GRAND HYATT am Potsdamer Platz in Berlin: Ich treffe eines der markantesten Gesichter im deutschen Kino. Kida Khodr Ramadan, geboren in Beirut, aufgewachsen in Berlin-Kreuzberg. Einer, der den Drogenboss so authentisch spielt, dass Leute auf der Straße Angst vor ihm haben. Und einer, der privat wohl kaum in einer solchen Luxusherberge in Berlin-Mitte absteigen würde. Kein Wunder, dass der „Dude des deutschen Kinos“ („Die Zeit“) das Interview nicht im dafür gebuchten Hotelzimmer führen will – sondern im Raucherraum. Als der geschlossen ist, wird es kurz ungemütlich. Wir setzen uns in die Lobby. Die Zigaretten liegen auf dem Tisch.

Kida Khodr Ramdan ist drei Monate alt, als seine Eltern mit ihm aus dem Libanon flüchten. Die Familie kommt zunächst in einer Asylunterkunft unter, schnell findet der Vater Arbeit. Ramadan bricht später die Hauptschule ab, tanzt lieber Hip-Hop in einer Straßengruppe. Ein türkischer Regisseur und Ex-Sozialarbeiter entdeckt Ramadan und bietet ihm 2003 eine Rolle an. Es folgen Auftritte in Detlef Bucks Sozialdrama „Knallhart“, „Kebap Connection“ oder „Drei Türken und ein Baby“. Oft spielt der 41-Jährige Kleinkriminelle und Clanbosse. Wie in der hochgelobten TNT-Serie „4 Blocks“. Privat ist der Hip-Hop-Fan verheiratet und hat fünf Kinder.

In dem von Moritz Bleibtreu produzierten Gangsterfilm „Nur Gott kann mich richten“ spielt Ramadan an der Seite von Bleibtreu den Besitzer einer Sisha-Bar, der immer tiefer ins kriminelle Milieu abrutscht. Ein Gespräch über ein Leben zwischen Ghetto und Glamour.

Coke, Coca-Cola light oder Coke Zero Sugar?
„Bruder, ich und Freddy Lau sind Coke Zero Fans. Immer wenn wir irgendwo hingehen, bestellen wir 'Zwei Zero, bitte'! Wir haben vier, fünf Stammläden. Die wissen ganz genau, was sie uns bringen müssen.“

In „Nur Gott kann mich richten“ wird deutlich, wie schnell man eigentlich im kriminellen Milieu landen kann. Gab es in deinem Leben auch mal Phasen, in denen du kurz davor standest, abzurutschen?
„Ich hatte sehr viel Glück, dass ich ein gutes Elternhaus hatte. Ich wollte meinen Eltern nicht wehtun und respektlos sein. Sie sind aus dem Bürgerkrieg geflohen und haben mir alles geboten. Ich war außerdem sehr ängstlich, an falsche Kontakte zu kommen. Ich wollte gerne dazugehören. Aber wenn es darauf ankam, bin ich gerannt.“

Ist es denn so einfach, Nein zu sagen in einer Gang?
„Schon, aber ein Nein kann auch sehr stark sein. Man muss wissen, wo man es einsetzt. Und das wusste ich immer. Klar wurde dann mal gesagt: Guck mal, der haut ab. Das ist ein Schisser. Aber lieber meinen Eltern in die Augen gucken können, als auf die Sprüche etwas zu geben.“

Digger, Alter, Atze, Bruder – was geht?


Im Film schaffen es gleich mehrere Figuren nicht, aus dem kriminellen Milieu auszusteigen. Einmal Gangster, immer Gangster?
„Es gibt halt den Punkt, an dem du dich entscheiden musst, wie weit du gehen willst. Irgendwann verlierst du die Relation zum Geld und dann ist es noch schwieriger. Mein Charakter Latif ist ja ein Kleinkrimineller, der mit legalen Geschäften vielleicht weiterkäme als mit seinem illegalen Scheiß.“

Es ist immer sehr einfach, über Kriminelle zu richten. Hast du manchmal Verständnis?
„Ich habe auf jeden Fall Verständnis für Leute, die abrutschen. Man sollte das aber nicht gutreden. Mich interessiert immer: Warum wird ein Mensch kriminell? Was steckt dahinter? Was bringt einen Menschen dazu, irgendwann falsch abzubiegen? Es muss ja irgendwas im Leben dieser Person passiert sein. Aber noch mal: Ich will das nicht gutreden. Im Gegenteil.“

„Wenn Leute meinen Charakter an einem Bart ausmachen, sind das keine guten Menschen.“

Im Film wird gezeigt, dass es quasi jeden treffen kann. Sogar die bürgerliche Mutter und Polizistin...
„Absolut. Alle Figuren in „Nur Gott kann mich richten“ kommen aus dem Alltag. Jeder hat seine Leiche im Keller. Wenn du jemanden fragst, wie es geht, sagen immer alle automatisch: Gut. Aber jeder hat ein Problem. Jeder fucking Typ hat ein Problem.“

Du spielst häufig Klein- oder Großkriminelle. Erlebst du im Alltag, dass dich Leute anders behandeln – auch wegen deines Aussehens?
„Teilweise ja. Aber ich bin sehr wortgewandt und reich an Argumenten. Ich lasse mir nichts gefallen und antworte direkt. Wenn die Leute meinen Charakter an einem Bart ausmachen, sind das keine guten Menschen.“

„Nur Gott kann mich richten“ - Filmplakat
Mit deinem Aussehen hast du sicher auch auf manchen Boule-Turnieren die Blicke auf dich gezogen. Wie bist du zu diesem Hobby gekommen?
„Vor meiner Haustür war ein Bouleplatz. Mein Bruder hat mich dorthin oft mitgenommen. Auch ein Grund, warum ich nicht kriminell geworden bin. Aber mittlerweile fehlt mir dazu leider die Zeit. Ich verbringe die freie Zeit lieber mit meiner Familie.“

Du hast mal gesagt, dass die Straße deine Schauspielschule war. Was hat dich die Straße für deine Rollen und für den Beruf insgesamt gelehrt?
„Dass du frei bist und weißt, wie die reden und ticken. Dass du improvisieren kannst und viele Sachen erlebt hast, die du einbringen kannst.“

„Wenn der Kühlschrank voll ist und meine Kinder genug zu essen haben – das ist mein roter Teppich.“

In Vierteln wie Kreuzberg ist es wichtig, authentisch zu sein. Wie authentisch ist denn das Filmgeschäft? Roter Teppich, Glamour, After Show Partys und so weiter...
„Ich werde oft eingeladen, bin da aber wenig zu sehen. Wenn ich eine Premiere habe, gehe ich hin. Wenn ich für irgendwas nominiert bin, gehe ich hin. Ansonsten gehe ich nur, wenn ein wirklich guter Freund Premiere hat. Ich brauche diese roten Teppiche nicht. Wenn der Kühlschrank voll ist und meine Kinder genug zu essen haben – das ist mein roter Teppich.“

Du spielst jeden Gangster unterschiedlich. Welche Facetten kann ein Krimineller haben?
„Es kommt drauf an, wie man ihn anlegt. Ist er Choleriker, Master, Perfektionist, Loser? Das gehe ich vorher mit dem Regisseur durch. Keiner soll sagen: Das ist wieder der Kida, den wir kennen. Guck dir meine Filme an, Bruder. In jedem Film hab' ich anders gespielt und die Leute lieben mich. Es gibt keinen Film, wo ein Kritiker sagen kann: Kida hat nicht alles gegeben. Das gibt es nicht von mir.“

Fünf Lieblingssongs von Kida Khodr Ramadan

1. Eko Fresh, Kida Ramadan, Frederick Lau u.a.: „Mach ma keine Filme“

2. Michael Jackson: „Thriller“

3. Veysel: „Kleiner Cabrón“

4. Sido: „Mein Block“

5. Massiv: „Ghettolied 2011“

Was Kida Khodr Ramadan zu seinen Lieblingssongs sagt, hörst du in unserem Podcast:

Auch in „Nur Gott kann mich richten“ kann man deiner Rolle irgendwie nicht böse sein...
„Das ist ein guter Mensch, ein Verlierer. Eine arme Sau. Den haben wir auch so angelegt. Dass er auch weinen kann. Das ist die Stärke.“

Dein Lieblingsgangster?
„Definitiv Joe Pesci. Er verkörpert den Gangster, den ich liebe. Ich gucke ihm zu und finde ihn sympathisch, obwohl er so krass hart ist. Aber er spielt mit Liebe. Er ist da, er ist präsent.“

Dafür braucht man keine Schauspielschule – oder?
„Ich glaube sowieso nicht an Schauspielschulen. Entweder du hast es im Blut oder du bleibst zuhause. Ich will die Schulen aber nicht schlecht reden. Ich habe sie nicht besucht, weil ich kein Geld hatte und ich sie meiner Meinung nach für meine Rollen nicht brauche. Wenn ich Goethe spielen würde, würde ich mich mit einem Schauspiellehrer vorbereiten. Bei „Nur Gott kann mich richten“ weiß ich, wo ich bin.“

Im Film fallen häufig Ghetto-Ausdrücke wie 'Alter' und 'Digger'. Stehen die eigentlich so im Drehbuch?
„Wir haben ja mit Özgür Yildirim einen Regisseur, der die Straße auch sehr gut kennt. Aber er lässt dich auch einfach reden.“

„Frederick Lau und ich wollen die nächsten „Tatort“-Kommissare in Berlin werden. Wir kennen die Straße.“

Hast du eine Traumrolle?
„Frederick Lau und ich wollen die nächsten „Tatort“-Kommissare in Berlin werden. Das ist unser Ziel. Wir sind Berliner Jungs und kennen die Straße. Die sollen uns nicht Erfurt oder Bremen anbieten. Wir gehen nur aufs Ganze. Und dann werden sie sehen, das ist der krasseste „Tatort“, den Deutschland je hatte. Zwei korrupte Bullen. Das würde doch jeder gucken.“

Du hattest ja im Berliner „Tatort“ einen Auftritt, wurdest am Ende aber erschossen...
„Bruder, hast du das gesehen? Die haben mich so früh ermordet, dass sie in späteren Folgen Flashbacks von mir eingebaut haben. Dadurch war ich immer noch am Start...“

Im Frühjahr bist du in der zweiten Staffel der hochgelobten Dramaserie „4 Blocks“ zu sehen. Wie spannend ist es, eine Figur über eine so lange Zeit zu entwickeln?
„Na klar macht das einen Riesenspaß, die Figur weiter zu entwickeln und darzustellen. Aber ich konzentriere mich gerade voll und ganz auf „Nur Gott kann mich richten“. Es ist einer der besten deutschen Filme. Und das sage ich nicht, weil ich mitspiele. Kompliment an Constantin Film, dass sie so mutig waren, diesen Stoff mitzuentwickeln. Das zeigt, dass der deutsche Film langsam mutig wird.“

„Nur Gott kann mich richten“ - Moritz Bleibtreu, Kida Khodr Ramadan und Edin Hasanović
GUT UND BÖSE: Moritz Bleibtreu, Kida Khodr Ramadan und Edin Hasanović bei der Premiere in Frankfurt am Main

„Aus dem Nichts“ von Fatih Akin wurde ja gerade in Hollywood mit einem „Golden Globe“ ausgezeichnet. Auch wenn er bei den Oscars leer ausgeht: Wie wichtig kann das sein für den deutschen Film insgesamt?
„Für mich als Schauspieler: Ich will nicht nach Hollywood. Meine Kollegen sollen alle nach Hollywood. Wenn ich hier mein Brot essen darf, dann bin ich glücklich und sage Danke. Wenn einer das Gefühl hat, er muss nach Hollywood, um da auf der Ersatzbank zu sitzen, dann soll er da hingehen. Dann kommt er zurück und sitzt hier auch auf der Ersatzbank. Ich bin hier glücklich und weiß, was ich kann. Ich habe nicht diesen Traum. Ich finde gut, dass deutsche Filme dort gerade gut ankommen, aber konzentriere mich auf den deutschen Markt. Ich hatte Angebote von englischen, französischen und skandinavischen Agenturen. Alles abgelehnt. Ich brauch' das nicht. Was soll ich in irgendeinem Ami-Film als Schminkfutter dastehen? Viele Kollegen sind rübergegangen, haben es probiert, sind zurückgekommen und kellnern jetzt. Nichts gegen Kellner. Aber bleib' mal da, wo du bist. Iss dein Brot und halt deine Fresse. Und trink deine Cola.“

Eine sehr gute Überleitung: Mit wem würdest du dich gern mal auf 'ne Coke treffen?
Mit keinem anderen treffe ich mich auf 'ne Coke Zero, als mit Frederick Lau. Freddy ist meine beste Atze.“

„Nur Gott kann mich richten“ läuft diese Woche im Kino an.

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