SIE ERWARTET uns in einem altehrwürdigen Café in der Berliner Kurfürstenstraße. Die Villa erinnert an ein Wiener Kaffeehaus. Meret Becker bestellt aber keine Melange, sondern eine klassische Coke – mit Eis und Zitrone. Bei sich hat sie ihren Laptop und zwei kurios aussehende Glitzerfüße – Requisiten aus dem Video zu ihrem Song „Monster“, das sie wenige Stunden zuvor gedreht hat.


Es ist der Titelsong der fantasievollen Komödie „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“, die aktuell im Kino läuft.

Becker ist im wahren Leben so unkonventionell wie ihre Figur im Film. Sie schmeißt mit 17 die Schule, beginnt eine Karriere als Sängerin, gibt 1992 in „Kleine Haie“ ihr Schauspiel-Debüt. Die 49-Jährige ist Autodidaktin, eine richtige Ausbildung hat sie nie gemacht. Ihre wiederkehrende Rolle als Berliner „Tatort“-Kommissarin Nina Rubin bezeichnet sie als „ersten festen Job“. Ein Gespräch über Träume und warum es nie zu spät ist, sie wahr werden zu lassen.

Meret Becker - Selfie
STRAHLEND: Meret Beckers Selfie beim Interview

Coke, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?

„Die normale Coke. Wenn, dann muss es knallen.”

Im Film geht es darum, auch mal etwas Verrücktes zu tun und nicht zu warten, bis es zu spät bist. Was war das Verrückteste, das du in deinem Leben gemacht hast?

„Da gab’s einiges. Unter Zeitdruck fällt mir immer nichts ein. Doch! Passt zum Film: Ich bin mit Anfang 20 alleine durch Amerika gefahren. Ich habe niemanden vorher davon erzählt und bin das Risiko eingegangen, dass mir im Notfall keiner helfen konnte. Ich bin nach Los Angeles geflogen und quer durch den Westen der USA gefahren. Diese Reise möchte ich nicht missen.“

Da fährt man schon mal stundenlang durchs Nichts…

„Ja. Du verlierst total dein Zeitgefühl. Und die Landschaft verändert sich immer wieder. Erst sind alle Blumen gelb und eh du dich versiehst sind sie alle rosa. Und das Erstaunliche: Du fährst durchs Nirgendwo. Aber wenn du zu schnell fährst, ist in Nullkommanix die Polente mit Blaulicht hinter dir. Da habe ich mich richtig erschrocken. Einmal habe ich ein Nickerchen am Straßenrand gemacht, als es plötzlich an der Scheibe klopfte. Mir wär' bald das Herz stehen geblieben. Aber auch da war es nur die Polente, die fragen wollte, ob es mir gut geht. Ich kam mir vor, wie in einem surrealen, amerikanischen Film.“

Trailer zu „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“


 

Hat dich diese Reise verändert, wie war die Rückkehr ins geregelte Deutschland?

„Ich weiß gar nicht, ob es hier geregelter war. Berlin kurz nach der Wende. Da herrschte totales Chaos. Das war super. Die Leute haben teilweise die Hand aus dem Fenster gehalten, wenn der Blinker kaputt war. So entspannt war es später nie wieder.“

"Ich bin zwar ein eher ängstlicher Mensch, habe es aber noch nie gemocht, dass mich eine Angst eingrenzt."

Warum suchen viele Menschen die Sicherheit und nicht das Risiko?

„Das ist etwas, das einem sehr früh beigebracht wird. Mir weniger, ich war schon als Kind ein sturer Hund. Ich war und bin zwar ein eher ängstlicher Mensch, habe es aber noch nie gemocht, dass mich eine Angst eingrenzt. Angst ist ein Mittel, mit dem sehr viel gearbeitet wird. Wenn man einem Menschen lang genug sagt, das kannst du nicht oder das macht man so nicht, dann wird er es irgendwann glauben. Ich versuche, in meinem Beruf als Schauspielerin und Musikerin, dagegen anzugehen. Menschen sollen und dürfen ganz viel ausprobieren, solange sie ihr Gegenüber respektieren. Und sie dürfen Fehler machen.“

Im Film fällt der Satz „Bist du nicht zu alt dafür?“ Kennst du den aus deinem Leben?

„Der kommt einem ganz oft entgegen. Aber man muss sich eigentlich dagegenstellen. Ich merke an mir, dass ich mich zunehmend unter Zeitdruck setze, Dinge zu tun, die ich im Leben gerne noch machen möchte. Die körperliche Uhr tickt nun mal. Irgendwann wird der Wecker klingeln und es heißt: So, Mäuschen, jetzt verabschieden wir uns mal. Aber ich möchte mich davon nicht einschränken lassen oder meine Zeit vergeuden, um zu diskutieren, ob mir das Alter etwas ausmacht. Wenn ich zum Beispiel beschließe, ein Instrument, eine Sprache zu lernen oder mein Leben zu ändern, dann kann ich das jederzeit tun, egal wie alt ich bin.“

"Mit dem Pferd durch die Mongolei wäre schön. Und ich wollte schon immer den LKW-Führerschein machen."

Du hast davon gesprochen, noch einige Dinge im Leben machen zu wollen. Welche wären das?

„Beruflich habe ich noch sehr viele Projekte, die ich gerne machen möchte. Privat habe ich mir schon viele Wünsche erfüllt, ich habe ein wundervolles Kind und ein Haus am Meer. Irgendwann hätte ich gerne ein Pferd. Ich hatte mal den Traum, mit einem Pferd durch die Welt zu reisen. Ob ich das noch schaffen werde, weiß ich nicht. Aber mit dem Pferd durch die Mongolei, wäre eine schöne Sache. Und ich wollte schon immer einen LKW-Führerschein machen.“


Hier erzählt Meret Becker, wo sie am liebsten Musik hört, warum sie es gerne auch mal still mag und was ihre fünf Lieblingssongs sind:

Warum?

„Ich habe immer von einem LKW geträumt, in dem man wohnen kann und in dem ein kleines Theater eingebaut ist. Dann könnte ich mit meinen eigenen Shows durch die Lande ziehen. Und danach wieder zurück ins Haus am Meer.“

Sind Künstler größere Träumer als Beamte?

„Künstler beschäftigen sich zumindest den ganzen Tag mit Grenzüberschreitungen und hinterfragen Regeln. Beamten beschäftigen sich den ganzen Tag mit Regeln, die es einzuhalten gilt. Beamte haben, und das ist ja auch das Schöne an dem Beruf, eine große Sicherheit – angeblich.“

Meret Becker – Move
MANCHE SACHEN muss man einfach parallel machen, sagt Meret Becker 

Oft ist man bei seinen eigenen Kindern mehr auf Sicherheit bedacht als bei sich selbst, wenn man jung ist. Bei dir scheint das anders zu sein, deine Tochter hat den gleichen Weg eingeschlagen wie du: Sie hat mit 17 die Schule abgebrochen, macht jetzt Musik…

„Na ja, ich hätte schon gehofft, dass meine Tochter das Abitur macht, so wie ich das auch hätte machen sollen. Aber auch sie ist mit der Schule einfach nicht glücklich geworden. Dass sie Musik macht, finde ich ganz toll. Das war auch immer schon abzusehen.“

Als alleinerziehende und vielbeschäftigte Mutter war es sicher nicht immer ganz einfach...
„Ich habe immer versucht, mein Leben und das meiner Tochter so zu gestalten, dass wir beide zum Zug kommen. Ich finde es falsch, wenn man sich als Frau so lange unterordnet, bis die Kinder alle aus dem Haus sind. Dafür ist das Leben zu kurz. Darum muss man bestimmte Dinge parallel machen.“

Szene aus „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“
CAT CONTENT: Meret Becker in „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“

Klingt nach einer echten Herausforderung...

„Natürlich. Wenn es nach mir ginge, hätte ich ganz viele Kinder. Aber die Zeit und die Kräfte sind halt nur begrenzt.“

Beim Film „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ waren viele Frauen am Set. Neben Regisseurin Kerstin Polte auch Kamerafrau Anina Gmuer und andere. War die Stimmung am Set anders als bei anderen Projekten?

„Eigentlich ist jedes Projekt anders. Es gibt Männer, die am Set überhaupt kein Machoverhalten an den Tag legen. Bei anderen ist das durchaus anders, was ich nervig fand. Zu der Zeit war es noch nicht üblich, ‚Stop‘ zu sagen. Heutzutage geht das.“

Die momentanen Diskussionen helfen dabei sicher…

„Das ist eine große Hilfe. Ich finde, das ist ein Segen. Und zwar für beide Seiten. Es gibt eine Rede von Natalie Portman. Viele haben sie beim Erwachsenwerden beobachtet, wie sie sich körperlich entwickelt, ab wann sie als sexueller Partner in Frage käme. Daraufhin hat sie ihr Leben und ihre Karriere verändert, weil sie sich dem nicht ausliefern wollte. Sie sagt, es ginge nicht darum, prüde zu werden, sondern Lust und Bedürfnisse mit gleichen Rechten ausleben zu dürfen. Darum geht es, um das gemeinsame Miteinander und sich auf Augenhöhe zu begegnen.“

Mit wem würdest du dich gerne mal auf 'ne Coke treffen?

„Mit Jim Carrey. Er ist einer meiner Helden.“


Wer hat eigentlich die Liebe erfunden läuft seit dieser Woche im Kino.

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