DAS CAFÉ im Hamburger Stadtteil Eppendorf ist an diesem frühen Herbstnachmittag nur spärlich besucht. Zwei Frauen Mitte Zwanzig stecken ihre Köpfe zusammen und beginnen zu tuscheln, als Kostja Ullmann den Laden betritt. Der 34-Jährige nimmt im Rattansessel Platz und entsorgt erst mal sein Kaugummi in einem Taschentuch.

Bereits im Alter von elf Jahren beginnt er seine Karriere als Schauspieler – zunächst auf der Bühne des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters. Nur wenig später startet Kostja Ullmann dann erfolgreich im TV durch, in Krimis („Tatort“) oder Eventfilmen („Das Wunder von Berlin“). Sein Kinodebüt gibt der Spross einer Künstlerfamilie 2004 in dem Coming-Out-Film „Sommersturm“. Es folgen „Coming In“ und „Mein Blind Date mit dem Leben“.

Im neuen Animationsfilm „Smallfoot“ spricht Kostja Ullmann einen Yeti, der sein eisiges Gipfeldorf mehr oder weniger freiwillig verlässt, um zu beweisen, dass es Menschen – „Smallfoots“ – tatsächlich gibt.


Coca-Cola Classic, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?

„Coke Zero Sugar, bitte!“

Yeti Migo ist ein Freigeist, der die Dinge hinterfragt. Hast du dich immer an alle Regeln gehalten?

„Früher habe ich meist alles so angenommen, wie es mir vorgelebt wurde. Als Kind und Teenager war ich unfassbar schüchtern. Ich habe mich immer extrem zurückgehalten und deshalb fast nie getraut, Fragen zu stellen. Auch in der Schule fand ich es schrecklich, im Mittelpunkt zu stehen. Das war nie meine Welt. In solchen Situationen habe ich mich einfach nicht wohlgefühlt.“

Yeti Migo
FLAUSCHIGER Freund: Yeti Migo (gesprochen von Kostja Ullmann) und sein Kumpel Percy

Umso erstaunlicher, dass du Schauspieler geworden bist…

„Aber das bin ich ja nicht ich! Es sind immer meine Rollen, in die ich schlüpfe und die dann im Mittelpunkt stehen. Mit dem ganzen öffentlichen Drumherum, das zum Schauspieler-Job dazu gehört, komme ich inzwischen zwar gut zurecht – meine Welt ist das bis heute trotzdem nicht. Damals in der Schule war es aber wirklich schlimm. Da wusste ich: Wenn ich jetzt die Hand hebe und mich der Lehrer drannimmt, dann schauen alle Mitschüler auf mich. Und wenn ich zudem noch was Falsches sage – dann versinke ich vor Scham im Boden.“

Einen wilden und aufmüpfigen Kostja hat es also nie gegeben?

„Ich habe wunderbare Eltern und bin wohlbehütet aufgewachsen. Deshalb verspürte ich früher wohl auch nie das Bedürfnis, die Dinge grundsätzlich zu hinterfragen. Es lief in meinem Leben bis heute immer alles sehr gut und rund. Und außerdem hatte ich ja bereits im Alter von elf Jahren mit der Schauspielerei angefangen und konnte mich so in vielerlei Hinsicht ausleben und auf andere Art und Weise rebellisch sein.“

„Ich habe Lust, neue Menschen, Länder, Kontinente und Kulturen kennenzulernen. Reisen bereichert unser Leben.“


Und wie sieht’s heute aus?

„Rebellisch bin ich weiterhin nicht. Aber ich hinterfrage sicherlich mehr. Zum Beispiel, was ich wirklich im Leben brauche, um glücklich zu sein.“

Wie lautet für dich die Antwort?

„Worauf kommt es wirklich im Leben an? Das sind doch Säulen wie Liebe, Familie, gute Freunde und ein Job, der dich erfüllt. Mein Herz hängt an Menschen und nicht an materiellen Dingen. Natürlich finde auch ich es schön, mir ab und zu mal coole Klamotten, Schuhe oder Sachen zu kaufen. Aber wenn ich die irgendwann nicht mehr haben sollte, dann würden sie mir garantiert nicht fehlen.“

Weniger ist für dich mehr?

„Als Kind habe ich mit meinen Eltern mal Urlaub in Indien und Sri Lanka gemacht. Dort kommen die Menschen mit einem Bruchteil dessen aus, was wir so alles haben. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, was für ein großes Glück ich eigentlich habe mit meinem riesigen Kinderzimmer und dem ganzen materiellen Überfluss. Zum einen lernte ich das alles viel mehr zu schätzen; beschloss damals aber auch, mich mehr einzuschränken. Und damit fahre ich bis heute super.“

Kostja Ullmann - Synchronisation
WOOOAAAHHH!!! Kostja Ullmann im Synchronstudio

Bist du ein neugieriger Mensch?

„Ich bin sogar extrem neugierig! Ich habe riesige Lust darauf, neue Menschen, Länder, Kontinente und Kulturen kennenzulernen. Und meine Frau Janin tickt ebenfalls so. Regelmäßig zu reisen bereichert unser Leben – und dafür geben wir auch das meiste Geld aus.“

Plant ihr eure Trips im Vorfeld komplett durch?

„Das wäre für uns das Allerschlimmste. Wir legen nur eine ganz grobe Route fest und lassen uns dann treiben. Am liebsten sind wir den ganzen Tag mit dem Rucksack unterwegs und tauchen bevorzugt in Ecken ein, die abseits der Touristenpfade liegen.“

Der Yeti zählt zu den mythenumrankten Fabelwesen. Was meinst du: Gibt es mehr Dinge und Wesen auf unserer Welt, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt?

„Ich glaube nicht an das Ungeheuer von Loch Ness oder den Yeti. Aber wenn man bedenkt, dass bislang nur ungefähr fünf Prozent der Weltmeere erforscht sind – was sich da noch so alles in der Tiefe tummelt, das können wir uns gar nicht vorstellen… Und was im Weltall los ist, ist für mich eines der spannendsten aber auch am wenigsten begreifbaren Themen. Ich schaue mir immer wieder Dokus über die verschiedenen Universen, Milchstraßen und die Unendlichkeit des Weltalls an. Aber vieles bleibt für mich unvorstellbar. Von was genau sind wir ein Teil? Hat das Ganze einen Sinn oder nicht? Eines steht für mich allerdings fest: Es muss irgendwo da draußen noch anderes Leben geben.“

Wie stehst du zu übersinnlichen Phänomenen wie Geistern?

„Unheimliche Vorkommnisse, für die es keine rationale Erklärung gibt, finde ich total spannend. Und wer weiß: Vielleicht gibt es ja tatsächlich Geistwesen. Zumal man sich über die Frage, was nach dem Tod passiert, doch wunderbar die Köpfe heißreden kann: Löst sich der Körper nach dem Tod einfach auf, war es das dann oder geht es doch irgendwie weiter? Ist unser Körper nur eine Hülle, die wir für eine begrenzte Zeit bewohnen, während unsere Seelen unsterblich sind?“

„Bereits als Kind habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass wir uns schon aus früheren Zeiten kennen.“


Woran glaubst du?

„Ich fühle mich sehr zum Buddhismus hingezogen und glaube deshalb an die Wiedergeburt. Mit meiner Mutter hatte ich immer schon eine ganz starke geistige Verbindung. Bereits als Kind habe ich zu ihr gesagt, dass wir uns schon aus früheren Zeiten kennen – also vor unserer Geburt. Ich fühle, dass unsere Seelen ganz fest miteinander verbunden sind. Wir Menschen bestehen alle aus Atomen. Atome, die sich immer wieder neu zusammensetzen. Insofern glaube ich auch an den ewigen Kreislauf des Lebens.“

Sind deine Eltern religiös?

„Sie sind Atheisten und deshalb hat Religion in meiner Kindheit und Jugend nie eine Rolle gespielt. Der Buddhismus gefällt mir heute deshalb so gut, weil er in meinen Augen die friedlichste und toleranteste Religion der Welt darstellt. Ich möchte mich aber auch von nichts und niemanden lenken lassen – schon gar nicht von einer Glaubensrichtung. Grundsätzlich tue ich mich deshalb auch schwer damit, wenn Menschen ihr Leben von Glaubensformen, Geboten und Gesetzen bestimmen lassen, die bereits Jahrtausende alt sind – und sie diese auch im Jahr 2018 nicht einmal hinterfragen. Vor ein paar Jahrhunderten mag das vielleicht noch okay gewesen sein, aber die Menschheit hat sich seitdem extrem weiterentwickelt. Und deshalb sollten sich auch die Religionen weiterentwickeln. Gerade wenn Religion andere Menschen ausgrenzt, spaltet oder Hass schürt, hört bei mir alles auf. Es ist zwar gut und wichtig, wenn Religion Menschen Kraft und Halt gibt. Ich persönlich glaube aber nicht an ein Märchenbuch, das vor Tausenden von Jahren geschrieben wurde.“

5 Lieblingssongs von Kostja Ullmann:

Ist das Glas für dich immer halb voll oder halb leer?

„Ich bin der totale Optimist und glaube immer an das Gute im Menschen. Ein Charakterzug, den ich von meinen Eltern geerbt habe und mit dem ich natürlich auch auf die Nase fallen kann. Janin ist realistischer und sieht die Dinge wesentlich klarer als ich. Wir ergänzen uns also wunderbar.“

Gibt es Momente, in denen du Deinen Beruf als Schauspieler hinterfragst und du dir vorstellen könntest, etwas ganz Anderes zu machen?

„Als freiberuflicher Schauspieler weißt du nie, wie es weitergeht. Ich durfte in der Vergangenheit zwar schon viele tolle Rollen spielen. Das heißt aber nicht, dass ich in zwei Jahren immer noch weiterarbeiten kann. Deshalb komme ich zwischenzeitlich auch mal kurz ins Grübeln – aber am Ende hilft mir mein unerschütterlicher Optimismus und meine innere Ruhe. Ich glaube, dass am Ende immer alles gut wird. Und wenn es mit der Schauspielerei mal nicht mehr klappt, dann wird es etwas Anderes sein, das mich glücklich macht.“

Kostja Ullmann - Selfie
SELFIE im Café: Kostja Ullmann beim Interview

Zum Beispiel?

„Kinder sind für mich das Allertollste. Deshalb könnte ich es mir sehr gut vorstellen, als Erzieher im Kindergarten zu arbeiten. Mich reizt aber auch der Gedanke, einmal um die Welt zu reisen und mich dabei mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Zumal ich auch mit sehr viel weniger Geld klarkommen würde. Ich bin kein Mensch, der die nächsten zehn Jahre durchplant. Ich lebe gerne im Moment – mit dem festen Glauben daran, dass es immer irgendwie weitergehen wird. Egal wie. Gerade bei Rückschlägen, die auch mir immer wieder mal passieren, hilft das sehr.“

Mit wem würdest du dich gern auf eine Coke treffen?

„Mit meinen Großeltern väterlicherseits. Die habe ich leider nie kennenlernen dürfen. Und ich würde es sehr spannend finden, wenn sie mir über das Leben meines Vaters erzählen, als er jung war.“

„Smallfoot“ startet diese Woche im Kino.

Ab 9. November ist Kostja Ullmann außerdem in der Serie „Beat“ auf Amazon prime zu sehen.

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