BERLIN HAUPTBAHNHOF, Bahnsteig 6. Natia Todua ist mit ihren lila-gefärbten Dreadlocks schon von weitem gut zu erkennen. Wir fahren nach Hannover, wo Natia am Abend bei der „Voice“-Tour mit fünf anderen Kandidaten der Castingshow auftritt. Gerade kommt sie von einem Meeting mit den anderen Teilnehmern des deutschen ESC Vorentscheids. Dort will Natia am 22. Februar das Ticket nach Lissabon lösen. Es geht Schlag auf Schlag für die 21-Jährige, seit sie Ende Dezember das „Voice“-Finale gewonnen hat.

Die Georgierin spricht – nach einem Jahr in Deutschland – ein nahezu perfektes Deutsch. Sie kam aus Tiflis, um hier Musik zu studieren und arbeitete als Au-Pair-Mädchen in Kirchheim. Danach nahm sie eine Gastfamilie in Bruchsal auf, damit sie ihr Visum behält. Bald muss Natia ein neues beantragen. Dann als Musikerin.

Der ICE 848 fährt pünktlich ein – wenn auch spontan auf Gleis 5 und in verkehrter Wagenfolge. Aber gut. Wir rennen den Bahnsteig entlang, hin zum reservierten Platz in Wagen 34. Das Interview wollen wir im Bordrestaurant führen. Da ist es ruhiger. Zu ruhig! Denn es ist gesperrt: Stromausfall! Also wieder zurück zum anderen Ende des Zugs – ins zweite Restaurant.

„Gar kein Problem“, sagt Natia. Sie ist völlig entspannt. Auch wenn sie erschöpft wirkt und laut Manager „auf der Fahrt noch etwas schlafen“ soll. Dazu kommt es nicht. Wir reden über ihre Kindheit in Georgien, die Glücksmomente bei „The Voice“ und ihre Zukunft – bei Sandwiches und Pfefferminztee.

Coke, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?

„Da würde ich mich für eine zuckerfreie Variante entscheiden.“

Eine ungewöhnliche Location für ein Interview. Fährst du gerne Zug?

„Ja. Ich liebe es – wie jetzt – rückwärts zu fahren. Ich erinnere mich dann immer, wie ich das erste Mal mit dem Zug zu „The Voice“ nach Berlin gefahren bin von Kirchheim. Das war ein großartiges Gefühl. Darum hatte ich auch bei meinem ersten Auftritt keine Angst. Ich war einfach total glücklich, dort zu sein. Das erste Mal in Berlin!“

Was machst du normalerweise auf längeren Fahrten?

„Ich gucke gerne Dokus über berühmte Musiker. Wenn ich einen Song von jemandem singe, interessiert mich auch immer seine Geschichte. Bei den Blind Auditions habe ich ja „I Put A Spell On You“ gesungen. Der Song stammt von Screamin‘ Jay Hawkins. Aber bekannt wurde er in der Version von Nina Simone. Davor habe ich mir eine Doku über sie angeschaut. Welche Geschichte hat sie? Wie war sie als Mensch? Das hat mir sehr geholfen. Wenn ich nichts über denjenigen weiß, dessen Song ich singe, kann ich die Gefühle auch nicht richtig rüberbringen.“

Wie würde später mal eine Dokumentation über dich aussehen?

„Ich weiß es nicht. Bislang war mein Leben voller Probleme. Ich denke manchmal, dass ich beim 'Voice'-Finale noch einmal geboren wurde. Ich fühlte mich wie ein Neugeborenes, das noch nichts sieht und hört, aber trotzdem lebt. Ich konnte das überhaupt nicht realisieren. Niemals hätte ich damit gerechnet. Nie. Das war wirklich so geil. Ich konnte es genießen, aber nicht verstehen, dass das echt passiert ist. Ich musste danach meinen Siegersong nochmal singen, aber auf der Bühne habe ich gar nichts mitbekommen von der Außenwelt. Wie ein Baby.“

„Was bedeutet Zuhause? Freiheit? Freundschaft? In Ruhe leben? Das alles war für mich fremd.“

War das der glücklichste Moment in deinem Leben?

„Ja, bis jetzt war es auf jeden Fall der glücklichste Moment. Ich habe so oft für etwas gekämpft, aber nichts zurückbekommen. Diesmal habe ich gemerkt: Doch, es geht! Wenn man für etwas lebt, kann man es schaffen.“

Hast du ein Beispiel? Dass du für etwas gekämpft und nichts zurückbekommen hast?

„Mein ganzes Leben habe ich das Gefühl. Was bedeutet Zuhause? Freiheit? Freundschaft? In Ruhe leben? Das alles war für mich fremd. Ich habe mein ganzes Leben danach gesucht, das war ein langer Weg. 2017 war für mich am Anfang noch kompliziert und stressig, am Ende aber sehr erfolgreich.“

Fünf Lieblingssongs von Natia Todua:

Was Natia zu ihren Lieblingssongs sagt, hörst du in unserem Podcast:

Nimm' uns mal mit in dein Leben. Du bist aufgewachsen in der Kaukasusregion Abchasien. Dort herrschte lange Krieg...

„Genau. In meiner Heimat war alles kaputt. Darum sind meine Eltern zwei Jahre vor meiner Geburt nach Tiflis gezogen, wo ich geboren wurde. Als ich ein, zwei Jahre war, sind wir wieder zurück nach Hause, weil mein Vater sich das gewünscht hat. Wir sind dann aber ständig umgezogen, sicherlich zehn, elf Mal. Ich musste immer wieder die Schule wechseln und mein Umfeld. Es gab halt keine Möglichkeit, in Ruhe zu leben oder zu arbeiten. Als die Lage stabiler wurde, sind wir wieder zurück und ich habe in Abchasien die Schule beendet. Da war ich 17 Jahre.“

Natia Todua - Selfie
SELFIE IM ZUG: Natia auf dem Weg nach Hannover
Dann hast du dich entschieden, in Tiflis zu studieren...

„Genau. Dort habe ich erstmals auf Partys oder in Bars gesungen und Jazz gehört, vorher nur russischen Schlager oder Volkslieder. Ich wusste sofort: Das will ich machen. Vorher gab es überhaupt nicht die Möglichkeit, Musik zu machen. Sie hatte auch gar keine Bedeutung für mich. Ich habe dann regelmäßig mit einer Band in einem Irish Pub gespielt und konnte so mein Wirtschaftsstudium bezahlen.“

Warum hast du Wirtschaft studiert?

„Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich etwas ‚Sicheres‘ studiere. Als ich in Kontakt mit Jazz kam, wollte ich aber Musik studieren. In Georgien gibt es allerdings nur klassische Ausbildungen. Darum habe ich nach internationalen Studiengängen gesucht. Das ist aber alles nicht so einfach, weil Georgien nicht in der EU ist. Ich habe dann ein Au-Pair-Programm gefunden und bin nach Deutschland gezogen. Danach hat mich zum Glück eine deutsche Familie aufgenommen, die ich im Irish Pub in Tiflis kennengelernt habe. Nur dadurch habe ich ein weiteres Visum bekommen und konnte bei ‚The Voice of Germany' mitmachen.“

„Manchmal werde ich wach und weiß nicht, wo ich bin. Ich brauche dann etwas Zeit, mich zu orientieren.“

Für dich hat ein neues Leben begonnen. Wie weit weg ist dein altes Leben in Georgien? Die Umzüge. Der Krieg. Euer Haus wurde damals zerstört...

„Manchmal werde ich wach und weiß nicht, wo ich bin. Ich brauche dann etwas Zeit, mich zu orientieren. Ich denke oft an die Zeit zurück. Das macht mich manchmal traurig, manchmal sehr stark. Ich sage mir dann, dass diese unsichere Zeit hinter mir liegt und ich sehr viel erreicht habe. Das gibt mir Kraft, noch weiter zu arbeiten für meine Ziele. Wenn du weißt, was du willst und den richtigen Weg gehst, bekommst du auf jeden Fall etwas Gutes zurück.“

In deinem Fall den Sieg bei 'The Voice of Germany'. Kannst du das mittlerweile fassen?

„Auch Wochen danach noch nicht. Ich stehe jetzt bei der ‚Voice Tour' mit anderen Kandidaten auf der Bühne und denke immer, das sei die Probe für's Finale. Das macht mich glücklich. Vorher hatte ich ‚nur' eine Gastfamilie in Deutschland, aber leider keine Freunde. Die habe ich bei ‚The Voice' gefunden. Ich habe vor Weihnachten viele Nachrichten von Kandidaten bekommen, die mich zu sich nach Hause eingeladen haben. Was kann man sich noch mehr wünschen als so viel Liebe?“

Natia Todua – Auf der Bühne
VERZAUBERT: Natias Version von „I Put A Spell On You“ riss das Publikum von den Sitzen

Credits: SAT.1 ProSieben, Richard Hübner

Als Zuschauer hatte man den Eindruck bei all deinen Auftritten: Du hast einfach nur Spaß und gar keinen Bammel vor der Bühne...

„Ich konnte gar nicht aufgeregt sein. Ich habe so viele schlimmere Sachen in meinem Leben erlebt, als Angst auf der Bühne zu haben. Ich wollte jede Sekunde genießen und Spaß haben.“

Gab es einen ganz besonderen Moment in der Zeit? Vor oder hinter der Bühne?

„Samu und ich hatten vor dem Halbfinale ein Fotoshooting. Eigentlich war alles im Kasten, aber plötzlich mussten wir nochmal vor die Linse. Ich habe mich darüber gewundert, Samu hat dagegen so komisch gelacht. Plötzlich kam ein Kamerateam auf mich zu und ich habe meine Mutter entdeckt. Das war eine große Überraschung, weil ich sie lange nicht gesehen habe. Als ich meine Mutter später im Publikum sah, merkte ich, dass sie glücklich ist. Sie hat da verstanden, dass ich Recht hatte. Dass Musik meine Berufung ist.“

„Wenn du deinem Traumberuf nachgehst, hast du zumindest eine Garantie: glücklich zu sein.“

Deine Eltern waren skeptisch?

„Ich habe trotzdem auf mein Bauchgefühl gehört. Samu hat mich darin sehr bestärkt.“

Wie genau?

„Er hat mir gesagt, dass du nie im Leben eine Garantie hast. Ob du jetzt Wirtschaft studierst oder Musik machst. Aber wenn du deinem Traumberuf nachgehst, hast du zumindest eine Garantie: glücklich zu sein.“

Und die Sendung hat dir ermöglicht, diesen Traum zu verwirklichen...

„Ja, ich konnte viele Erfahrungen sammeln, auch jetzt auf der Tour. Wir haben jeden Tag Vocal Coaching und Bandproben und können uns da verbessern. Und dann kommt der Eurovision Song Contest...“

Natia Todua - Bühne
SOUL im Blut: Wird Natia auch den ESC rocken?

Credits: SAT.1 ProSieben, Richard Hübner

Du bist eine von sechs Kandidaten beim ESC-Vorentscheid. Wie schätzt du die anderen ein?

„Ich war begeistert, als ich sie gerade zum ersten Mal getroffen habe. Mit Ivy Quainoo und Michael Schulte sind ja auch zwei Ex-Voice-Kandidaten dabei. Egal wer nach Lissabon fährt: Deutschland wird dieses Mal hoffentlich nicht auf dem letzten Platz landen. Sonst werde ich sauer.“

Wenn du antrittst, würde Deutschland vielleicht mal Punkte aus Georgien bekommen...

„Ja, bestimmt. Obwohl dort andere Musik gehört wird. Die ganze Punktevergabe beim ESC ist für mich ohnehin manchmal nicht nachzuvollziehen. Manchmal geht es mir dort zu sehr um Politik.“

Wie wird dein Erfolg in deiner Heimat wahrgenommen?

„Georgien ist schon stolz auf mich. Meine Mutter war vor Weihnachten zum Beispiel Gast in der bekanntesten Talkshow des Landes. In Georgien gab es sogar Stimmen, dass ich beim ESC für mein Heimatland antreten soll.“

Hier siehst du Natias Privatkonzert bei der Coca-Cola Trucktour:

Würdest du irgendwann wieder nach Georgien zurückkehren?

„Ich habe erstmal hier noch viel vor: die Tour beenden, den ESC-Vorentscheid, die Arbeit an meinem ersten Album. Dann möchte ich noch gerne Sprachkurse in Deutsch und Englisch belegen. Ich will in Zukunft regelmäßig meine Familie besuchen und bin auch bereit, meine Erfahrungen zu teilen in Georgien, wenn dort Interesse besteht. Ich würde mir auch wünschen, dass meine Musikrichtung in Georgien akzeptiert wird und sich etabliert. Aber dafür braucht Georgien wohl noch Zeit.“

Mit wem würdest du dich gern mal auf 'ne Coke treffen?

„Die meisten leben leider nicht mehr, wie Janis Joplin oder Nina Simone. Aber ich würde mich gerne nochmal einen Abend mit Sunrise Avenue treffen. Es ist nicht nur eine Band aus meiner Kindheit. Sie macht auch die Musik, die ich gerne höre. Wir haben zusammen im Finale gesungen und das war großartig. Das würde ich gerne nochmal erleben. Samu war während der Zeit nicht nur Vocal Coach, sondern auch wichtiger Ansprechpartner und Vorbild für mich. Sein Spruch: ‚Folge deinem Herzen, folge deinem Bauchgefühl‘ hat mir wirklich geholfen.“

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