WENN DIESER MANN nicht als Musiker die große Karriere hingelegt hätte, dann wäre aus ihm vielleicht ein gefragter Psychotherapeut geworden: Michael Patrick Kelly, 41, strahlt bei unserem Treffen in München tiefe Ruhe und Besonnenheit aus. Dazu seine sanfte Stimme und der freundlich-zugewandter Blick – ihm würde man bedenkenlos intimste Probleme anvertrauen…

Als Teenager hing der ehemalige Frontmann und Komponist der Kelly Family in Form eines „Bravo“-Starschnitts in ungezählten Mädchenzimmern. Die Kelly Family verkaufte mehr als 20 Millionen Tonträger, feierte Erfolge in ganz Europa und wurde mit Preisen überhäuft. Mit Anfang 20 kam für Michael Patrick der Absturz: Burnout, Selbstzweifel, Depressionen, ja sogar Selbstmordgedanken. Er entschloss sich, für sechs Jahre in ein französisches Kloster zu gehen und studierte dort Philosophie und Theologie. Danach fühlte er sich wie ein neuer Mensch. Und mental stark genug, um erneut als Musiker durchzustarten. Durch seine Teilnahme in der TV-Show „Sing meinen Song“ und das Album „iD“ legte Kelly 2017 ein großes Comeback hin. Jetzt hören wir ihn in einer neuen Rolle: als Synchronsprecher in „Playmobil – Der Film“ (Kinostart am 29. August). Darin leiht er dem Piratenkapitän Bloodbones seine Stimme – aus einem ganz persönlichen Grund…

Coca-Cola Classic, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?

„Eine Classic, bitte!“

Welches Spielzeug von früher besitzt du noch heute?

„Einen kleinen Teddy. Meine Mutter starb, als ich fünf Jahre alt war. In der Zeit, als es ihr bereits sehr schlecht ging und sie im Krankenhaus lag, hat sie mir den genäht – aus verschiedenen Stoffen und mit Augen aus Knöpfen. Und als sie dann aus dem Hospital nach Hause kam, hat sie mir den Teddy geschenkt. Ich hüte ihn wie einen Schatz.“

Auf 'ne Coke mit Michael Patrick Kelly
AUF DER BÜHNE eine Eins, in Mathe eine Vier: Michael Patrick Kelly hatte ein angespanntes Verhältnis zu seinen Lehrern

Was aus deiner Kindheit und Jugend vermisst du überhaupt nicht?

„Mich haben die Privatlehrer, die mit auf Reisen und auch auf Tour gegangen sind, immer extrem genervt. Vor dem Konzert ging’s zum Soundcheck und dann stand Pauken auf dem Programm. Ätzend! Auf der Bühne wirst du von Tausenden von Leuten bejubelt, die dir überall eine Eins geben würden und backstage wirst du von einem Lehrer in den Hintern getreten, der dir eine Vier in Mathematik gibt. Damit musste ich erst mal klarkommen.“ (lacht)

Du bist nie in eine richtige Schule gegangen, richtig?

„Mein Dad war als US-Amerikaner von der Idee des Homeschooling sehr begeistert und zudem selbst Lehrer. Deshalb hat er seine Kinder zu Hause unterrichtet. Und später kamen dann, wie gesagt, die Privatlehrer dazu. Aus diesem Grund habe ich auch nie einen richtigen Schulabschluss gemacht.“

„Ich war schon als Kind sehr ehrgeizig, zielstrebig und wollte gerne bestimmen.“

Wenn man wie du in einer Großfamilie aufwächst, ist Langeweile wohl nie ein Thema – oder?

„Sicher nicht! Umso mehr habe ich mir als Kind gewünscht, mal ganz für mich alleine zu sein. Aber das war meistens aussichtslos. Zumal Großfamilien ja oft auch noch eine Menge anderer Kinder anziehen. Nachmittags kamen immer ganz viele Kids zu uns und wollten mit uns spielen. Das Gute war, dass wir schnell ganze Fußballteams aufstellen konnten.“

Kannst Du gut verlieren?

„Gar nicht gut! Ich war nämlich schon als Kind sehr ehrgeizig, zielstrebig und wollte gerne bestimmen. Das hat sich auch bis heute kaum geändert. Mein Papa hat mir früher mal gesagt, dass ich der geborene Anführer bin. Er hat schon früh erkannt, wieviel Drive in mir steckt. Selbst die sechs Jahre im Kloster haben es nicht geschafft, das aus mir herauszukriegen.“

Welches Lieblings-Spielzeug hattest du früher? 

„Als Siebenjähriger hatte ich einen besonders großen Wunsch: das Playmobil-Piratenschiff. Weil wir damals aber sehr bescheiden lebten und so ein Schiff nicht gerade günstig ist, hatte ich nie damit gerechnet, dass mein Wunsch in Erfüllung gehen könnte. Umso größer war die Freude, als ich es tatsächlich zum Geburtstag bekam. Bis ich ungefähr elf Jahre alt war, stand Playmobil bei mir ganz hoch im Kurs. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich zugesagt habe, für den Film den Piratenkapitän Bloodbones zu sprechen. Ich bin ja kein Schauspieler oder Synchronsprecher. Das alles war für mich totales Neuland.“

„Am schönsten sind die Erinnerungen an die gemeinsamen Momente mit meiner Mama, als sie noch lebte.“

Was aus der Kindheit fehlt dir?

„Die Unbeschwertheit und dass ich – zumindest in sehr jungen Jahren – noch keine Verantwortung übernehmen musste. Wobei diese Zeit leider viel zu kurz war. Als 13-Jähriger habe ich zu einem „Kelly Family“-Album bereits die Hälfte aller Songs geschrieben. Mit 18 wurde ich dann sogar der musikalische Leiter. Das war toll – aber eben auch eine große Verantwortung. Und ich musste mich mit der geschäftlichen Seite auseinandersetzen. Zum Glück habe ich als Musiker auch heute einen Beruf, in dem ich mir das Spielerische und die Leichtigkeit bewahren und ausleben kann. Auch bei meinen Konzerten erlaube ich mir immer Freiräume für Spontanität.“

Auf 'ne Coke mit Michael Patrick Kelly
UNTER DER DUSCHE singen, aus heiterem Himmel tanzen – kostbare Momente, in denen wir Pflicht und Verantwortung einfach mal vergessen können, sagt Michael Patrick Kelly.

Kannst du ein Beispiel geben?

„Ich habe kürzlich auf Norderney gespielt. Auf einmal hielt eine Frau ein Schild hoch mit der Aufschrift: „Ich bin 909 Kilometer für das Konzert hierhergefahren! Belohnung?“ Da dachte ich mir, dass ich diese Frau einfach mal auf die Bühne hole und ihr einen Song am Klavier vorspiele. Und jetzt kommt’s: Als ich sie fragte, ob sie verheiratet ist, lautete ihre Antwort „Ja, leider!“ Der arme Mann…“ (lacht)

Wie ist deine Einstellung zu Computer-Spielen? Sind die auch schon für kleinere Kinder vertretbar?
„Ich bin kein Kinderpädagoge, aber ich vermute, dass Spiele, bei denen man nur auf Knöpfe drücken muss, nicht unbedingt die Kreativität fördern – vor allem nicht in der so wichtigen Phase zwischen drei und sieben Jahren. Es ist für Kinder ja zunächst auch nicht klar zu unterscheiden, was Fantasie und was Realität ist. Sie müssen erst eine Entwicklung durchlaufen, um den Unterschied zu begreifen. Ich weiß nicht, ob Computerspiele dabei besonders förderlich sind.“

Gehört das Spielen zu den menschlichen Urtrieben?

„Ganz sicher sogar! Vor allem, weil es der Seele einfach gut tut. Nicht nur das Spielen, sondern auch das Spielerische im Alltag. Ganz egal, ob wir morgens unter der Dusche schief singen, aus heiterem Himmel tanzen, eine Spielzeugeisenbahn im Keller aufbauen oder einen Kurs im Improvisationstheater buchen. Denn es sind alles Momente, in denen der Alltag, die Arbeit, Verantwortung und Pflicht einfach mal vergessen sind. Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich auch als Erwachsener seine Kindlichkeit bewahrt. Was aber nicht mit kindisch sein zu verwechseln ist.“

Auf 'ne Coke mit Michael Patrick Kelly
JETZT spricht Kelly den „Playmobil“-Piratenkapitän Bloodbones 

Welche Kindheitserinnerung hat einen ganz besonderen Platz in deinem Herzen?

„Es gab viele wunderbare Augenblicke auf der Bühne mit meiner Mama und meinem Papa und mit meinen Geschwistern. Aber am schönsten sind immer die Erinnerungen an die gemeinsamen Momente mit meiner Mama, als sie noch lebte: Wenn ich zum Beispiel auf ihrem Schoß saß, sie mir etwas vorsang oder als sie mir den Teddy schenkte, als die Familie bereits wusste, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Das wird für mich immer unvergesslich bleiben.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf eine Coke treffen? 

„Mit Bob Dylan, um mit ihm über Songwriting zu sprechen. Mit meinem Vater, weil ich heute ganz andere Gesprächsthemen hätte als mit 24, als er starb. Und mit Jesus Christus, um dem Geheimnis seiner Person näher zu kommen.“

„Playmobil – Der Film“ kommt am 29. August ins Kino.

Michel Patrick Kelly auf Tour, Daten hier.

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