnam-Veteranen in der U-Bahn spiele. Ich hab’s vielleicht ein bisschen übertrieben, er ist auf mitleiderregende Weise abstoßend. Solche bizarren Charaktere liebe ich, hoffentlich spiele ich noch einige davon.“

Wenn heute dein letzter Tag wäre, würdest du noch etwas Verrücktes tun?

„Das ist eine verdammt gute Frage. Ich weiß es nicht, ich habe schon viele verrückte Dinge getan. Wenn ich an den Coke Spot denke, fällt mir als erstes die großartige Szene auf der Gay Parade ein. Das war für mich eine Erinnerung an meinen verlorenen Sohn, der homosexuell war. Wir haben uns sehr, sehr nahegestanden. Einmal hat er mich in einen Cowboyclub mitgenommen und ich fragte ihn: Wie viele Söhne würden ihren Vater mit hierher nehmen? Und er sagte: Wie viele Väter würden wohl mitkommen?“

„Ich wäre wirklich glücklich, wenn die Welt in den nächsten Jahren ein wenig toleranter werden würde.“

Hast du diese Szene als Hommage an deinen Sohn eingebracht?

„Nein, alle Szenen des Spots wurden von der Agentur vorgeschlagen. Für mich war das in Ordnung, ich vermute sie wussten nicht einmal von meinem Sohn. Ich wäre wirklich glücklich, wenn die Welt in den nächsten Jahren ein wenig toleranter werden würde. Vor allem in unserem Land brauchen wir dringend mehr Toleranz.“

Nicolas, du bist ziemlich gut in Form. Hast du keine heimlichen Laster?

„Früher habe ich geraucht. Dann wurde ich Tauchlehrer und habe meinen Schülern erklärt, wie Kohlenmonoxid die Aufnahme von Sauerstoff ins Blut verhindert. Da konnte ich schlecht weiterrauchen. Als meine Kinder mir eines Tages sagten: Wir brauchen unseren Dad mehr als du deine Zigaretten. Da habe ich endgültig aufgehört. Heute esse ich mit großer Leidenschaft und ich liebe guten Wein. Ich befürchte, Mr. Hadley hat derzeit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen.“

Hier siehst du, wie der Coke Zero Sugar TV-Spot „Break Free” entstand:

Was ist für dich erfüllender: einen Film drehen oder eine TV-Serie?

„Weder noch. Das Theater bringt mir die größte Erfüllung. Wenn du erstmal auf der Bühne stehst, Baby, gehört dir die Welt.“

Einen Award oder das Lob eines geschätzten Kollegen bekommen?

„Das ist einfach: das Lob eines Kollegen.“

Im Wasser oder auf dem Wasser zu sein?

„Ehrlich gesagt fühle ich mich unter Wasser noch wohler als auf einem Boot.“

Champagner oder Wein?

„Ich bevorzuge Champagner. Ich trinke auch gern einen guten Rotwein, aber ich liebe Champagner und biete ihn meinen Gästen auf dem Boot immer an.“

Coca-Cola Zero Sugar oder Coke Classic?

„Ich trinke schon seit Jahren Coke Zero.“

Mit wem würdest du dich gern mal auf eine Coke treffen?

„Joseph Haydn. Ich bin sein größter Fan. Ich hätte mich gern mit ihm zusammengesetzt und geredet, nachdem er seine 75. Symphonie geschrieben hat.”

Nicolas Coster:

Der 84-jährige britischstämmige US-Schauspieler steht seit über sechzig Jahren vor der Kamera oder auf der Bühne und denkt überhaupt nicht daran, aufzuhören. Mehr als 150 Rollen spielte er allein in Filmen und TV-Serien. Coster ist ein Meister der diskreten Nebenrolle. „Detektiv Rockford“, „Drei Engel für Charlie“, „Magnum“, „Dallas“, „McGyver“ – überall schaute er mal vorbei. Erst 2007 wurde er mit dem Bambi des amerikanischen Fernsehens, dem Daytime Emmy, ausgezeichnet. Am bekanntesten ist Nicolas Coster in Deutschland aus der Serie „California Clan“ (Im Original: „Santa Barbara“). Seit 2016 ist er in Paolo Sorrentinos Sky-Produktion „The Young Pope“ zu sehen.

Die von Nicolas Coster 1998 gegründete Challenges Foundation bietet vor allem Menschen mit Behinderung sowie Kriegsveteranen professionellen Segel- und Tauchunterricht.